Von Raben- bis Filter-MutterWenn Eltern alle Hindernisse aus dem Weg räumen
Von Sabine Oelmann 
Was wäre, wenn wir unsere Kinder schwächer machen, obwohl wir sie stärken wollen? Weil wir zum Beispiel überprotektiv sind und nur an das Gute glauben. Im Gespräch mit Tatjana Kiel hat sich die ntv.de-Autorin von Rabenmüttern über Helikopter- und Curling- bis zu Filter-Eltern vorgearbeitet - und fragt sich nun, was das für unsere Zukunft bedeutet.
Kommt Ihnen das bekannt vor? Eltern, die sofort eingreifen, wenn ihr Kind strauchelt. Die Konflikte lösen, bevor sie entstehen. Die dafür sorgen, dass möglichst nichts schiefgeht. Was lange wie ein Einzelfall wirkte, ist heute vielerorts Alltag. Und genau darin liegt das Problem: Wir wollen unsere Kinder stark machen - könnten sie aber genau dadurch schwächen.
Vom Beobachten zum Freiräumen
Der Begriff "Helikoptereltern" beschreibt ein Phänomen, das inzwischen gut erforscht ist: Eltern, die ihre Kinder eng begleiten und ständig präsent sind. Doch daraus ist längst mehr geworden. Psychologen sprechen heute zunehmend von Curling-Eltern - auch bekannt als "Snowplow Parenting" - also Eltern mit einer Art Schneepflug vorne dran. Damit gemeint sind Eltern, die Hindernisse nicht nur beobachten, sondern aktiv aus dem Weg räumen. Der Weg wird also glattgezogen, bevor das Kind überhaupt ins Stolpern geraten könnte.
Die Absicht dahinter ist verständlich und gut: Schutz, Sicherheit, Unterstützung. Doch genau hier beginnt die Verschiebung, denn wenn Schwierigkeiten gar nicht mehr erlebt werden, kann auch der Umgang mit ihnen nicht gelernt werden. Tatjana Kiel, selbst Mutter, sagt: "Also, ich bin aus der Generation 'Es gibt keine Fehler', auch Niederlagen sind nicht vorgesehen. Wenn man sich etwas vorgenommen hat und das funktioniert nicht, dann ist man natürlich enttäuscht. Die Frage ist, wie du damit umgehst." Und wie geht sie damit um? "Ich liebe den Spruch, dass wir unseren Kindern Wurzeln und Flügel mitgeben sollen. Dann wäre alles viel einfacher."
Dass sie fliegen können, denken doch wahrscheinlich die meisten. "Die Wurzeln sind aber oft nicht vorhanden. Man kann nicht aufbrechen und überall hinfliegen und ein Selbstbewusstsein haben, das nur wenig der Realität entspricht, wenn du gar nichts mehr gespiegelt bekommst, weil du als Kind eben immer aufgefangen wurdest. Dann bist du in deiner Eigenwahrnehmung nicht realistisch", lenkt Kiel ein.
Die nächste Stufe: Wenn Realität gefiltert wird
Aus dieser Entwicklung entsteht eine neue Form der Überfürsorge - subtiler, aber weitreichender: die "Filter-Eltern". Hier geht es nicht mehr nur darum, Probleme zu vermeiden. Sondern darum, sie umzudeuten. Konflikte werden abgeschwächt. Niederlagen relativiert. Unangenehme Wahrheiten weichgezeichnet. Die Welt erscheint für Kinder weniger widersprüchlich, weniger hart - und vor allem: kontrollierbar. Die Botschaft lautet: Du kannst alles. Es ist alles gut. Es gibt keine Grenzen. Das Problem: Diese Welt existiert so dann leider doch nicht.
Die Entwicklungspsychologie weist seit Jahren auf einen zentralen Zusammenhang hin: Kinder brauchen Widerstände, um sich zu entwickeln. Studien zeigen, dass übermäßige elterliche Kontrolle mit geringerer Selbstständigkeit, höherer Unsicherheit und Schwierigkeiten im Umgang mit Stress verbunden ist. Oder einfacher gesagt: Wer nie fällt, lernt nicht, aufzustehen. Kindern, denen Frustrationen erspart bleiben, fehlt später aber oft genau das, was sie am dringendsten brauchen, und zwar die Fähigkeit, Rückschläge einzuordnen; ein realistisches Bild der eigenen Fähigkeiten und den Umgang mit Kritik und Unsicherheit.
"Erziehen ist Hardcore-Arbeit", weiß Tatjana Kiel. Und deswegen ist ihr Rat: "Grenzen setzen, einen Rahmen geben: Innerhalb dieses Rahmens könnt ihr euch bewegen, wie ihr wollt. Wenn ihr mal darüber hinausgeht, ist es kein Beinbruch, dann geht man wieder zurück rein." Das hat viel mit Intuition zu tun. Intuition ist aber so ein bisschen verloren gegangen, oder? "Man muss früh anfangen, Eltern, Kinder und Lehrer gemeinsam, dem Kind etwas zuzumuten, es seine Konflikte selbst lösen zu lassen", weiß sie aus Erfahrung.
Denn sonst kann eine gefährliche Lücke entstehen - zwischen dem, was Kinder und junge Menschen über sich glauben, und dem, was sie tatsächlich leisten können. Spätestens in Schule, Ausbildung oder Beruf wird diese Lücke sichtbar. Dort treffen sie auf eine Realität, die nicht gefiltert ist. Auf Erwartungen, die nicht verhandelbar sind. Auf Feedback, das nicht immer positiv ist.
Die Folgen zeigen sich im Alltag: Fehler werden schwer akzeptiert oder anderen zugeschrieben; Kritik wird als Angriff verstanden; Entscheidungen fallen schwer und Sorgfalt und Verbindlichkeit verlieren an Bedeutung. Es geht insgesamt um eine Verschiebung von Haltung. Und damit um mehr als nur Erziehung. "Wir brauchen Leute, die Lust haben", so Kiel.
Fehlen die Vorbilder? Sind wir selbst keine Vorbilder mehr? "Ich glaube, Vorbilder braucht es unbedingt. Vorbilder, die zeigen: Es ist alles möglich. Es muss aber realistisch bleiben: Das Leben besteht nicht nur aus Höhen. Mir fehlen die Tiefen. Alles mal auszuprobieren - das kann man niemandem abnehmen. Und dann die Verantwortung für seine Entscheidungen zu übernehmen. Das ist auch ein tolles Gefühl!"
Warum das uns alle betrifft
Die Frage ist nicht nur, wie Kinder aufwachsen, sondern welche Fähigkeiten sie für "später" mitbringen: für Zusammenarbeit, für Verantwortung, für ein funktionierendes Miteinander. Resilienz, Selbstwirksamkeit und Urteilsfähigkeit entstehen nicht durch Schutz - sondern durch Erfahrung. Wenn wir Kindern diese Erfahrungen nehmen, fehlt ihnen später genau das Fundament, auf dem sie Entscheidungen treffen können. Oder zugespitzt: Wir schützen sie vor der Realität - und nehmen ihnen damit die Fähigkeit, mit ihr umzugehen.
Die Antwort liegt nicht darin, sich weniger zu kümmern. Sondern viel mehr darin, sich anders zu kümmern. Kinder brauchen Orientierung statt Dauerabsicherung. Grenzen statt Beliebigkeit und echte Erfahrungen statt gefilterter Wirklichkeit. Und vor allem: Sie müssen Fehler machen dürfen, die Konsequenzen erleben. Das ist unbequem. Für Kinder - und für Eltern. Aber genau dort entsteht Entwicklung.
Vielleicht geht es also gar nicht darum, ob wir Helikopter-, Curling- oder Filter-Eltern sind. Ob wir eine "Rabenmutter" waren (Anm. d. Red.: Raben sind ausgesprochen gute Eltern) oder ob der Kindsvater fast immer abwesend war. Es geht darum, ob wir bereit sind, etwas auszuhalten: aushalten, dass unsere Kinder scheitern. Dass sie Fehler machen. Dass sie ihre eigenen Erfahrungen sammeln müssen. Denn nur dann haben sie eine Chance, wirklich stark zu werden.