Panorama

Trotz Quarantäne-Maßnahmen Warum sich das neue Virus schnell ausbreitet

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Menschenmassen sollten derzeit gemieden werden.

(Foto: dpa)

Der Ausbruch des Wuhan-Virus kostet bereits mehr als 400 Menschen das Leben. Die Zahl der Infektionen übersteigt mittlerweile das Ausmaß der Sars-Epidemie bei Weitem. Wie konnte sich "2019-nCoV" so zügig ausbreiten?

Die aktuell andauernde Coronavirus-Epidemie in China lässt frühere Infektionswellen verblassen: Weltweit verzeichnet die Weltgesundheitsorganisation WHO schon jetzt mehr Erkrankte als bei früheren Ausbrüchen. Im Inneren der Volksrepublik sind durch die offiziell "2019-nCoV" genannten Virus-Erkrankung bereits jetzt schon mehr Menschen gestorben als durch die Lungenkrankheit Sars (Schweres Akutes Atemwegssyndrom), die sich 2002 und 2003 ausbreitete. Damals hatte die Epidemie alleine in Festlands-China 361 Tote zur Folge.

Trotz der aktuellen Quarantäne-Bemühungen rund um die Millionenstadt Wuhan in der Provinz Hubei und anderen betroffenen Regionen grassiert die erst vor wenigen Wochen entdeckte Lungenkrankheit weiter. Die Zahl der bestätigten Infektionen steigt von Tag zu Tag weiter an. Rasend schnell erreichte das Virus fast alle Erdteile und wurde mittlerweile in 24 Ländern außerhalb Chinas nachgewiesen. In Deutschland gehen die Behörden aktuell von zwölf Fällen aus.

Wie konnte sich 2019-nCoV so schnell ausbreiten? Ein Grund ist eng verbunden mit den Effekten der Globalisierung: Im Vergleich zu den Zeiten der Sars- und Mers-Epidemien (Mers - Middle East Respiratory Syndrome Coronavirus) hat die Mobilität der Menschen im Jahr 2020 erheblich zugenommen. In der mittlerweile eng vernetzten Welt floriert der Handel, auch zwischen chinesischen und europäischen Unternehmen gibt es regen Austausch. Die Volksrepublik China - Ursprungsort des Sars-Erregers und des aktuellen Coronavirus-Ausbruchs - war 2018 zum dritten Mal in Folge Deutschlands wichtigster Handelspartner.

Eine einzelne Zahl belegt, wie intensiv Deutschland mit China in Kontakt steht: Das deutsch-chinesische Handelsvolumen belief sich laut Bundeswirtschaftsministerium zuletzt auf knapp 200 Milliarden Euro pro Jahr. Entsprechend hoch ist der personelle Austausch, allein schon über die Zahl der Geschäftsreisenden, die zwischen Fernost und Europa pendeln. Die Zahl der Reisebuchungen chinesischer Konzerne für Trips nach Deutschland habe sich binnen weniger Jahre verfünffacht, heißt es.

Wenn die Infektion unbemerkt bleibt

Entscheidend für Ansteckung und Ausbreitung der neuen Infektionskrankheit aus Wuhan ist dabei aber nicht unbedingt die Gesamtzahl der Reisenden. Eine besondere Eigenschaft des aktuellen Erregers könnte womöglich eine sehr viel größere Rolle gespielt haben, wie der Charité-Virologe Christian Drosten im Gespräch mit dem Berliner "Tagesspiegel" erklärte. "Das Virus wird wahrscheinlich deshalb besser übertragen, weil es die Menschen weniger krank macht", sagte er.

Viele Betroffene, die unwissend mit Infizierten in Kontakt kamen, bemerken demnach erst sehr spät, dass sie bereits selbst erkrankt sind und das Virus womöglich schon seit Tagen in sich tragen. Tatsächlich ist das Risiko, am Wuhan-Virus zu sterben, deutlich geringer als im Fall von Sars oder Mers. Die Sterblichkeitsrate für 2019-nCoV-Erkrankte bezifferten die Pekinger Gesundheitsbehörde für China zuletzt auf 2,4 bis 2,5 Prozent. International liegt die Letalität des Wuhan-Virus - also der Anteil der krankheitsbedingten Todesfälle an der Gesamtzahl der Infizierten - laut WHO bei lediglich 2,1 Prozent.

Eine vergleichsweise moderate Erkrankung könnte die Ausbreitung begünstigen. Das zeigte sich auch im Fall eines deutschen Autozulieferers aus dem Großraum München: Dort wurden inzwischen mehrere Mitarbeiter samt Familienangehörigen positiv auf das Virus getestet. Ein zunächst milder Verlauf der Coronavirus-Erkrankung könnte damit dazu beigetragen haben, dass sich die Epidemie binnen weniger Tage ausbreitet.

Das aktuelle Coronavirus ist eng mit bereits erforschten Erregern verwandt - und dennoch ist es unklar, wie groß das Ausmaß der Infektionsfälle sein wird. "Wir kennen inzwischen inklusive 2019-nCoV sieben Coronaviren, die häufiger bei Menschen gefunden werden", erklärte der Virologe Armin Ensser im Gespräch mit ntv.de. "Zwei davon lösen die schweren Erkrankungen Mers und Sars aus, mit einer relativ hohen Sterblichkeit."

Allerdings, so der Mediziner weiter, sei Mers "nicht besonders effizient auf und zwischen den Menschen übertragbar". Neuansteckungen mit dem Sars-Erreger wurden demnach nach 2003 nicht mehr bei Menschen gefunden. "Vier Coronaviren gibt es seit Jahren bei Menschen. Sie verursachen eher normale Atemwegsinfektionen. Bei dem neuen Virus muss man nun abwarten, wie es sich ausbreitet", betonte Ensser im Interview.

Ausgestanden ist die aktuelle Infektionswelle offenbar noch lange nicht: "Wir gehen davon aus, dass der Höhepunkt der Epidemie in zehn Tagen bis zwei Wochen erwartet wird", sagte der Chef des nationalen Virus-Expertenteams, Zhong Nanshan zu Wochenbeginn. Der Ausnahmezustand in China dürfte daher noch - mindestens - bis Mitte Februar anhalten.

Quelle: ntv.de, sgu

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