Panorama

Begleitet das Tier bis zum EndeWarum wurde Till Backhaus zum obersten Walretter?

27.04.2026, 18:11 Uhr
imageVon Alexander Schultze
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Nicht nur emotional nah dran am Wal: Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Backhaus (l.). (Foto: picture alliance/dpa)

Nach zahlreichen Strandungen schwinden die Überlebenschancen des Buckelwals in der Ostsee zusehends. Neben der privaten Initiative plädiert vor allem Umweltminister Backhaus für weitere Rettungsversuche. Dabei ist das zu Beginn ganz anders. Warum? Eine Spurensuche.

Es ist zwar erst Ende April, aber das Tier des Jahres scheint bereits jetzt festzustehen: Es ist der Buckelwal, den Menschen wahlweise mal "Timmy" mal "Hope" nennen. Aber nicht nur das sanftmütige Tier erregt die Öffentlichkeit. Da ist auch eine private Initiative, die es zu retten versucht. Und da ist ein Landesminister, dessen Name außerhalb Mecklenburg-Vorpommerns, den wenigsten bisher bekannt gewesen sein dürfte: Till Backhaus. Der Umweltminister durchlebt seit Wochen nicht nur ein Wechselbad der Gefühle, sondern auch eine erstaunliche Wandlung.

Vor gut einem Monat strandet der Buckelwal erstmals in der Ostsee. Anfangs war es eine Sandbank vor Niendorf, einem Stadtteil von Timmendorfer Strand. Daher auch der Name "Timmy". Es soll sich um ein relativ junges Tier handeln, stellen Experten fest. Ein zwölf Meter langes und vermutlich 25 bis 30 Tonnen schweres Tier, das nicht in die Ostsee gehört, weil das Wasser dort nicht salzig genug ist. Vor allem ist es ein Tier, das ungeachtet seiner Desorientierung verletzt ist. So hat der Buckelwal Teile eines Netzes im Maul, vermutlich Teile eines Stellnetzes, die Umweltschützer scharf kritisieren. Zudem soll er Verletzungen am Rücken aufweisen, die vermutlich von einer Schiffsschraube herrühren.

Nach der ersten Strandung am 23. März folgen bis zum Monatsende drei weitere. Ein Zeichen für Experten, dass das Tier alles andere als gesund ist. Dazu kommt, dass seine Haut sich in immer schlechterem Zustand befindet. Aufgrund niedrigen Wasserstands ist sie der Sonne ausgesetzt und trocknet aus. Mehrere Experten kommen daher in ihren Analysen wenig überraschend zu dem Ergebnis, dass dem Tier nicht geholfen werden kann - und es in der Ostsee sterben sollte. Die Experten stammen vom Deutschen Meeresmuseum und dem Institut für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung. Eine Greenpeace-Sprecherin äußert sich ähnlich. Internationale Forscher stimmen in den Kanon ein.

Und auch Umweltminister Till Backhaus erkennt die Einschätzungen der Experten an und erklärt, dass der Wal nicht mehr zu retten sei. Auch, wenn der dienstälteste Landesminister - Backhaus ist seit 28 Jahren in Amt und Würden - offen zugibt, dass ihm das "unheimlich wehgetan" habe und ihn "noch lang verfolgen" werde. Also eher eine zähneknirschende Schicksalsergebenheit.

Anfeindungen und Morddrohungen

Das wollen aber nicht alle Menschen tun. Es gibt Proteste vor Ort, bei denen sogar Absperrungen durchbrochen werden. Eine Frau springt von einer Fähre und nähert sich dem Wal. Die Polizei muss einschreiten. Wissenschaftler und der Minister werden angefeindet. Es geht "bis hin zu Morddrohungen", erklärt Backhaus in einer Pressemitteilung. "Das war eine sehr schwer auszuhaltende Situation", sagt er weiter. Doch dann tut sich etwas.

Zunächst tritt eine private Initiative auf den Plan, die mit großem Aufwand den Buckelwal retten und wieder in die Nordsee geleiten will. Zeitgleich gibt es eine deutliche Veränderung bei Till Backhaus. Plötzlich scheint er wie neu belebt. Glaubt man seinen Ausführungen, hat das nicht allein mit dem Auftreten der Retter zu tun, sondern auch mit Ostern, das Anfang April gefeiert wird. Backhaus erklärt, er sei evangelisch erzogen worden. Und was an Ostern passiert sei, wisse man ja. Da sei Jesus zunächst gekreuzigt worden und dann wieder auferstanden. Eine Analogie, die aus Backhaus' Sicht auf die Situation des Wals kaum besser passen könnte. So überrascht wenig, dass er auf einer Pressekonferenz erklärt, er warte auf ein Wunder.

Das ist auch drei Wochen nach Ostersonntag allerdings ausgeblieben. Backhaus hingegen scheint mit fortschreitender Zeit und dem Sinken der Überlebenschancen des Wals immer energischer für dessen Rettung einzutreten. Und das, obwohl er immer wieder verdeutlicht, gar nicht direkt dafür zuständig zu sein. Die private Initiative sei in der Verantwortung. Eine Erlaubnis zur Rettung des Wals habe sie gleichwohl nicht, lediglich eine Duldung, betont er stets. Sollten die Versuche scheitern, könne man dies nicht dem Minister zur Last legen, so der Eindruck.

Auch wenn die Retterinitiative sich mit Tierärzten, einer Juristin und einer Pressesprecherin aufstellt, ist es in den Wochen nach Ostern vor allem Backhaus, der immer wieder vor Kameras und Mikros tritt. Der "Spiegel" beschreibt es in einem Text wie folgt: "Nach der Schalte mit Welt-TV folgt eine mit dpa und eine mit RTL". Backhaus versucht beständig, den Wunsch nach Antworten zu befriedigen. Er zeigt sich bei Pressestatements gut informiert, stellt seinerseits den Journalisten Fragen. "Wie alt sind die (Wale)? Na los, wie alt, welche Temperatur hat der Wal? Mit welcher Geschwindigkeit atmet er aus?" Die rhetorischen Fragen beantwortet er dann selbst alle und erzeugt, wie der "Spiegel" berichtet, Schmunzeln in der Runde, die er sogleich abkanzelt: "Das ist nicht zum Lachen, sondern todernst".

Seine Frau fragt jeden Morgen: "Wie geht es dem Wal?"

Backhaus wandelt sich vom Verkünder der Experteneinschätzung, das Tier habe keine Überlebenschance, zur Speerspitze der Rettungsinitiative. Das habe neben seinem Glauben auch mit seiner Familie zu tun. Seine Frau habe ihm gesagt: "Till, wenn der Wal zu retten ist, dann mach das", berichtet die "Bild"-Zeitung. Seine Kinder hätten sogar geholfen, und ihm und der Schiffsbesatzung Nudelsalat und Eier für ihre Nachtwache gebracht, sagt er weiter.

Nachtwache ist ein gutes Stichwort: Der Minister würde zwar generell nicht viel schlafen, sagt er der "Bild". "In der Regel vier Stunden". Aktuell sei der Schlaf allerdings auf die Hälfte zusammengeschrumpft, so der Umweltminister. Und am Morgen, wenn er seine Frau kurz sehe, frage die ihn stets, "wie geht es dem Wal?". Obwohl er Minister für Klimaschutz, Landwirtschaft, ländliche Räume und Umwelt ist, bekommt man den Eindruck, er hat keine andere Aufgabe als die Rettung des Wals.

Tut Backhaus all das aus bloßer Tierliebe oder weil er "Mensch in diesem Land" ist, wie er einem "Spiegel"-Reporter auf die Frage, warum er sich so aufreibe, antwortet? Böse Zungen behaupten, er wolle seine Siegchancen im Wahlkreis bei den anstehenden Landtagswahlen mithilfe des Wals steigern. Sie unterstellen ihm, der Kampf um den Wal sei in Wahrheit sein Wa(h)lkampf. Davon will Backhaus jedoch nichts wissen. Er hat seinen Wahlkreis stets souverän gewonnen und ist einer der wenigen, dem zugetraut wird, ihn auch gegen die auch im Nordosten in Umfragen enorm starke AfD zu verteidigen, orakelt der "Spiegel".

Sollte es nicht die politische Ambition sein, haben die Drohungen ihn zum Wandel getrieben? Ist es die Behauptung, sein Ministerium hätte Rettungsversuche verzögert, wie die private Initiative bereits bei ihrem ersten öffentlichen Auftritt sagt und später stetig wiederholt? Deren Finanziers, Karin Walter‑Mommert und Walter Gunz, haben etwa immer wieder beklagt, es gebe stets "neue Auflagen" und es würden zusätzliche Genehmigungen nötig. Die extra aus Hawaii eingeflogene Tierärztin Jenna Wallace fällt bereits vor ihrer Anreise ein unmissverständliches Urteil über das Deutsche Meeresmuseum und unterstellt den Experten dort, ihnen ginge es nur um das Skelett des Wals. "I'd like to send a big fat F@CK YOU to the museum" schreibt sie wenig schmeichelhaft und unmissverständlich in sozialen Medien.

Backhaus wie einst Kanzler Schröder

Mittlerweile ist Wallace abgereist, die Rettungsinitiative hat sich in Teilen miteinander überworfen. Vorwürfe werden nunmehr vor allem innerhalb des bunt zusammengestellten Teams erhoben. Dort ist zwischenzeitlich immer wieder unklar, wer eigentlich für die Initiative spricht und sprechen darf. Nur einer spricht beständig mit der Presse: Till Backhaus. Und nicht nur das. Die schlaflosen Nächte, das Beobachten des Wals per Fernglas vom Ufer aus oder von einem Boot aus, reichen dem Umweltminister nicht mehr. Am Freitag zieht er selbst einen Trockenanzug an und watet an das gestrandete Tier heran. Wem hier Parallelen zu Kanzler Gerhard Schröder und seinem Einsatz in Gummistiefeln im Flutgebiet beim Jahrhunderthochwasser 2002 kommen, der liegt nicht ganz falsch.

Bei Backhaus sind die Bilder aber deutlich weniger spektakulär. Beim Wal angekommen, kippt er einige Eimer Wasser über dessen Haut. Dabei bleibt es. Auch seine Statements beginnen sich zu wiederholen. Ein Satz, der oft zu hören ist, lautet: "Ich habe das immer gesagt, ich persönlich: Ich begleite diesen Wal. Bis zum Ende. Ob lebend oder tot". Das liegt auch daran, dass die Initiative nach nunmehr knapp zwei Wochen keinerlei vorzeigbare Erfolge für sich verbuchen kann - vielleicht abgesehen von der Tatsache, dass sich die Haut des Wals durch das Einreiben mit Salbe gebessert habe.

Sucht Backhaus vor allem die Öffentlichkeit?

Oder geht es Backhaus am Ende doch vor allem um ein positives Bild von sich in der Öffentlichkeit? So zumindest behauptet es der ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete Eckhardt Rehberg gegenüber der "Zeit". "Mein Freund Tilli, der macht Politik aus dem Bauch heraus." Er suche immer die Öffentlichkeit. Vielleicht geschieht dies in der aktuellen Situation sogar zur Freude der Rettungsinitiative, die es zuletzt an klarer, regelmäßiger und stringenter Außenkommunikation vermissen lässt. Backhaus könnte aus ihrer Sicht dieses Vakuum füllen und mit seinen zahlreichen Auftritten dafür sorgen, dass die Retter sich stärker auf ihre eigentliche Arbeit konzentrieren könnten. Die ist schwer genug und immer wieder von Rückschlägen geprägt.

Backhaus könnte an seiner neuen Rolle Gefallen gefunden haben. Denn statt als zaudernder Umweltminister scheint er mittlerweile von vielen Walfreunden als wichtigster Verbündeter von "Timmy" oder "Hope" wahrgenommen zu werden. Zahlreiche Menschen im Hafen hätten bereits ihre "Hochachtung" für seinen Einsatz ausgesprochen. Es wird von spontanen Umarmungen berichtet. Es erinnert sich kaum noch jemand daran, dass er den Wal schweren Herzens sterben lassen wollte, weil Experten keinerlei Hoffnung auf Rettung sahen. Und so könnte Backhaus, unabhängig vom Ausgang der Rettung, am Ende einer der großen Profiteure sein, egal ob das sein Ziel war oder nicht.

Quelle: ntv.de

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