Panorama

Schleppender Impfstart Warum fast 1 Million Dosen im Lager bleiben

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Noch 2020 wurden 1,3 Millionen Dosen des Biontech-Impfstoffes an die Bundesländer ausgeliefert.

(Foto: picture alliance/dpa/APA)

Die Rufe nach mehr Impfstoff werden immer lauter. Von den 1,3 Millionen bereits gelieferten Dosen wurden aber erst 370.000 verimpft. Der Rest wartet nach wie vor auf die Verteilung. Woran das liegt, erklärt ntv.de.

Wegen des schleppenden Impfbeginns schlägt der Bundesregierung zurzeit viel Kritik aus allen Richtungen entgegen. SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil sprach zuletzt von "chaotischen Zuständen". Ähnlich äußerten sich auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder und Gesundheitspolitiker anderer Parteien. Leopoldina-Forscherin Frauke Zipp sieht sogar ein "grobes Versagen" der Bundesregierung. Der einhellige Vorwurf: Es sei zu wenig Impfstoff bestellt worden.

Dabei sind die 1,3 Millionen bereits ausgelieferten Impfdosen bei weitem noch nicht aufgebraucht. Laut Robert-Koch-Institut sind bislang nur rund 370.000 (Stand 05.01.) verimpft worden. Fast eine Million Dosen warten demnach in den geheimen Kühllagern der Bundesländer auf die Verteilung. Für diese Diskrepanz gibt es zwei entscheidende Gründe: Zum einen die schwierige Impf-Logistik und zum anderen die Taktung der Impfungen.

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"Mit der Entscheidung, zuerst in Pflegeheimen zu impfen, war klar, dass es langsamer losgeht", erklärte Spahn in der "Rheinischen Post". "Dort müssen mobile Teams eingesetzt werden, das ist aufwendiger als im Impfzentrum." Tatsächlich ist die Impfaktion in den Pflegeheimen nicht so gut angelaufen wie geplant. In den Bundesländern kommen die Impfteams unterschiedlich schnell voran. So erreichte Sachsen bis Mittwoch nur eine Quote von 2,6 Impfungen pro 1000 Einwohner, Mecklenburg-Vorpommern kam dafür auf einen Spitzenwert von 11,2. Schlusslicht sind Niedersachsen (1,9) und Thüringen (1,7).

Einwilligungserklärungen fehlen

Bundesländer berichten immer wieder von Problemen beim Impfeinsatz: Corona-Ausbrüche in Pflegeheimen erschweren die Tourenplanung der Teams. Die Gesundheitsministerien in Sachsen, Thüringen und Rheinland-Pfalz beklagen zudem fehlende Einwilligungserklärungen der Bewohner. Das Deutsche Rote Kreuz (DRK), das in Rheinland-Pfalz die Impfungen in den Heimen organisiert, habe erst im neuen Jahr mit dem Start gerechnet, sagte ein Sprecher der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Doch da die Zulassung des Biontech-Impfstoffs bereits kurz vor Weihnachten kam, wurde der Impfbeginn vorgezogen.

Binnen kurzer Zeit mussten somit die Heime die Impfbereitschaft von Bewohnern und Mitarbeitern ermitteln. Über die Feiertage kein leichtes Unterfangen. "Alle Bewohner müssen vor der Impfung aufgeklärt worden sein und Einwilligungsbögen vorgelegt haben", erklärte Kai Kranich vom DRK in Sachsen im MDR. Problematisch sei das vor allem bei nicht einwilligungsfähigen Bewohnern. Wenn ein Bewohner an Demenz leidet, ist oft die Unterschrift eines Vormunds nötig. Diese fehle allerdings häufig.

So kommt es bundesweit immer wieder zur kuriosen Situation, dass ein mobiles Impfteam bereitsteht, der Impfstoff aber trotzdem nicht verabreicht werden kann. "Außer in der laufenden Woche haben wir unsere Kapazitäten bisher nicht ausschöpfen können", sagte auch der DRK-Sprecher in Rheinland-Pfalz. Gerade einmal 60 Einrichtungen konnten die Impfteams in der ersten Woche nach Impfstart ansteuern. Geplant waren 140.

Dosen für zweite Impfung geblockt

Ein weiterer Grund, warum nicht alle zur Verfügung stehenden Impfdosen gleich verteilt werden, dürfte in der Impf-Taktung liegen: Zur vollständigen Wirksamkeit muss jeder zweimal geimpft werden. Deshalb halten die Länder die Hälfte des Impfstoffes zurück, um in jedem Fall genügend Dosen für die zweite Impfung zu haben. Auch die Ständige Impfkommission (Stiko) rät zu diesem Vorgehen.

Daher blocken die Bundesländer bislang die gleiche Anzahl an Dosen, die sie verspritzen. "Wir wissen ja noch nicht, wann die nächste Impfstofflieferung kommt, eventuell erst in der kommenden Woche", sagte Martin Helfrich von der Gesundheitsbehörde in Hamburg. Es müsse verhindert werden, dass der Impfstoff ausgeht. Von den rund 29.000 Impfdosen, die Hamburg bislang erhalten hat, wurden bis einschließlich Montag 4756 verabreicht - auch hier zunächst in Pflegeheimen und Krankenhäusern.

Zuletzt gab es Überlegungen, die zweite Impfung um mehrere Wochen zu verschieben, damit zeitnah mehr Menschen geimpft werden können. Großbritannien hatte sich bereits für diesen Weg entschieden. Auch die WHO hält eine Vergrößerung des zeitlichen Abstands zwischen den notwendigen zwei Dosen für vertretbar. Der Mainzer Impfstoffentwickler Biontech hatte hingegen davor gewarnt. Es lägen keine Daten vor, die eine Sicherheit und Wirksamkeit für den Fall belegten, dass die beiden Dosen im Abstand von mehr als drei Wochen gespritzt werden, erklärte das Unternehmen. Auch Spahn lehnte einen größeren Impfabstand ab.

Der Gesundheitsminister zeigte sich zuversichtlich, dass noch im Januar alle Bewohnerinnen und Bewohner von Pflegeheimen ein Impfangebot bekämen. Bis Ende Januar erwartet die Bundesregierung vier Millionen Impfdosen des Biontech/Pfizer-Impfstoffs. Zudem wurde mit dem Präparat von Moderna ein weiterer Impfstoff in der EU zugelassen. Für Deutschland sind davon insgesamt 50 Millionen Dosen über die EU gesichert. Über weitere Dosen wird bereits national verhandelt.

Aber nicht nur ausreichend Impfstoff muss vorhanden sein, auch die Impf-Logistik muss besser funktionieren. Frank Bergmann, Chef der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein, ist zuversichtlich: Anfangs seien die Pflegeheime "unterschiedlich gut vorbereitet gewesen", sagte er dem WDR. Er gehe aber davon aus, dass der Impfbetrieb ab jetzt "gleichmäßiger" laufe.

Quelle: ntv.de