Panorama

Mehr Fälle auf Intensivstationen "Was für viele nur Zahlen sind, sind Menschenleben"

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Inzwischen müssen wieder deutlich mehr Menschen intensivmedizinisch versorgt werden.

(Foto: dpa)

Der Berliner Ricardo Lange arbeitet seit zehn Jahren als Intensivpfleger. In einem Interview mit ntv.de warnt er davor, das Coronavirus zu unterschätzen. Er sagt: "Seit März habe ich schon mehr Covid-Patienten auf Intensivstation betreut als in meinem ganzen Berufsleben Grippe-Kranke."

ntv.de: Sie arbeiten als Leasingkraft in diversen Berliner und Brandenburger Krankenhäusern. Wie sieht es momentan auf den Intensivstationen aus?

Ricardo Lange: In den vergangenen drei Wochen sind die Corona-Fälle kontinuierlich angestiegen. Da ich in meiner Firma auch als Teamleiter arbeite, tausche ich mich regelmäßig mit Kollegen aus vielen anderen Kliniken aus. Auch die berichten von einer ständig wachsenden Zahl intensivpflichtiger Covid-Patienten.

Sie schrieben auf Facebook: "Jeder einzelne der schwer betroffenen Corona-Patienten - egal ob jung oder alt - war so kritisch krank, dass wir stundenlang das Zimmer nicht verlassen konnten." Warum geht das nicht?

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Ricardo Lange hat als Intensivpfleger schon viel erlebt, Covid-19 ist auch für ihn neu.

(Foto: privat)

Die Lungenfunktion der Betroffenen ist meistens so schwer beeinträchtigt, dass eine invasive Beatmung durch Intubation lebensnotwendig ist. Die Patienten sind in ein künstliches Koma versetzt. Ständig muss die Beatmung an den Zustand des Kranken angepasst werden, weshalb regelmäßige Analysen des Blutes, aber auch das Absaugen von Speichel und anderen Sekreten notwendig ist. Die Kranken bekommen Medikamente, die den Blutdruck regeln. Deren Dosis muss permanent überprüft und bei Bedarf angepasst werden. Ist die Arbeit der Niere oder eines anderen Organs beeinträchtigt, müssen wir sofort helfen.

Sind auch junge Leute unter den schwer an Covid Erkrankten?

Ja - mit und ohne Vorerkrankungen. Inzwischen prägen sie den Alltag auf der Intensivstation, auf der ich seit einiger Zeit im Einsatz bin. Auch junge Menschen sind leider nicht unverwundbar.

Was sagen Sie zu dem ewigen Vergleich zwischen Corona und Grippe?

Ich habe seit März schon mehr Covid-Patienten auf Intensivstationen betreut als in meinem ganzen Berufsleben Grippe-Kranke. Und ich mache den Job nun schon seit zehn Jahren. Eine Influenza-Erkrankung kann ebenfalls lebensbedrohlich verlaufen. Hier haben wir aber ausreichende Behandlungserfahrung. Auch kann man sich präventiv mit einer Impfung schützen. Covid-19 ist eine sehr neue Krankheit, bei der wir uns noch im Lernprozess befinden.

Was antworten Sie, wenn Sie gefragt werden: "Wie viel Corona-Tote hast du schon gesehen?"

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Diese Frage verärgert mich inzwischen sehr. Die Anzahl der Verstorbenen sollte in meinen Augen keine Bemessungsgrundlage für die Schwere einer Erkrankung sein. Was für viele nur Zahlen sind, sind für mich Menschenleben. Täglich betreue ich Patienten, deren Leben am seidenen Faden hängt, begleite und tröste Angehörige. Bei den ganzen Vergleichen von Todesstatistiken sollte man nicht vergessen, dass die Betroffenen wochenlang auf der Intensivstation liegen und Spätfolgen der Erkrankung nicht absehbar sind.

Was denken Sie über die Dauerdebatte über Schutzmaßnahmen? Führt die Diskussion zu Verunsicherung und Panik?

Eine Atemschutzmaske ist Bestandteil einer jeden Hygienevorschrift, wie sie in nahezu allen Kliniken zu finden ist. Pflegekräfte und Ärzte tragen sie täglich. Regelmäßiges Händewaschen und eine richtige Nies- und Hustenetikette sind auch keine neue Erfindung. Der Grund für die Verunsicherung und Panik sind meiner Meinung nach die zahlreichen Fehlinformationen in den sozialen Medien, aber auch die widersprüchlichen Aussagen zur Wirksamkeit der Maßnahmen.

Was sagen Sie zur Haltung der selbsternannten "Querdenker"?

Auch wenn sich meine Meinung von denen der sogenannten "Querdenker" unterscheidet, zeichnet genau diese Kontroverse unsere Demokratie aus. Ich bin jedenfalls der Überzeugung, dass wir diese Krise nur überstehen können, wenn wir gemeinsam an einem Strang ziehen. Viele Menschen sind verunsichert und durch die Situation verängstigt. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass diese Leute sich gerne in einem Gespräch abholen lassen und an einem ehrlichen Meinungsaustausch interessiert sind. Natürlich gibt es auch die, die nicht an das Virus glauben. Mit denen ist ein sachlicher Diskurs nicht möglich.

Wie stehen Sie zum Thema Eigenverantwortung, die von Politikern jetzt stärker etwa auch bei der Kontaktverfolgung angemahnt wird?

Ich denke schon, dass der überwiegende Teil der Bevölkerung sich der Verantwortung bewusst ist und die notwendigen Schritte zum Schutz von Familie und Freunden unternehmen wird. Sicherlich gibt es auch eine Minderheit, die es mit der Eigenverantwortung generell nicht so genau nimmt. Das sieht man auch an anderer Stelle, etwa beim Bilden einer Rettungsgasse auf der Autobahn.

Es fehlt an Personal in den Krankenhäusern. Das Problem wird man nicht kurzfristig lösen können. Was sollte man Ihrer Meinung nach tun, um das Problem in den Griff zu kriegen? Ist die Serie "Ehrenpflegas" von Familienministerin Franziska Giffey der richtige Ansatz?

Der Pflegeberuf ist geprägt durch Ethik, Empathie und Menschlichkeit. Statt eine Mini-Serie zu produzieren, in der die angehenden Pflegefachkräfte primitiv dargestellt werden, sollte man sinnvolle Anreize für eine Pflegeausbildung schaffen. So könnte man die Ausbildungsvergütung für Leute erhöhen, die nicht sofort nach Schulabschluss in die Pflege gehen wollen, sondern erst zwischen 30 und 39 Jahren, wie es Polizei und Feuerwehr schon seit Jahren machen. Müttern und Vätern, die ihre Familie versorgen müssen, würde man es damit leichter machen, sich für die Ausbildung zu entscheiden.

Pflegekräfte fordern Wertschätzung ein. Wie sollte diese konkret aussehen?

Seit Jahren ist der Fachkräftemangel bekannt. Während der ersten Welle wurden wir als Helden gefeiert. Das flachte allerdings genauso schnell ab wie die Corona-Fälle im Sommer. Jetzt, wo die Zahl der Infizierten wieder deutlich steigt, werden auch wir Pflegekräfte wieder aus der Mottenkiste geholt. Die Corona-Prämie ist bis heute nicht bei den Kolleginnen und Kollegen angekommen, die am Corona-Patienten - teilweise mit unzureichender Schutzausrüstung - gearbeitet hatten, während sie sogar die Mitarbeiter in den Verwaltungen erhalten haben. Diese Ungerechtigkeit zu korrigieren, wäre ein guter Anfang.

Mit Ricardo Lange sprach Thomas Schmoll

Quelle: ntv.de