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Kompott für alle Was mich am Frauentag nervt

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Der Mann ist das Standardmaß und bekommt im Zweifelsfall den Nachtisch.

(Foto: imago/Panthermedia)

Der Weltfrauentag ist einer jener Tage, an dem jeder etwas über Frauen, ihre Rolle in der Gesellschaft und natürlich zum Stand der Gleichberechtigung loswerden muss. Unsere Autorin will davon nichts mehr hören und sich auch nicht mehr einreihen.

Heute ist Frauentag, der Internationale Kampftag für die Rechte von Frauen, der schon 1921 ausgerufen wurde. In Berlin ist der Tag seit Neuestem sogar offizieller Feiertag, Schulen und Geschäfte sind geschlossen. Ich hasse den Frauentag, weil das Datum alle Jahre wieder dazu herhalten muss, sich über die Gleichstellung von Frauen und Männern zu verständigen. Wobei verständigen schon falsch ist. Das Wort klingt nach miteinander, nach dem Austausch von Argumenten, nach Verständnis füreinander. Aber so ist die Gleichstellungsdebatte nicht.

Ganz im Gegenteil: Sobald sich eine Frau dazu äußert, wo sie noch immer alles andere als gleichberechtigt ist, bricht großes Geschrei aus. Dann wird wahlweise auf subjektive Wahrnehmungsprobleme oder auf bereits erreichte Verbesserungen verwiesen. Dahinter stehen ebenso wahlweise die Ideen, dass Frauen einfach nicht in der Lage sind, die Dinge wahrzunehmen, wie sie sind oder wenigstens ein bisschen dankbarer sein könnten. Das ist klassisches Gaslighting oder borniertes Verhalten von oben herab, man kann sich aussuchen, was schlimmer ist.

Noch furchtbarer sind aber die zahlreichen Daten, die rund um den Frauentag veröffentlicht werden. Die Tatsache, dass prozentual gesehen mehr Frauen nach einem Herzinfarkt sterben als Männer, weil Ärzte die Symptome von Männern als allgemeingültig lernen und Frauen einfach wieder nach Hause schicken, wenn sie überhaupt deshalb ins Krankenhaus gehen. Dass sich die Erforschung neuer Medikamente noch immer an einem "Referenzmann" zwischen 25 und 30 Jahren und einem Gewicht von etwa 70 Kilogramm orientiert, ohne die Verschiedenheit der Geschlechter bei Hormonen oder Immunfaktoren zu berücksichtigen. Der Fakt, dass Autos auf den Körperbau von Männern hin entwickelt und mit nach männlichen Vorbildern gebauten Crash-Test-Dummies getestet werden, was zur Folge hat, dass die Wahrscheinlichkeit von Frauen bei Unfällen zu sterben höher ist, unter anderem weil sie einen andern Körperbau und eine andere Knochendichte als Männer haben.

Eine endlose Liste

Die Tatsache, dass nur fünf von zehn Blockbustern aus dem Jahr 2018 den Bechdel-Test bestehen. In der Hälfte der Kino-Kassenschlager des vergangenen Jahres kommen also entweder nicht mindestens zwei namentlich bekannte weiblich Charaktere vor oder sie reden nicht miteinander oder sie reden nur über Männer. Oder der von der Weltbank ermittelte Fakt, dass lediglich in sechs Ländern weltweit Frauen und Männer wirklich gleiche Rechte haben, beispielweise beim Reisen, Arbeiten, beim Verdienst, der Rente, beim Heiraten und Kinder haben. Deutschland ist übrigens nicht unter diesen sechs.

Die Liste lässt sich immer weiter fortsetzen, weil der männliche Mensch das Standardmaß ist. Immer noch. Die Frau ist die Abweichung. Ihre Stimme ist zu hoch, sie ist zu klein, ihr Konfliktgebaren hysterisch. Ich verstehe das einfach nicht mehr: Wenn es sechs Menschen gibt und dreimal Kompott, warum immer wieder die gleichen drei Nachtisch bekommen und die anderen immer leer ausgehen. Und warum die Existenz oder Nicht-Existenz eines Penis bei dieser Entscheidung eine Rolle spielt.

Wenn jetzt also wieder Blumen gekauft und Reden geschwungen werden, bin ich raus. Weil ich keine Lust auf die gehässige Leserpost habe, die mir mein Leben als Frau erklärt. Oder auf das gönnerhafte Gebaren, das von mir Verständnis einfordert für Veränderungsprozesse, die eben Zeit brauchen. Weil ich PR-Aktionen wie die von Engel & Völkers, in der fünf Männer über "weibliche Vorbilder" sprechen, so lächerlich finde, dass ich mich nur wundern kann, dass sie überhaupt veröffentlicht wurde.

Wenn es die Fee gäbe, die bereit wäre, mir einen Wunsch zu erfüllen, ich hätte einen. Wir tauschen einfach mal wirklich, und ich bekomme den Nachtisch.

Quelle: n-tv.de

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