Panorama

Waldbrand in Lübtheen Warum lagert im Boden so viel Munition?

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Betreten strengstens verboten: In dem Wald bei Lübtheen sind nicht nur die Flammen gefährlich, sondern vor allem die im Boden verborgene Munition, die jederzeit explodieren kann.

(Foto: picture alliance/dpa)

In Mecklenburg-Vorpommern brennt das größte Feuer der Landesgeschichte. Aber die Löscharbeiten gestalten sich schwierig. Denn im Erdreich schlummert explosives Material. Es handelt sich um Altlasten der Vergangenheit, die viele Fragen aufwerfen.

In Mecklenburg-Vorpommern wütet auf dem Gelände eines ehemaligen Truppenübungsplatzes der größte Waldbrand in der Geschichte des Bundeslandes. Mittlerweile brennt nahe der 5000 Einwohner zählenden Stadt Lübtheen eine Waldfläche von rund 700 Hektar. Vier Orte mussten bislang evakuiert werden, schwere Löschhubschrauber der Bundeswehr versuchen das Feuer aus der Luft in Schach zu halten. Den Brand zu löschen, gestaltet sich allerdings schwierig. Anhaltender Wind und die Trockenheit bereiten den Einsatzkräften Sorgen. Das größte Problem ist aber ein anderes: Das Erdreich im Einsatzgebiet ist hochgradig mit Munitionsresten belastet.

Durch die Hitze können sich die Kampfmittel selbst entzünden. Deswegen müssen die Feuerwehrleute einen Sicherheitsabstand von 1000 Metern einhalten. Aus diesem Grund wird vor allem aus der Luft gelöscht. Doch auch die Hubschrauberpiloten müssen den obligatorischen Abstand einhalten. Auch für Überflüge gilt damit eine Mindesthöhe von 1000 Metern. Wasser, das abgeworfen wird, kommt deswegen mitunter gar nicht dort an, wo es hinsoll - eine frustrierende Arbeit für die Feuerwehrleute. Doch die Vorsicht der Einsatzkräfte ist wichtig und richtig: Immer wieder sind aus dem brennenden Sperrgebiet Explosionen zu hören.

Doch woher stammt das brisante Material? Von 1936 bis 2013 wurde das Gelände von der Reichswehr, von der Nationalen Volksarmee und von der Bundeswehr genutzt. Laut Till Backhaus, Umweltminister von Mecklenburg-Vorpommern, liegen auf dem brennenden Ex-Truppenübungsplatz nicht nur Munition und Granaten von Manövern, sondern auch große Mengen an Sprengmitteln aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges. Bei Lübtheen habe die Marine ihr Munitions-Hauptlager unterhalten, erklärt der SPD-Politiker.

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Kurze Rast am Rand des brennenden Sperrgebiets: Eine Feuerwehrfrau bei den Sicherungs- und Löscharbeiten bei Lübtheen.

(Foto: dpa)

Kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges sprengten die Sowjets das Lager, das aus 300 Gebäuden und Bunkern bestand. Dabei wurden die dort gelagerten Bestände unkontrolliert im Wald verteilt. Werden Munitionsreste nun von den Flammen erfasst, kann der enthaltene Sprengstoff hochgehen. Tödliche Splitter fliegen dann mitunter Hunderte Meter weit durch die Luft. Im näheren Umkreis des Waldbrandes besteht damit akute Lebensgefahr.

Munitionsreste überall in der Bundesrepublik

Überall in Mecklenburg-Vorpommern gibt es Gebiete, die mit diesen explosiven Hinterlassenschaften verseucht sind. Laut offiziellen Schätzungen des Kampfmittelkatasters von Mecklenburg-Vorpommern gelten dort rund 28.400 Hektar Wald als hochgradig belastet. Das sind etwa zehn Prozent der Gesamtwaldfläche des Bundeslandes. Die Räumung geht nur langsam voran.

Experten gehen davon aus, dass es 80 bis 120 Jahre dauern wird, bis alleine der Truppenübungsplatz Lübtheen von den Munitionsresten befreit sein wird. Das Problem: Es fehlt an Personal und auch an finanziellen Mitteln, beklagt der Kampfmittelräumdienst. Der Innenminister von Mecklenburg-Vorpommern, CDU-Politiker Lorenz Caffier, sagte dazu in der ARD: "Wir müssen uns in der Bundesrepublik grundsätzlich aufstellen für solche belasteten Regionen."

Denn Mecklenburg-Vorpommern ist längst nicht das einzige Bundesland mit von Munition verseuchten Bereichen. Brandenburg hat nach eigenen Angaben den höchsten Anteil an kampfmittelbelasteten Gebieten unter allen Bundesländern. Neben den rund 200.000 Hektar militärisch genutzten Flächen stehen auch 350.000 Hektar zivil genutzte Fläche unter Kampfmittelverdacht, wie aus dem aktuellen Waldbrandbericht hervorgeht.

Im gesamten vergangenen Jahr wurden in Brandenburg rund 326 Tonnen Munition geborgen, im Jahr 2017 waren es etwa 280 Tonnen. Auch in Hessen gibt es das Problem. Südlich von Frankfurt am Main kam es am Wochenende in der Nähe eines ehemaligen Munitionsdepots zu einem Waldbrand, auch dort mussten sich die Einsatzkräfte für die Löscharbeiten in Lebensgefahr begeben.

Mittlerweile bekommt die Feuerwehr beim Einsatz am ehemaligen Truppenübungsplatz in Lübtheen verstärkt Hilfe von der Bundeswehr. Mehrere speziell geschützte Räum- und Bergepanzer sollen helfen, Schneisen in das Brandgebiet zu schlagen, damit die Feuerwehrleute einen sicheren Zugang in das stark munitionsbelastete Gebiet bekommen. Bislang waren die Einsatzkräfte damit beschäftigt, die gefährdeten Dörfer vor den Flammen zu bewahren. Der Landrat von Ludwigslust-Parchim, Stefan Sternberg, erklärte nun in einer Pressekonferenz, dass dies mittlerweile gelungen sei. "Wir gehen nun von der Verteidigung auf Angriff über", sagte er.

Quelle: ntv.de