Panorama

Impfwunder trotz Bolsonaro Was Brasilien besser macht als Deutschland

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Fast überall bekommt man eine Spritze: Theater und Museen werden in Rio de Janeiro zu vorübergehenden Impfstationen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Nicht lange ist es her, dass Brasilien traurige Rekorde bei den Corona-Toten meldete. Jetzt scheint das einstige Sorgenkind die Pandemie im Griff zu haben - anders als Deutschland. Wie ein ganzes Land dem Virus und einem Corona-verleugnenden Präsidenten trotzt.

Die Corona-Pandemie hat Brasilien schwer getroffen. Monatelang konnte das Virus unaufhaltsam im Land wüten. Die Folge: Das Gesundheitssystem kollabierte. Zwischenzeitlich gab es nicht mehr genügend Sauerstoff, um alle Patienten zu versorgen. Mehr als 610.000 Menschen starben. Massengräber mussten vielerorts ausgehoben werden. Die dramatischen Bilder gingen als mahnendes Beispiel einer schlechten Pandemiebekämpfung um die Welt. Und heute?

Während die Infektionszahlen in europäischen Ländern wie Deutschland oder Belgien explodieren, fällt die Sieben-Tage-Inzidenz in Brasilien auf gerade einmal 30. In Rio de Janeiros wichtigstem Covid-Krankenhaus ist vor wenigen Tagen der vorerst letzte Patient aus der Notaufnahme entlassen worden. Der nächste Karneval soll wieder stattfinden. Brasilien hat sich gerettet - zumindest vorläufig.

Der ungeahnte Erfolg ist in erster Linie der gut laufenden Impfkampagne in vielen Regionen zu verdanken. São Paulo ernannte sich erst gestern zur "Impfhauptstadt der Welt". In der Millionen-Metropole São Paulo sind nach offiziellen Angaben alle erwachsenen Einwohner vollständig gegen das Coronavirus geimpft. Laut des Gesundheitssekretariats ist die Impfquote sogar etwas höher als 100 Prozent. Grund dafür ist, dass in São Paulo auch Menschen geimpft wurden, die ihren Wohnsitz anderswo haben.

Und auch im Rest des Landes kommt die Impfkampagne in großen Schritten voran. Inzwischen sind 76 Prozent der Brasilianerinnen und Brasilianer mindestens einmal geimpft, 60 Prozent verfügen über den vollen Schutz. Und das, obwohl die Impfungen deutlich später angelaufen sind als beispielsweise in Deutschland. "Wenn man die Impfung mit der Formel 1 vergleicht, sind wir der Rennfahrer, der von ganz hinten gestartet ist, aber immer weiter aufholt", sagte Álvaro Furtado, Arzt für Infektionskrankheiten am Hospital das Clínicas der Universität São Paulo, dem Nachrichtensender CNN Brazil. Hinzu kommen etliche Genesene, die ebenfalls immun sind. Welche Rolle die Durchseuchung bei den aktuell niedrigen Fallzahlen spielt, ist allerdings noch nicht klar.

Brasilianer trotzen Bolsonaro

Brasilien hofft, mit der steigenden Impfquote einer weiteren Corona-Welle entgehen zu können. Und tatsächlich scheint das schwer gebeutelte Land auf dem besten Weg dahin zu sein. Selbstverständlich ist das allerdings nicht. Der rechtspopulistische Präsidenten Jair Bolsonaro ließ seit Pandemiebeginn keine Gelegenheit aus, die Gefahren durch das Virus kleinzureden. Immer wieder sprach er von einem "Grippchen" und lehnte Kontaktbeschränkungen ebenso ab wie Abstandsregeln oder Mundschutz. Später zweifelte der brasilianische Regierungschef den Sinn von Impfungen öffentlich an: Man könne sich durch sie in ein Krokodil verwandeln, sagte er. Zudem ging er lange Zeit nicht auf die Angebote der Hersteller ein, bestellte fahrlässig keine Impfdosen.

Es waren die Gouverneure der Bundesstaaten, wie der Mitte-rechts-Politiker João Doria, die Bolsonaros Gleichgültigkeit etwas entgegensetzten und handelten. Der Gouverneur von São Paulo ging eine Kooperation mit einem chinesischen Pharmaunternehmen ein - und setzte den Startschuss für die Impfkampagne. Bolsonaros Regierung blieb nichts anderes übrig, als auf den Impf-Zug mit aufzuspringen. Denn anders als in Deutschland rissen sich die Menschen in Brasilien um eine Spritze. Wie kaum eine andere Bevölkerung der Welt vertrauen sie auf Impfungen, auch auf die gegen Corona.

"Es ist den Leuten wirklich egal, was Bolsonaro über Impfungen sagt. Sogar seine Anhänger haben sich alle impfen lassen", sagt die Gesundheitsexpertin Ligia Bahia von der Universität von Rio de Janeiro, dem "Spiegel". Impfgegner gebe es in Brasilien kaum, selbst Homöopathen seien inzwischen pro Impfung. "Das Vertrauen in Vakzinen hat in Brasilien eine lange Tradition, die sich trotz der katastrophalen Kommunikation durch den Präsidenten nicht aushebeln lässt", so Bahia.

Besorgter Blick nach Deutschland

Die Erinnerung an schwere Epidemien und Krankheiten wie Gelbfieber, Kinderlähmung oder selbst Pocken haben sich ins gesellschaftliche Gedächtnis eingebrannt. Viele Brasilianerinnen und Brasilianer - gerade aus ärmeren Verhältnissen - wissen, was es heißt, keinen Schutz vor schwere Krankheiten zu haben. Und auch der Schrecken der letzten verheerenden Corona-Wellen sitzt tief. Die Brasilianer hätten den Schaden, den die Pandemie angerichtet hat, sehr genau gesehen, sagte Infektiologe Furtado dem CNN - sowohl in Bezug auf Todesfälle und Gesundheit als auch auf die Wirtschaft.

Damit sich aus den niedrigen Fallzahlen keine neue Welle entwickelt, setzt Brasilien auf Auffrischungsimpfungen. Die Booster-Kampagne hat das Land bereits komplett durchgeplant und damit begonnen, medizinisches Personal und über 60-Jährige zum dritten Mal zu immunisieren. Die Auffrischung sollen alle über 18-Jährigen fünf Monate nach der zweiten Dosis erhalten. Während für die Grundimmunisierung noch unter anderem der chinesische Impfstoff von Sinopharm und Astrazeneca verwendet wurden, soll nun ausschließlich mit dem Vakzin von Biontech geboostert werden, das bald auch in Brasilien hergestellt werden soll.

Die Proteste der Impfgegner in Europa werden mit großer Sorge beobachtet. "Sie könnten uns eine neue Welle bescheren, wenn sie zum Karneval nach Brasilien kommen", mahnt der führende Virologe Ricardo Palacios, im Gespräch mit der Deutschen Welle. Auch die Infektiologin Raquel Stucci von der Campinas-Universität äußerte sich dem "Spiegel" gegenüber beunruhigt über die zum Teil mehr als 60.000 Neuinfektionen täglich, die Deutschland zurzeit vermeldet. "Die Zirkulation des Virus in der Bevölkerung ist extrem hoch", sagte Stucci, "ich mache mir große Sorgen, dass eine neue, deutsche Supervariante entstehen könnte, die sich dann in der Welt ausbreitet."

Quelle: ntv.de

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