Panorama

Applaus "sonst wohin stecken" Krankenschwester fühlt sich "verheizt"

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Nina Böhmer hat ihren Traumberuf ergriffen.

(Foto: Alexandra S. Aderhold)

Nina Böhmer ist Krankenschwester und liebt ihren Beruf. In der Corona-Krise arbeitet sie unter erschwerten Bedingungen und bekommt dafür - Applaus. Sie fühlt sich im Stich gelassen. Unter Pandemiebedingungen sind die Probleme im deutschen Gesundheitssystem nicht mehr zu übersehen.

Als sich Nina Böhmer am Nachmittag des 23. März bei Facebook ihren Ärger von der Seele schreibt, ist sie einfach nur wütend - und erschöpft. Das Coronavirus hat sich innerhalb weniger Wochen weltweit verbreitet und bestimmt jede Nachrichtensendung. Abends stehen in vielen Städten die Menschen auf Balkonen und an offenen Fenstern und klatschen für Krankenschwestern, Ärzte und Altenpfleger, die in der Corona-Krise wie Helden gefeiert werden.

Böhmer, die als Krankenschwester für eine Zeitarbeitsfirma in Berlin arbeitet, hat sechs Frühschichten am Stück hinter sich, fühlt sich selbst ein bisschen angekränkelt und bekommt unablässig weitere Anfragen, ob sie arbeiten kann. Sie schreibt: "Eigentlich sollten genau jetzt alle Pflegekräfte ihren Job kün­digen!" Sie sei traurig und enttäuscht, weil es nicht genug Schutzkleidung gebe und man auch weiterarbeiten solle, wenn man Kontakt zu einem Covid-19-Patienten hatte. Und dann würden auch noch Personaluntergrenzen, für die lange gekämpft wurde, einfach ausgesetzt. "Euer Klatschen könnt ihr euch sonst wohin stecken", schreibt Böhmer. "Tut mir leid, es so zu sagen, aber wenn ihr helfen wollt oder zeigen wollt, wie viel wir wert sind, dann helft uns, für bessere Bedingungen zu kämpfen!" Sie drückt auf "posten" und geht schlafen.

"Klar war das Klatschen eine nette Geste, aber ich habe es nicht als aufrichtig empfunden. Ich hatte das Gefühl, dass der Beifall gar nicht uns Pflegern oder Krankenschwestern galt, sondern vor allem den Klatschenden helfen sollte, ihre eigene Angst zu vertreiben", erzählt Böhmer ntv.de. Inzwischen hat die 28-Jährige ein Buch geschrieben, in dem sie sich damit beschäftigt, was alles im Gesundheitssystem schiefläuft. "Für uns sind die Arbeitsbedingungen nicht erst seit Corona schlecht, aber es interessiert niemanden." Manchmal gebe es einen kurzen Aufschrei, dann werde in Talkshows über das Thema gesprochen. Aber genauso schnell gerate es wieder in Vergessenheit.

Immer ein schlechtes Gewissen

Dabei komme beinahe jeder in die Situation, krank oder pflegebedürftig zu sein. "Manchmal sind wir mit einer Mini-Besetzung auf der Station und haben so viele Pflegefälle. Dann hetze ich von Zimmer zu Zimmer und habe trotzdem immer ein schlechtes Gewissen, weil ich den Leuten gar nicht gerecht werden kann." Böhmer ist in vielen verschiedenen Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen im Einsatz, sie sagt, es gebe gute und schlechte Häuser, aber die grundsätzlichen Probleme seien überall gleich. Immer wieder passiere es ihr, dass sie als Externe mit einem Pflegehelfer und einer Schwesternschülerin für 40 Patienten verantwortlich sei.

Nur einmal habe sie erlebt, wie es wäre, wenn genug Mitarbeiter zur Verfügung stünden: Auf der Schulstation, auf der die Auszubildenden kurz vor ihrem Abschluss zum Gesundheits- und Krankenpfleger trainiert werden, um künftig selbständig arbeiten zu können. "Das war das erste und letzte Mal in den drei Jahren Ausbildung, dass wir die schlaue Theorie der Lehrbücher in die Praxis umsetzten. Ich bin sicher, nicht nur mir, sondern allen war bewusst, dass wir es so nie wieder erleben würden", schreibt Böhmer über diese Zeit in ihrem Buch. Allein zwischen 2002 und 2007 wurden mehr als 30.000 Pflegestellen in Deutschland ge­strichen. "Schuld daran war vor allem die Einführung der - viel zu eng berechneten - Fallpauschalen", erklärt Böhmer.

Seit ihrem Abschluss sind fast fünf Jahre vergangen. Pflegenotstand, Materialmangel und Zeitnot sind ihr Berufsalltag. Die Unterbesetzung erhöhe aber nicht nur den Stressfaktor und die Burnout-Anfälligkeit der Beschäftigten in Kliniken und Altenheimen, sondern auch die Fehleranfäl­ligkeit zulasten der Patienten und Senioren. Manchmal sitzt Böhmer nach einer besonders herausfordernden Schicht im Auto und weint. "Am Ende eines Tages habe ich oft das Gefühl, mir platzt der Kopf."

"Kanonenfutter der Politik"

In der Corona-Krise sei das Chaos in den Krankenhäusern noch größer geworden. Obwohl sich die Situation ständig verschärfte, verzichteten die Kliniken plötzlich auf die Unterstützung vieler Zeitarbeiter. Damit sei die Arbeitsbelastung für die, die weiterarbeiteten, zusätzlich gestiegen. Ständig habe es neue Anweisungen gegeben, immer wieder wurden neue und andere Maßnahmen ergriffen. "Man wusste kaum noch, woran man war und was denn nun galt."

Werden Masken getragen oder nicht? Können Besucher kommen und wenn ja wie viele? Dabei habe es ja Pandemiepläne gegeben, an die sich nur niemand hielt. "Ich hätte mir einen runden Tisch von Virologen, Ökonomen und Politikern gewünscht, die sich gemeinsam Maßnahmen überlegen, die dann für alle gelten." Gesundheitsminister Jens Spahn und andere Politiker hätten sich als tolle Krisenmanager dargestellt, "während wir verheizt wurden". Es sei das Gefühl entstanden: "Wir sind das Kanonenfutter der Politik."

Inzwischen sind die Zeiten, in denen in den Krankenhäusern Masken, Desinfektionsmittel oder Klopapier geklaut wurden, glücklicherweise vorbei. Böhmer fragt sich immer noch, was da mit den Menschen los gewesen sei und kann sich das nur mit der Panik jener Tage erklären. Aber auch noch fast vier Monate nach ihrem Post ist in den Krankenhäusern keineswegs genug Material vorhanden. In vielen Krankenhäusern werden die Desinfektionsmittel noch immer von den eigenen Apotheken angemischt.

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Oft arbeitet die Krankenschwester den ganzen Tag mit einer einzigen Einwegmaske im Gesicht. "Ich bekomme in allen Kliniken nur eine Maske am Tag, auch wenn ich zu Patienten mit verschiedenen Infektionen gehe." Vor der Pandemie habe sie unter gleichen Bedingungen 20 bis 30 Einwegmasken im Lauf eines Arbeitstages verbraucht. Damit ist sie keineswegs allein, zeigen die Schilderungen anderer Pflegekräfte aus der ganzen Bundesrepublik.

Krankenschwestern und Pfleger verdienen im Schnitt monatlich rund 3400 Euro brutto, in Seniorenheimen sind es durchschnittlich noch einmal 500 Euro weniger. "Mir kommt es so vor, als ob Autos in Deutschland wichtiger als Menschen sind", sagt sie. Denn in der Autoindustrie verdienten viele Mitarbeiter ein paar Tausend Euro mehr im Jahr als die Beschäftigten in der Pflegebranche. "Wir helfen Tag für Tag, Leben zu retten - das ist ohnehin unbezahlbar", sagt Böhmer. Wenn sich nichts ändere und der Beruf nicht attraktiver für junge Leute wird, werde das System kollabieren, weil niemand mehr bereit sei, in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen zu arbeiten.

Das ist für Böhmer noch keine Option. "Ich liebe meinen Beruf." Sie könne aber auch verstehen, dass viele ihrer Kolleginnen und Kollegen über die Jahre immer frustrierter werden. "Wir lassen unsere Patienten nicht im Stich, aber die Politik lässt uns im Stich", schreibt Böhmer bitter.

Quelle: ntv.de