Panorama

Stauseen mit Vorbildcharakter Wie Kreta den Klimawandel nutzt

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Erst Anfang November wurde Kreta wieder von einem schweren Unwetter mit starken Überschwemmungen heimgesucht.

(Foto: Karl Röske / cretanaenaon.com)

Regen bedeutet auf Kreta meist vor allem eins: massive Überschwemmungen, die jede Menge Zerstörung hinterlassen. Auf der anderen Seite ist es viel zu trocken auf der griechischen Insel. Stausee-Projekte sollen Abhilfe schaffen und können beispielhaft auch für andere Regionen der Welt stehen.

In den 70er-Jahren war der erste Regen nach dem heißen Sommer immer wie ein Geschenk der Götter. "Als ich noch Kind war hier in den Bergen von Kreta, da haben wir vor Freude getanzt, wenn es vom Himmel eine Dusche gab", erinnert sich Agapi Manousoudaki aus einem Dorf bei Rethymno an die Zeit vor dem Klimawandel. Heute denke niemand mehr daran, im Regen zu tanzen. "Regen, das ist heute fast wie Gewitter: Es bedeutet Gefahr! Viel zu viel Wasser, das ist doch nicht normal."

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In Chersonissos richteten die Wassermassen massive Zerstörungen an.

(Foto: Karl Röske / cretanaenaon.com)

Seit einigen Jahren fürchten sich die Bewohner, wenn es November wird und Regenwolken den Himmel verdunkeln. Dann gießt es aus Eimern, oft tagelang. Bäche verwandeln sich rasch in reißende Flüsse, die keine Ufer oder Begrenzungen mehr kennen. Vor allem die von den Bergen herunterströmenden Wassermassen haben extreme Zerstörungskraft: Sie lösen Erdrutsche aus, lassen Straßen absacken, verwüsten Felder und Olivenhaine der Bauern, ertränken auch noch ihre bescheidenen Bestände an Vieh.

"Allein im vergangenen Jahr fiel hier in nur 36 Stunden so viel Regen wie Norwegen in einem Jahr kriegt, die Schäden waren riesig", berichtet Ioannis Malandrakis, Bürgermeister von Vouves. Gleichzeitig aber nimmt die Trockenheit zu. "Es ist wie verhext: Wir versinken im Regen und haben trotzdem eine Dürre."

Dorf für Staudamm umgesiedelt

Agapi Manousoudaki zeigt uns dieses paradoxe Phänomen an einem Stausee, der vor einigen Jahren mit Hilfe der EU unterhalb der berühmten Lassithi-Hochebene angelegt wurde. Das gigantische Bauprojekt war höchst umstritten, es sorgte sogar für einen Aufruhr, weil ein ganzes Dorf geflutet werden sollte. Die Bewohner wurden entschädigt und waren mit der Umsiedelung schließlich einverstanden, "weil man ihnen wie versprochen eine neue Kirche gebaut hat", erzählt Manousoudaki.

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Blick von der fruchtbaren 830 Meter hohen Lassithi-Ebene zum tiefer gelegenen Stausee. Von hier aus schießen durch eine 600 Meter lange Pipeline die Regenmengen in den Stausee.

(Foto: Andreas Langheim)

Als der Staudamm fertig war, stieg das Wasser immer höher, bis nur noch die alte Kirchturmspitze aus dem See ragte. Doch in den letzten Jahren fiel immer weniger Regen, auch im Winter blieben die sonst üblichen Regenfälle aus. Im Laufe der Zeit ist der Wasserspiegel also wieder gesunken und so kam das Dorf allmählich wieder zum Vorschein.

An der Staumauer treffen wir auf Stelios Giparakis, Bauingenieur und Teamleiter am Aposelemi-Damm. Stelios öffnet unscheinbar wirkende Garagentore und wir trauen unseren Augen nicht: Vor uns liegt ein gigantischer Tunnel, darin eine Pipeline mit dem Durchmesser von mindestens einem Meter, parallel dazu eine Eisenbahnstrecke für eine Bergbahn, die an den Bergbau erinnert. "Damit befördern wir Arbeiter", erklärt Giparakis, "falls irgendwo auf der 600 Meter langen Strecke etwas repariert werden muss".

Trinkwasser für 300.000 Menschen

Von hier aus wird praktisch die Hälfte der Insel-Bevölkerung mit Wasser beliefert, darunter auch die Einwohner der Hauptstadt Heraklion, zusammen rund 300.000 Menschen. Natürlich werde das Wasser aus den Bergen gereinigt und aufbereitet, so dass es hervorragendes Trinkwasser sei. "Wir versorgen von hier aus auch die Landwirte das ganze Jahr über, damit sie ihre Plantagen und Felder bewässern können", berichtet Giparakis.

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Die Wasserrutsche am Aposelemi-Stausee.

(Foto: Andreas Langheim)

An einem anderen Staudamm in der Nähe von Rethymno sind wir mit Vangelis Mamagakis verabredet. Er ist einer der Chefentwickler für Infrastruktur-Projekte auf Kreta. Nicht ohne Stolz erzählt uns der freundliche Herr um die 60, dass er praktisch sein ganzes Leben für dieses zukunftsweisende Projekt am Potomon gearbeitet habe.

"Es gibt ja vernünftigerweise nur eine Lösung, wenn Sie Wassermangel und gleichzeitig aufgrund von Starkregen manchmal viel zu viel Wasser haben: Sie müssen das Wasser aufsammeln, speichern und verhindern, dass es sinnlos ins Meer abfließt", sagt Mamagakis. "Das haben wir mit diesem Stausee geschafft, der heute über eine 16 Kilometer lange Pipeline die ganze Region um Rethymno mit Wasser versorgt."

Krokodil weckt Interesse

Eigentlich sollte doch so ein Vorzeigeprojekt, das auch die EU mit Millionen gefördert hat, Thema in der Berichterstattung gewesen sein. Mamagakis lacht und erklärt, wie heute seiner Ansicht nach manche Medien ticken: "Wissen Sie, wir hatten tatsächlich Fernsehteams hier. Die interessierten sich aber weniger für das überlebenswichtige Staudamm-Projekt, die wollten nur über das Krokodil berichten, das man hier eines Tages in dem See gesehen hatte."

Inzwischen seien aber viele Delegationen aus diversen Ländern zu Besuch gekommen, um sich die Projekte auf Kreta anzusehen, die ein Vorbild dafür seien, wie auch anderswo mit intelligenten Techniken und Konzeptionen auf den Klimawandel reagiert werden könne. Dann erzählt Mamagakis, was als Nächstes geplant sei: ein Hybrid-Kraftwerk. Es soll ein Windpark bei Sitia gebaut werden, bestehend aus 27 Windkrafträdern. Die sollen dann den Strom für Pumpen liefern, die Wasser in einen höher gelegenen See pumpen. Aus diesem Speichersee wird dann bei Bedarf Wasser über Turbinen geleitet, die so aus Wasserkraft Strom produzieren. Damit könne das alte Öl-Kraftwerk, das die Insel mit Strom versorgt, endgültig abgeschaltet werden. Kreta wäre damit nach Island eine weitere Insel, die ihren Strom zu 100 Prozent aus regenerativer Energie erzeugt.

Quelle: ntv.de