Panorama

Stadt im "Schockzustand" Was über die Explosion in Beirut bekannt ist

Zwei Explosionen erschüttern Beirut, zerstören den Hafen und beschädigen umliegende Wohngebiete. Mehr als 130 Menschen sterben, Tausende werden verletzt. Ein großes Depot von Ammoniumnitrat soll dafür verantwortlich sein. Was genau die Detonation ausgelöst hat, ist aber unklar. Wir klären die wichtigsten Fragen.

Was ist passiert?

Die libanesische Hauptstadt Beirut wurde am Dienstagabend gegen 18 Uhr Ortszeit von zwei Explosionen erschüttert. Vor allem die zweite Detonation war gewaltig. Videos und Bilder zeigen eine riesige Feuer- und Staubwolke, die über dem Hafen der Stadt am Mittelmeer aufsteigt. Die Explosion war über Hunderte Kilometer zu hören, nicht nur im Libanon, sondern bis zur zyprischen Hauptstadt Nikosia.

Auf Videos der Explosionen in Beirut ist zunächst schwarzer, dann roter Rauch zu sehen. "Ich gehe davon aus, dass es eine kleine Explosion gab, die die Reaktion des Ammoniumnitrats auslöste - ob diese kleine Explosion ein Unfall war oder beabsichtigt, weiß ich nicht", sagte die Chemie-Expertin Jimmie Oxley von der Universität in Rhode Island.

Wie viele Opfer gibt es?

Nach Angaben von Gesundheitsminister Hassan Hamad kamen mindestens 135 Menschen ums Leben, etwa 5000 weitere wurden verletzt. Mindestens 100 Menschen werden laut Sicherheitskreisen noch vermisst. Der Mittwoch wurde zum Tag der landesweiten Trauer erklärt, der Oberste Verteidigungsrat des Landes erklärte Beirut zur "Katastrophenzone". Aufgrund der Corona-Pandemie arbeiten viele Kliniken bereits an den Kapazitätsgrenzen, etliche Verletzte mussten von den Krankenhäusern abgewiesen werden.

Auch acht Deutsche wurden verletzt, wie aus einem internen Lagebericht des Technischen Hilfswerks (THW) hervorgeht. Laut Auswärtigem Amt wurden auch Mitarbeiter der Deutschen Botschaft in Beirut verletzt. Die Kanzlei des Botschaftsgebäudes wurde beschädigt, die Vertretung wich aber auf andere Liegenschaften aus und sei arbeitsfähig. Die Niederlassung des Goethe-Instituts wurde stark beschädigt. Eine Mitarbeiterin wurde leicht verletzt, hieß es. Auch das Deutsche Rote Kreuz (DRK) sprach von einem leicht verletzten Mitarbeiter. Das Außenamt schloss nicht aus, dass weitere deutsche Staatsangehörige unter den Todesopfern und Verletzten sein könnten. Eine "belastbare Zahl" der Verletzten könne aber noch nicht genannt werden, "die Lage vor Ort muss als chaotisch bezeichnet werden", hieß es.

Welche Schäden gibt es?

Der Hafen der Stadt, der direkt ans Stadtzentrum mit seinen Ausgehvierteln grenzt, wurde größtenteils zerstört, umliegende Wohngebiete verwüstet. Die Schockwelle der zweiten Explosion brachte Gebäude zum Einsturz, ließ Autos umkippen und Fensterscheiben in Beirut und der Umgebung bersten. Container im Hafen wurden verbogen, ihr Inhalt auf dem Boden zerstreut. Schiffe, Lagerhallen und Autos standen in Flammen. Laut Medienberichten wurde auch der große Getreidespeicher am Hafen zerstört. Die UNO warnte bereits vor Engpässen bei der Versorgung mit Grundnahrungsmitteln. Der Libanon importiert 80 Prozent seiner Lebensmittel, viele über den Beiruter Hafen. Die Reserven reichten nur noch für knapp einen Monat, sagte Wirtschaftsminister Raoul Nehme. Das Land verfüge aber zusammen mit den Schiffslieferungen, die auf dem Weg seien, über genügend Vorräte, um seinen Bedarf zu decken. "Es gibt keine Brot- oder Mehlkrise", betonte der Minister.

Laut Beiruts Gouverneur Marwan Abbud wurden die Wohnungen von Zehntausenden Menschen zerstört, 200.000 und 250.000 Einwohner hätten ihre Unterkünfte verloren. Der Schaden liegt demnach zwischen drei und fünf Milliarden Dollar, "möglicherweise mehr".

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Der Leiter des Büros der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) im Libanon, Malte Gaier, sprach im Deutschlandfunk von "massiven strukturellen Schäden". Das staatliche Elektrizitätswerk sei komplett zerstört, Verwundete aufgrund des Ansturms auf Kliniken oft abgewiesen worden. "Wir haben die ganze Nacht hinweg, und ich vermute auch, dass das jetzt noch der Fall ist, wirklich chaotische, teils dramatische Szenen hier gesehen." Gaier spricht von einem "Schockzustand" in der Stadt, den er mit den USA nach den Anschlägen vom 11. September 2001 vergleicht.

Was hat die Explosionen ausgelöst?

Laut dem Ministerpräsidenten des Landes, Hasan Diab, detonierten 2750 Tonnen Ammoniumnitrat - es handelt sich demnach um ein Unglück. Der Stoff sei sechs Jahre lang ohne Vorsichtsmaßnahmen in einem Lagerhaus untergebracht gewesen, sagte Diab. Laut Behörden wurde die Chemikalie einst beschlagnahmt. Berichten zufolge stammt sie von einem Frachtschiff, dem wegen Mängeln die Weiterfahrt untersagt wurde. Laut Gouverneur Abbud wurde in einem Bericht von 2014 vor einer möglichen Explosion gewarnt.

Sicherheitskreisen und Medienberichten zufolge wurde die Explosion womöglich durch Schweißarbeiten an einer Lagerhalle ausgelöst. Eine mit den Ermittlungen vertraute Person sprach von jahrelanger Fahrlässigkeit und Untätigkeit. Ein Feuer sei von einer Lagerhalle auf die Halle mit dem Ammoniumnitrat übergesprungen.

US-Präsident Donald Trump widersprach den Angaben aus Beirut. Unter Berufung auf Angaben von US-Generälen sprach er vielmehr von einem "furchtbaren Angriff" mit einer "Art von Bombe". Seine Generäle würden aufgrund der Art der Detonation nicht von einem Unfall ausgehen. Weder amerikanische noch libanesische Behörden haben allerdings bisher Hinweise darauf gegeben, dass es sich um einen Anschlag handeln könnte. Auch die Bundesregierung teilt Trumps Einschätzung nicht.

Was ist Ammoniumnitrat?

Ammoniumnitrat (auch: Ammoniaksalpeter) ist ein Salz aus Ammoniak und Salpetersäure. Es wird sowohl in der Düngerherstellung verwendet, aber auch zur Produktion von Sprengstoff, etwa ANC und Donarit. In der EU gibt es strenge Vorschriften für die Lagerung des Stoffes.

Im Zusammenhang mit Ammoniumnitrat gab es immer wieder schwere Katastrophen. So explodierte im September 1921 das Oppauer Ammoniakwerk von BASF in Ludwigshafen. 559 Menschen kamen damals ums Leben, fast 2000 wurden verletzt. 1947 explodierten im Hafen von Texas City zwei mit Ammoniumnitrat beladene Frachter, was weitere Detonationen auslöste, dabei starben bis zu 600 Menschen, Tausende wurden verletzt. Bei einer Explosion 2015 im chinesischen Tianjin mit mehr als hundert Toten soll auch Ammoniumnitrat eine Rolle gespielt haben.

Mit dem Stoff wurden auch Anschläge verübt, etwa die Attacke auf ein US-Bundesgebäude in Oklahoma City 1995 mit 168 Toten. Anders Behring Breivik nutzte Ammoniumnitrat für seinen Anschlag auf ein Regierungsgebäude 2011 in Oslo.

Wie kommen die Rettungsarbeiten voran?

Wie schon in der Nacht durchkämmen Rettungskräfte die Trümmer im zerstörten Hafen und den angrenzenden Gebieten nach Überlebenden und Leichen. Sie werden aber durch die Zerstörungen sowie den Stromausfall in weiten Teilen der Stadt erschwert. Die Libanesen vernetzen sich unter anderem über ein Instagram-Konto für die Suche nach Vermissten. Mehr als 86.000 Nutzer haben das Konto abonniert, über das Betroffene mit Fotos nach Hinweisen zu Freunden und Verwandten suchen können.

Zahlreiche Länder haben Hilfe angeboten oder bereits auf den Weg gebracht. Frankreich, das als ehemalige Mandatsmacht eng mit dem Libanon verbunden ist, entsandte zwei Flugzeuge der Armee mit medizinischer Ausrüstung und einer mobilen Krankenstation sowie Spezialisten für Rettungs- und Räumungsarbeiten. Staatschef Emmanuel Macron wollte am Donnerstag nach Beirut reisen. Die Bundesregierung bereitet auf Bitten der libanesischen Regierung die Entsendung einer 47-köpfigen Einsatzeinheit des Technischen Hilfswerks vor. Zudem werde ein Botschaftsunterstützungs-Team nach Beirut geschickt, das Außenamt hat einen Krisenstab eingerichtet. Die Bundeswehr hielt nach Angaben des Verteidigungsministeriums ihre Klinik-Flugzeuge bereit. Weitere Hilfe kommt etwa über das EU-Krisenzentrum oder aus Großbritannien und Russland. Der Iran, der die islamistische Hisbollah-Miliz im Libanon unterstützt, sagte ebenfalls Hilfe zu.

Eine Klinik im Norden Israels bot Unterstützung bei der Versorgung von Verletzten an. Die israelische Regierung bot über internationale Kanäle Hilfe an. Von libanesischer Seite wurden die Hilfsangebote aus Israel zurückgewiesen. "Wir nehmen keine Hilfe von einem feindlichen Staat an", hieß es von Regierungsvertretern. Beide Länder befinden sich offiziell noch im Krieg.

Wie reagiert der Libanon?

Noch sind die Ermittlungen zu den Hintergründen nicht abgeschlossen. Ministerpräsident Diab kündigte aber bereits an, die Verantwortlichen würden zur Rechenschaft gezogen werden. Der libanesische Präsident Michel Aoun kritisierte scharf, dass 2750 Tonnen Ammoniumnitrat sechs Jahre lang ohne Sicherheitsmaßnahmen aufbewahrt worden seien. Das libanesische Kabinett trifft sich am Mittwoch zu einer Dringlichkeitssitzung.

Gibt es politische und wirtschaftliche Auswirkungen?

Das Unglück trifft den Libanon zur Unzeit, das Land kämpft bereits mit zahlreichen anderen Krisen. Obwohl von einem Unglück ausgegangen wird, richten zahlreiche Einwohner ihre Wut gegen die politische Führung, der sie Korruption und jahrelange Misswirtschaft vorwerfen. Das Land mit seinen etwa 6,2 Millionen Einwohnern - 2,4 Millionen wohnen im Großraum Beirut - gilt als politisch instabil, das Staatswesen basiert auf einem wackeligen Kompromiss der verschiedenen Bevölkerungs- und Religionsgruppen. In den vergangenen Jahren kamen zudem 1,5 Millionen Flüchtlinge aus Syrien in das kleine Land, sie belasten Infrastruktur und Wirtschaft zusätzlich.

Der Libanon erlebt derzeit eine der schwersten Wirtschaftskrisen. Fast die Hälfte der Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze. Seit Mitte Juni befindet sich das libanesische Pfund im freien Fall, die Arbeitslosenrate steigt, Lebensmittelpreise schnellen nach oben - was bereits Massenproteste ausgelöst hat. Die Corona-Pandemie hat die Lage noch verschlechtert. Erst am Montag trat Außenminister Nassif Hitti zurück. Der Libanon drohe ein "gescheiterter Staat" zu werden, wenn die Regierung nicht die vom Internationalen Währungsfonds (IWF) geforderten Reformen umsetze, sagte er. Das Mittelmeerland verhandelt seit zwei Monaten mit dem IWF über dringend benötigte Finanzhilfen.

"Diese Explosion ist der Sargnagel für die Wirtschaft des Libanons und für das Land im Allgemeinen", sagte der libanesische Analyst Makram Rabah der Deutschen Presse-Agentur. Die Menschen könnten ihre Häuser nicht wieder aufbauen, weil ihnen das Geld fehle. Der Hafen in Beirut sei zudem die Lebensader des Landes.

Quelle: ntv.de, mit dpa/AFP/rts