Politik

Proteststurm von Pflegern Wenn Giffey politisch unkorrekt wird

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Bundesjugendministerin Giffey will mit der Mini-Serie für den Pflegeberuf werben.

(Foto: dpa)

Die Familienministerin hat für 700.000 Euro eine Serie "Ehrenpflegas" drehen lassen, die gut gemeint ist, aber Pfleger empört. Mit gutem Grund: Der Migrantensohn ist der Honk, die Mädels sind schön, wissbegierig und finden: "Helfen ist super cool."

"Ich gehe erste Klasse Pflegeschule. Pflegeschule nicht wie Förderschule - ich brauche nicht Hilfe beim Essen, sondern ich lerne, wie man hilft, dass andere essen und so. Ich chill dann mit Alten und Kranken und so. Denk ich mal", beschreibt der geistig eher suboptimale Boris seine Vorstellungen von dem Beruf, den er vorgibt zu erlernen. Es ist gut zu wissen, dass Boris überhaupt denkt oder besser: denken kann, bevor er auf Senioren losgelassen wird und sein Herz für die Alten entdeckt.

Der junge Mann ist nicht die einzige schräge Gestalt in der Miniserie "Ehrenpflegas". Seine Berufsschullehrerin hat einen Hang sowohl zu Niedlichem als auch zum Sadismus. "Handy vor dir auf den Boden. Hände über den Kopf", befiehlt sie ihrem neuen Schützling in militärischem Ton gleich beim Kennenlernen am ersten Tag seiner Ausbildung. So macht Lernen Spaß. Und natürlich ist alles nur Spaß. Die Lehrerin lacht. Was findet sie witzig? "Die Angst in deinen Augen", erfährt Boris. Zum Glück haut der ihr keine aufs Maul. Die Lage entspannt sich, weil sich die Lehrerin als Mensch unserer Zeit entpuppt, mit coolem Smartphone und so. "Ich check auf Insta die ganzen Panda-Baby-Videos. Die sind so süß." Und weil die digital aufgestellte Bärenliebhaberin ein modernes Handy benutzt, findet Boris sie sofort "geil".

So geht es zu in deutschen Berufsschulen, in denen Pfleger ausgebildet werden. Zumindest in der Fantasie der Macher von "Ehrenpflegas". Die Serie wurde von den Agenturen Zum goldenen Hirschen Berlin und 365 Sherpas in Zusammenarbeit mit Constantin Entertainment, einem Tochterunternehmen der Constantin Film AG, für Bundesfamilienministerin Franziska Giffey entwickelt und produziert. Laut Giffey sollen Jugendliche "unterhaltsam und unkonventionell" für die neue "generalistische Pflegeausbildung" interessiert werden, die Kinder, Kranke und Senioren einschließt. Die Hauptrollen spielen Lena Klenke (Miray), Danilo Kamperidis (Boris), beide waren in der Comedy-Serie "How to Sell Drugs Online (Fast)" zu sehen, sowie "Dark"-Darstellerin Lisa Vicari, die wegen ihrer Brille - hahaha - "Harry Potter" genannt wird.

Frau Harry Potter ist die Kluge, die ständig liest, aber keinen Typen abkriegt. Während sie über den Klimawandel reden will, berichtet Boris von einem Youtuber, "der in Einmachgläser furzt und sie aufbewahrt". Ihr richtiger Filmname ist Katrin Fuchner-Kachelyoun. Weil das angeblich niemand aussprechen kann, kürzt sie es mit "fuck you" ab. Das hat den Vorteil: "Damit ist mein Leben ziemlich gut zusammengefasst." Man höre und staune: Die Frau geht in die Pflege.

Ein Cameo-Auftritt muss drin sein

An der Crew liegt es garantiert nicht, dass der Fremdschäm-Faktor konstant hoch ist. Schauspieler, Regie, Kamera und Schnitt sind allesamt auf Top-Niveau. Die große, aber auch nicht zu umgehende Schwäche des Konzepts ist, dass mit den Dialogen junge Leute angesprochen werden sollen, und zugleich ein gesellschaftlich wichtiges Anliegen rübergebracht werden muss. Schließlich haben die Agenturen dafür ein paar Hunderttausend Euro bekommen. Zwischen diesen Polen pendelt das Drehbuch während der fünf Folgen nonstop hin und her. Hier haufenweise Kalauer, dort ab und an ein echt saukomischer Witz, ehe die gute Miray staatstragend Schulabgängern zwischen Rügen und Schwarzwald erklärt: "Ist halt super cool, wenn man Menschen helfen kann."

Na klar ist es das. Um das Wechseln von Windeln und verschmutzten Bettlaken, Rückenschmerzen und stressige Nachtschichten geht es in den Filmen aber auch nicht. "Wenn wir doch junge Leute gewinnen wollen, diesen Beruf zu ergreifen, dann können wir doch den Leuten nicht täglich erzählen, wie schwierig das alles ist", sagte Giffey, die sich - wenn schon Steuergelder ausgeben, dann muss es sich lohnen - einen Cameo-Auftritt in "Ehrenpflegas" gönnt.

Immer dann, wenn es richtig lustig wird, wünscht man sich, das Ministerium hätte das Geld - laut Deutschlandradio Kultur 700.000 Euro - der Filmförderung vermacht und das Team hätte eine Komödie in Spielfilmlänge gedreht, die das Aufeinandertreffen von jungen Pflegern und alten Leuten humorvoll in Szene setzt. So aber muss sich Giffey an der Realität messen lassen. Und da verwundert es nicht, dass "Ehrenpflegas" von Kranken- und Altenpflegern mit vernichtender Kritik überschüttet wird und nur wenig Zustimmung erfährt.

Realität realitätsfern darzustellen, haut schlicht nicht hin. Wie wunderbar, dass es in der Stadt, in der das Azubi-Trio lebt, keine Wohnungsnot gibt. Wahrscheinlich ist es Schwedt, Forst oder eine andere Stadt kurz vor Polen. "Ich hab neulich im Internet so 'ne Vier-Zimmer-Wohnung gesehen mit offener Küche und so. Die wäre perfekt für 'ne WG", sagt Harry Potter. Welch Glück, dass die Bleibe noch da ist, der Vermieter der Kaufkraft der drei Lehrlinge traut und sie einziehen können.

"Jetzt hat es sogar der letzte Honk verstanden"

Besonders krass ist die - nach sonstigen Maßstäben von Giffeys SPD politisch unkorrekte - Darstellung von Boris als moppeligem Fast-Food-Freund und Nassauer, der von Ausbildung zu Ausbildung eilt: "Kassier mein Cash und chill wie ein Maulwurf." Schließlich: "Man kann mich ja nicht mehr so einfach rausschmeißen und so. Ist so mein Trick." Boris ist der Migrationshintergrund leicht anzusehen und anzuhören, da er Präpositionen weglässt: "Ich bin 25 Jahre und gehe erste Klasse."

Boris steht damit im Kontrast zu den zwei hübschen, schlanken Frauen, die das Zeug zu Instagram-Stars haben. Harry Potter ergreift schon mal - mit wenig begeistertem Verweis auf Boris - das Wort, "damit das nicht zu bildungsfern wird". Im Gegensatz zu Vollpfosten Boris rafft Miray am ersten Tag: "Jetzt hat sogar der letzte Honk verstanden, dass das systemrelevant ist." Bravo! Boris "musste in der Schule mal ein Referat halten über den Otto-Motor, hat aber stattdessen über den Otto-Katalog geredet." Selbst seine Lehrerin haut ihn in die Pfanne. Als Harry Potter prognostiziert, dass ihr WG-Mitbewohner im Knast landen werde, verteidigt die Lehrerin ihren Schüler nicht, sondern sagt: "Da ist wohl was dran."

Und solche Fast-Knackis sollen Kinder, Alte und Kranke pflegen? Natürlich überwindet Boris das Otto-Trauma, indem er eine schöne Geschichte von zwei seiner Patienten erzählt, die im hohen Alter auch dank seiner Hilfe ein Paar wurden. Die Geschichte ist tatsächlich herzzerreißend und zeigt das Potenzial, das "Ehrenpflegas" hat. Natürlich liebt Boris am Ende seinen Job und die alten Leute. Er kriegt seine Chance und nutzt sie. Auch das ist okay, wie das Anliegen der Serie richtig ist. Die Frage ist nur: Kommt die Botschaft bei jungen Leuten an? Folge eins wurde in den ersten zwei Tagen rund 50.000 Mal geklickt, Folge 5 nicht mal 10.000 Mal.

Korrekturhinweis: In einer früheren Fassung des Textes hieß es, die Produzenten von "Fack ju Göthe" hätten die Serie "Ehrenpflegas" entwickelt und produziert. Diese Angabe des Bundesfamilienministeriums ist nicht korrekt. Die Miniserie wurde von Constantin Entertainment produziert, einer Tochterfirma der Constantin Film AG, die wiederum hinter dem Kinoschlager "Fack ju Göthe" steht.

Quelle: ntv.de