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Chronologie des Missbrauchfalls Warum es Christian L. so leicht hatte

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Landratsamt in Freiburg: Der Freiburger Fall löst Debatten um mögliche Defizite und Verantwortlichkeiten aus.

(Foto: dpa)

Über zwei Jahre soll Christian L. den Sohn seiner Lebensgefährtin missbraucht und ihn an Männer für Vergewaltigungen verkauft haben. Die Mutter soll davon gewusst haben. Neben dem Verbrechen selbst löst auch der Umgang fast aller beteiligter Institutionen großes Entsetzen aus. Warum durfte der mehrfach vorbestrafte Mann mit einem Kind leben? Wer trägt die Verantwortung dafür, dass das Leid des Jungen nicht viel früher beendet wurde? Die Gerichte? Das Jugendamt des Landkreises Breisgau-Hochschwarzwald in Freiburg? Oder der Bewährungshelfer? Eine Chronologie des Versagens:

Im März 2005 wird Christian L. wegen des Besitzes von kinderpornografischem Material zu einer einjährigen Freiheitsstrafe verurteilt. Da ist er gerade 26 Jahre alt. Weil sich L. bereit erklärt, eine Therapie zu machen, bleibt er auf freiem Fuß. Ob er sie auch antritt, wird nie überprüft.

Fünf Jahre später, im August 2010, sitzt L. wieder auf der Anklagebank. Der damals 31-Jährige hatte ein 13-jähriges Mädchen missbraucht und die Vergewaltigung, bei der auch die dreijährige Schwester des Opfers anwesend war, gefilmt. Auf seinem Computer fanden Ermittler 300 kinderpornografische Filme und über 1000 Bilder. Das Landgericht Freiburg verurteilt den Staufener zu über vier Jahren Haft. Eine Sicherungsverwahrung wird vom Gericht abgelehnt: "Sie haben eine Chance verdient", war Richterin Eva Voßkuhle, die Ehefrau von Bundesverfassungsgerichts-Präsident Andreas Voßkuhle, damals zitiert worden.

Vier Jahre später, Anfang 2014, wird L. aus der Haft entlassen und kehrt nach Staufen zurück. Er steht unter Führungsaufsicht durch einen Bewährungshelfer. Eine seiner Auflagen: kein Kontakt zu Kindern und Jugendlichen. Zu dieser Zeit gibt es bereits eine Akte des späteren Opfers beim Jugendamt. Ein Nachbar von Berrin T., der Mutter des Jungen, hatte die Beamten darüber informiert, dass der kaum Kontakt zu anderen Kindern habe, stattdessen immer in der abgedunkelten Wohnung bleiben müsse. "Es gab keinen Spielplatz, kein Kontakt zu anderen Kindern", zitiert die "Badische Zeitung" den Mann.

Das Unheil nimmt seinen Lauf, als L. - vermutlich im Frühjahr 2015 - die alleinerziehende Berrin T. und ihren Sohn kennenlernt. Obwohl der vorbestrafte L. keinen Kontakt zu Kindern haben darf, werden die beiden ein Paar und ziehen im September 2016 zusammen. Doch lange Zeit bleibt der Verstoß ohne Konsequenzen. Nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft hat der Missbrauch im Laufe des Jahres 2015 begonnen.

Erst im März 2017 eröffnet die Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren gegen L. wegen Verstoßes gegen das Kontaktverbot. Ein Polizist hatte das Jugendamt informiert, dass L. mit der Mutter des heute Neunjährigen ein Verhältnis habe. Das Jugendamt des Kreises Breisgau-Hochschwarzwald reagiert und nimmt den Jungen in Obhut. Eine Woche später widerspricht Berrin T. vor dem Amtsgericht und bekommt recht.

Im April 2017 lehnt das Familiengericht ab, Mutter und Sohn zu trennen. Weil die Richter die Gefahr durch L. sehen, erhält die Mutter die Auflage, dass ihr Lebensgefährte die Wohnung nicht betritt und dass es auch sonst keine gemeinsamen Freizeitaktivitäten zwischen L. und ihrem Sohn gibt. Bei der Verhandlung wird offenbar vergessen, festzulegen, wer diese Auflage kontrollieren soll. Das Jugendamt ist überzeugt, das habe das Gericht allein der Mutter zugetraut, und hält sich ab sofort aus dem Fall heraus. Das Familiengericht wiederum geht davon aus, dass das Jugendamt ein Auge auf die Familie hat. Ab dem 11. April lebt der Junge wieder in der Wohnung seiner Mutter - zusammen mit seinem Peiniger. Das Jugendamt stimmt zu – obwohl es die Inobhutnahme verlängern wollte, bis ein Gutachten über die Erziehungsfähigkeit der Mutter vorliegt.

Im Juni 2017 verurteilt das Amtsgericht Staufen L. wegen Verstoßes gegen die Auflagen der Führungsaufsicht zu vier Monaten Haft. Er legt Berufung ein und das Urteil wird vorerst nicht rechtskräftig.

Ende Juli 2017 landet der Fall vor dem Oberlandesgericht in Karlsruhe, auf dem Tisch von Richterin Voßkuhle. Sie bestätigt: L. darf weiterhin keinen Kontakt zum Sohn seiner Lebensgefährtin haben. Wie das kontrolliert werden soll, bleibt offen. Andere Auflagen streicht die Richterin: Die Mutter braucht kein Gutachten über ihre Erziehungsfähigkeit nachzuweisen, sie muss nicht zum Psychiater, weil sie bei einem Therapeuten in Behandlung ist. Und: Berrin T. bekommt keine Erziehungshilfe, weil sie diese ablehnt, jedoch grundsätzlich als kooperativ gilt.

Erst eine anonyme Anzeige beim Bundeskriminalamt am 10. September 2017 sorgt dafür, dass das Martyrium des Jungen endlich ein Ende hat. Am 16. September werden Christian L. und Berrin T. verhaftet, ebenso sechs weitere Verdächtige eines Pädophilenrings. Die Anklage gegen das Paar soll noch im Frühjahr erhoben werden.

Quelle: n-tv.de, dsi

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