Panorama

Enkelin entdeckt Foto mit Hitler"War mein Großvater ein überzeugter Nationalsozialist?"

30.05.2026, 15:32 Uhr WZ-Reporter-Janis-peitsch-am-18-Oktober-2017Interview: Janis Peitsch
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Hans-Joachim Knigge (r.) mit Hitler auf dem NSDAP-Parteitag 1934 in Nürnberg. (Foto: Familienarchiv Knigge)

Ein Foto zeigt den Großvater von Dagmar Knigge beim Handschlag mit Adolf Hitler. Fünf Jahre lang recherchiert die Juristin daraufhin dessen Vergangenheit und schreibt ein Buch darüber. Sie stößt auf Verbindungen zur SS und zur berüchtigten Einsatzgruppe A. Im Interview mit ntv.de spricht sie über familiäres Schweigen, fehlende Puzzleteile und die Schwierigkeit, über einen Menschen zu urteilen, den man nie wirklich gekannt hat.

ntv.de: Frau Knigge, Ihr Großvater starb 1978. Welche Erinnerungen haben Sie an ihn?

Dagmar Knigge: Die Erinnerungen sind verschwommen, weil ich ihn nur im Grundschulalter bewusst erlebt habe. Aber sie sind durchweg positiv. Ich habe ihn als freundlichen, zugewandten Menschen erlebt. Später, als ich älter wurde, tat sich jedoch eine Diskrepanz auf: Meine Kindheitserinnerungen passten nicht zu dem Bild, das Familienmitglieder von ihm zeichneten.

Welche Geschichten kursierten innerhalb der Familie über Ihren Großvater?

Es wurde wenig über ihn gesprochen, er war eine Art "Persona non grata". Von meinen Eltern bekam ich nur Bruchstücke: Hans-Joachim Knigge sei ein guter Zehnkämpfer gewesen, angeblich sogar für die Olympischen Spiele 1936 in Berlin nominiert. Außerdem hieß es, dass er bei der SS gewesen sei. Während des Zweiten Weltkrieges habe er auf dem Balkan den Partisanenführer Josip Tito gejagt. Ansonsten wurde in der Familie kaum über meinen Großvater gesprochen. Ich hatte das Gefühl, dass er nicht besonders beliebt war. Auch zu seinen sieben Kindern schien kein besonders herzliches Verhältnis bestanden zu haben.

Wie kam es dazu, dass Sie sich intensiv mit seinem Leben beschäftigt haben?

Ich interessierte mich schon als Kind für Geschichte. Wegen meines Nachnamens wurde ich ständig gefragt, ob ich mit dem berühmten Freiherrn von Knigge verwandt sei. Das bin ich allerdings nicht. Der konkrete Auslöser war die TV-Serie "Das Boot". Zwischen Weihnachten und Neujahr 2020 saß ich vor dem Fernseher und dachte: Was weiß ich eigentlich wirklich über meinen Großvater?

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Dagmar Knigge ist Rechtsanwältin in einer Wirtschaftskanzlei. Über ihre Recherchen zu ihrem Großvater hat sie ein Buch geschrieben. (Foto: Alexander Dacos)

Dann kam der Zufall ins Spiel: Ich sah in einer Zeitung eine Aktion, bei der die Agentur "Rückblende" Unterstützung bei der Erforschung von Familiengeschichten anbot. Ich hatte von Anfang an das Gefühl, dass es sinnvoll wäre, einen Profi hinzuzuziehen. So kam das Ganze ins Rollen.

Im Institut für Zeitgeschichte fanden Sie ein Foto: Ihr Großvater schüttelt Adolf Hitler die Hand. Was ging in Ihnen durch den Kopf, als Sie das Bild sahen?

Ich war perplex. Wer hat schon ein Foto, auf dem ein naher Angehöriger Hitler die Hand schüttelt? Ich habe es in der Zeitschrift "Der Turnerschafter" gefunden, zusammen mit einem Artikel über den Reichsparteitag 1934 in Nürnberg. Mein Großvater führte dort einen sogenannten Stoßtrupp. In der Zeitschrift heißt es, die von ihm geleitete Einheit sei durch besondere Disziplin und ein gutes Auftreten aufgefallen. Im Zuge der Recherchen stellte sich später heraus, dass sich ein Abzug des Bildes sogar im Familienarchiv befand.

Sie haben insgesamt fünf Jahre recherchiert. Was haben Sie herausgefunden?

Ich bin überrascht, wie viele Spuren sich noch finden ließen. Einzelfunde gab es zum Beispiel im US-Nationalarchiv in Washington, etwa über seine Tätigkeit im Amt für Leibesübungen der Deutschen Studentenschaft vor dem Krieg.

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Hans-Joachim Knigge (l.) marschiert mit seiner Arbeiter-Stoßtruppe durch Nürnberg. (Foto: Familienarchiv Knigge)

Im Bundesarchiv liegt zudem seine umfangreiche Personalakte, die seine Laufbahn innerhalb der SS dokumentiert. Er war unter anderem für den Sicherheitsdienst (SD), den Geheimdienst der SS, in Belgrad tätig. Eine wichtige Tätigkeit des Sicherheitsdienstes war die Partisanenbekämpfung. Von September 1941 bis Ende Januar 1942 gehörte er außerdem der berüchtigten Einsatzgruppe A an.

Unter dem Deckmantel der Partisanenbekämpfung verübten Wehrmacht, SS und Polizei systematisch Massenmorde und Geiselerschießungen. Die Einsatzgruppe A spielte eine zentrale Rolle bei der Vernichtung der jüdischen Bevölkerung. War Ihr Großvater an solchen Verbrechen beteiligt?

Das ist leider ein blinder Fleck. Das Archiv in Belgrad bestätigte lediglich seine Tätigkeit beim SD in der Stadt. Weitergehende Akten wurden nicht gefunden oder mir nicht zugänglich gemacht. Das Einsatzgebiet der Einsatzgruppe A umfasste die baltischen Staaten. Trotz jahrelanger Recherche konnte ich nicht herausfinden, wo genau er dort eingesetzt war und welche Aufgaben er hatte.

Er war allerdings zu einer Zeit dort, als das Ghetto in Riga geräumt wurde und Massenerschießungen stattfanden. Ob er damit in irgendeiner Weise in Verbindung stand, weiß ich nicht. Genau dieses fehlende Puzzleteil habe ich jahrelang gesucht und nie gefunden.

Wie gehen Sie damit um, keine eindeutige Antwort zu haben?

Das ist enttäuschend, weil ich gerne Klarheit hätte. Aber damit muss man leben. Viele Unterlagen sind vernichtet worden, bewusst oder durch Kriegseinwirkung. Das ist nicht zu ändern.

Ihr Großvater wurde nach dem Krieg als "Mitläufer" eingestuft. Wie war das trotz seiner SS-Karriere möglich?

Das ist tatsächlich erstaunlich. Die Spruchkammer-Akte enthält die Anklage: Aufgrund seiner SS-Zugehörigkeit und seines Ranges wurde er automatisch in die Kategorie eins, also der Hauptschuldigen, eingestuft. Er musste einen Entlastungsbeweis führen - und dieser bestand in seinem Fall aus einer ausführlichen schriftlichen sowie mündlichen Aussage sowie eidesstattlichen Erklärungen zahlreicher Zeugen.

In der Spruchkammer-Akte finden sich keinerlei Unterlagen über seine konkrete Tätigkeit. Er sagte: "Ja, ich war beim SD, aber ich war von Haus aus Sportlehrer und habe lediglich sportfachliche Aufgaben übernommen, keine politischen." Seine Tätigkeit bei der Einsatzgruppe und auf dem Balkan verschwieg er. Die Spruchkammer akzeptierte diese Darstellung.

Wie erklären Sie sich diese Einstufung?

Man kann darüber nur spekulieren: Entweder wollten die Anklage und die Spruchkammer nicht genauer nachforschen, oder es fehlten kurz nach Kriegsende schlicht die Kapazitäten und Möglichkeiten. Man gab sich mit dem zufrieden, was vorlag. Seine Darstellung enthielt gravierende Auslassungen, aber es gab keine gegenteiligen Belege und die Zeugen bestätigten seine Aussagen - damit galt er am Ende als "Mitläufer".

Allerdings heißt es in seiner BND-Akte, er sei "mithilfe des amerikanischen Geheimdienstes CIC legalisiert" worden [das Counter Intelligence Corps war eine Spionage-Abwehrabteilung der US-Armee]. Wegen des sich abzeichnenden Ost-West-Konflikts hatten die Amerikaner zunehmend weniger Interesse daran, bestimmte Personen zu verfolgen. Gerade Menschen mit Erfahrung im Osten galten plötzlich als nützlich. Es ist daher denkbar, dass man sagte: Graben wir bei diesem Mann lieber nicht allzu tief.

Warum führte auch der BND eine Akte über Ihren Großvater?

Es gibt Hinweise darauf, dass die Vorgängerorganisation des Bundesverteidigungsministeriums, das Amt Blank, ihn zur Mitarbeit bewegen wollte. Vermutlich wegen seiner Geheimdiensttätigkeit und seiner Kenntnisse über Osteuropa und den Balkan. Er lehnte jedoch ab. Warum er anschließend überwacht wurde, weiß ich nicht. Das Fazit des BND nach jahrelanger Beobachtung lautete zusammengefasst: Dieser Mann ist undurchsichtig - wir können nichts mit ihm anfangen.

Was war für Sie persönlich die wichtigste Erkenntnis aus dieser jahrelangen Recherche?

Man konnte sich bewusst für oder gegen den Nationalsozialismus entscheiden. Mein Großvater hatte einen Bruder, der einen völlig anderen Weg einschlug. Er verließ Deutschland, ging nach Dänemark und floh von dort vor den Nazis nach Schweden. Von seiner Existenz wusste ich zuvor nichts, in der Familie wurde nie über ihn gesprochen.

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Die zweite Erkenntnis lautet: Man kann fünf Jahre lang recherchieren und am Ende dennoch kein abschließendes Urteil fällen, weil entscheidende Informationen fehlen. War mein Großvater ein überzeugter Nationalsozialist, der seine Ideologie auch publizistisch in Zeitschriftenartikeln vertrat? Oder war er vor allem ein Opportunist, der Karriere machen wollte? Ich weiß es nicht.

Mit Dagmar Knigge sprach Janis Peitsch

Quelle: ntv.de

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