Panorama

Erster Besuch seit 38 Jahren Was will der Papst in Japan?

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Nach fast vierzig Jahren besucht ein Papst Japan.

(Foto: imago images/Independent Photo Agency Int.)

Papst Franziskus zieht sogar in einem buddhistischen Land wie Japan die Massen an und betet dafür, dass nie wieder Atombomben eingesetzt werden. In Zeiten wachsender Spannungen in Ostasien richtet sich sein Friedensappell auch an die rechte Regierung des Gastgeberlandes.

"Pope is coming", steht auf dem T-Shirt von Minori Takeuchi. "Der Papst kommt." Darüber die gezeichnete Silhouette des Pontifex, wie er mit der rechten Hand das Zeichen für "I love you" in englischer Gebärdensprache symbolisiert. Takeuchi ist 22 Jahre alt. Sie hat den Papst fest in ihr Herz geschlossen. Sein Konterfei ziert auch die Rückseite ihrer Mobilfunkhülle. Vier pinkfarbene Buchstaben leuchten die Ecken des Bildes aus. A – M – O – R, das spanische Wort für Liebe.

Die junge Frau studiert an der Sophia-Universität im Bezirk Chiyoda in Tokio, eine private Elite-Hochschule, die vor mehr als 100 Jahren vom Jesuitenorden gegründet wurde. Auch Franziskus ist Jesuit. Einer seiner Ordensbrüder, Pater Juan, unterrichtet hier in Chiyoda. Der Papst wurde an seinem 81. Geburtstag im Dezember 2017 live in die Aula der Uni geschaltet für einen Dialog mit den Studenten. Wer nicht im Hörsaal dabei war, konnte sich auf Youtube dazuschalten. Franziskus lachte viel und herzlich, er eroberte die Herzen. Am Dienstag wird er den Campus besuchen. Zum Abschluss seines viertägigen Besuchs trifft er mit einigen Ordensbrüdern zusammen. Eine reine Herrenrunde wird das dann.

Frauen können den Papst dafür am Montag im Tokyo Dome sehen. 55.000 Menschen passen bei Sportereignissen in die Arena. Die Heilige Messe ist seit Wochen ausverkauft. Die St.-Ignatius-Gemeinde, gleich neben der Sophia-Universität, wird in ihrer kleinen Kapelle die Messe im Livestream übertragen. Schon seit Samstag gibt es hier als Warm up christliche Spielfilme mit japanischen Untertiteln.

Papstfan Minori Takeuchi hilft ehrenamtlich aus. Sie steht hinter einem kleinen Tisch mit Informationsmaterial über die Caritas und andere Organisationen. Für 100 Yen, gut 80 Euro-Cent, kann man einen Beutel Kaffee kaufen, mit gemahlenen Bohnen aus Ost-Timor. "Ich freue mich sehr, dass der Papst endlich nach Japan kommt. Als er zum letzten Mal hier war, war ich noch nicht einmal geboren", sagt Takeuchi.

Christen sind in der Minderheit

38 Jahre ist es her, dass Johannes Paul II. das Land besuchte, als bislang einziges katholisches Kirchenoberhaupt der Geschichte. Franziskus'  Vorgänger Benedikt schaffte es in acht Jahren nicht einmal nach Asien. Franziskus selbst war es dagegen immer ein Anliegen, nach Japan zu reisen. Vor allem wollte er nach Hiroshima und Nagasaki reisen, jene beiden Städte, die im August 1945 von den Amerikanern mit Atombomben angegriffen wurden und seitdem als weltweite Mahnmale nuklearer Zerstörung gelten. "Zusammen mit euch bete ich dafür, dass die Zerstörungskraft von Nuklearwaffen nie wieder in der Menschheitsgeschichte benutzt wird", sagte er den Japanern per Videobotschaft schon vor seiner Messe am Sonntag im Baseballstadion von Nagasaki.

Der Menschheit wirft er vor, nichts aus den Abwürfen der Bomben vor 74 Jahren gelernt zu haben. Im Januar 2018 gab der Vatikan eine Fotokarte als Mahnung heraus, die einen Jungen in Nagasaki zeigte, der kurz nach der Bombe seinen toten Bruder auf dem Rücken zu einem Krematorium trägt. "Ich hoffe und wünsche mir, dass der Papst klar und deutlich den Krieg verurteilt. Ich will, dass seine Botschaft auch in Japan gehört wird", sagt Yukiko Higuchi. Die 69-Jährige lebt in einem zweistöckigen Häuschen im Osten Tokios im Stadtteil Sumida. Sie war Anfang 30, als Johannes Paul II. hier war. Sie erinnert sich noch genau an diesen charismatischen Polen, dessen Aura den Geist des Friedens verbreitete. Franziskus habe auch diese Ausstrahlung, findet sie.

Higuchi hat zum Abendessen einen Gemüseauflauf in den Ofen geschoben und zartes Rinderfilet aufgetischt. Ein paar Happen Sushi dürfen auch nicht fehlen. Aus dem Wohnzimmer dröhnen Geräusche einer Spielkonsole, mit der sich die beiden Enkel beschäftigen. Als Higuchi vier Jahre alt war, wurde sie katholisch getauft. Die gläubige Mutter wollte es so. Als Christin ist sie Teil einer Minderheit in Japan. Es gibt nur etwa eine Million bekennende Christen unter 125 Millionen Einwohnern im Land. Knapp 500.000 davon sind katholisch. Die meisten Menschen sind Anhänger der buddhistischen Lebensphilosophie, oder sie folgen dem Shintoismus, der die Verkörperung Gottes in allem sieht.

Higuchi studiert mit dem Chor ihrer Kirchengemeinde gerade Stücke von Brahms ein: Liebeslieder und Ein deutsches Requiem. Sie singt die Altstimme. Deutsch sprechen kann sie nicht. Nur "Gesundheit", wenn jemand niesen musste. Sie wäre selbst gerne zur Messe in den Tokyo Dome gegangen, wo normalerweise ihre Lieblingsbaseballmannschaft, die Yomiuri Giants, spielen. Aber ihre Kirchengemeinde konnte den rund 200 Mitgliedern nur 20 Eintrittskarten anbieten. Das Losglück fiel auf andere. "Im Fernsehen kann ich den Papst ja auch viel besser sehen", meint sie und lächelt. Baseball schaut sie auch immer im Fernsehen.

Latente Angst vor einem Krieg

Sie sei eine glückliche Frau, sagt Higuchi. Ihre Eltern waren wohlhabend, ihr hat es nie an irgendetwas gemangelt. Fünf gesunde Kinder hat sie in die Welt gesetzt, vier davon sind katholisch, nur die jüngste Tochter entschied sich dazu, evangelisch getauft zu werden. Selbst ihr Mann ließ sich vor zwei Jahren mit 72 Jahren noch taufen. Sie schmunzelt, wenn sie davon erzählt. Aber seit einer Weile beschleicht die Frau immer wieder ein unangenehmes Gefühl, eines, das sie bislang nicht kannte aus ihrem Leben: die latente Angst vor einem Krieg. Seit der stockkonservative, manche sagen extrem rechte, Premierminister Shinzo Abe die Regierungsgeschäfte führt, ist ihr diese neue Unsicherheit immer wieder präsent.

Abe ist jetzt länger Japans Premierminister als jeder seiner Vorgänger. Acht Jahre schon steht er an der Spitze. Sein größtes politisches Ziel bleibt die Änderung der Verfassung, die Japan seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs militärische Zurückhaltung auferlegt. Den Rechten im Land stinkt es, dass sie immer nur mäßigend reagieren dürfen, wenn Nordkoreaner mit Atomwaffen drohen, oder die Chinesen sich im ost- und südchinesischen Meer nach Lust und Laune ausbreiten. Auch die Russen sind nicht mehr an das Atomwaffen-Abkommen mit den USA gebunden.

Japans Rechte aber wollen nicht, dass ihre Soldaten im Ernstfall nur als Schachfiguren unter amerikanischer Leitung an die Front geschickt werden. Sie wollen den Krieg selbst führen. Wenn schon, denn schon. Die Friedensbotschaft von Papst Franziskus richtet sich deshalb nicht nur an die schwer bewaffneten Nachbarn Japans, sondern auch an die Gastgeber selbst. Sie sollen nicht noch Öl ins Feuer gießen.

Zwangsprostitution belastet noch immer

Und dann ist da noch diese Schuldfrage, die die bilateralen Beziehungen in Ostasien seit über 70 Jahren belasten. Japans Kriegsverbrechen, unter anderem die Zwangsprostitution tausender Frauen in Korea und China, um japanischen Soldaten die Zeit der Besatzung angenehmer zu gestalten, drücken immer noch auf den Seelen der Opfer. Regierungschef Abe machte mit einem Besuch des umstrittenen Yasukuni-Schreins deutlich, was er von einer moralischen Schuld Japans relativ wenig hält. Denn der Schrein in Tokio ist Gedenkstätte für die Ehrerbietung an japanische Kriegstote, einschließlich verurteilter Kriegsverbrecher.

2015 explodierte in den Toilettenräumen des Schreins eine Bombe, für dessen Explosion ein Südkoreaner verantwortlich gemacht wurde. Niemand wurde verletzt, aber die Tat war Ausdruck für die offenen Wunden in Korea. In China sind sie kaum kleiner. Interessant ist die Frage, ob Franziskus dem japanischen Regierungschef eine kleine Nachhilfe in christlicher Glaubensgrundsätzen geben wird, wenn er am Montag persönlich mit ihm sprechen wird. Abe war 2014 im Vatikan zu Gast und warb damals für einen Gegenbesuch.

Das Schuldbekenntnis ist eines der zentralen Prinzipien der Katholiken. Wer aufrichtig beichtet, dem wird vergeben. Japans Nachbarn würde es vermutlich helfen, hinter dem alten Feindbild auch den Willen zu einer friedlichen Zukunft zu erkennen.

Quelle: ntv.de