Klischees und "Cute Autism"Wie die Pop-Kultur den Blick auf Autismus prägt
Von Torsten Landsberg
Autistische Protagonisten in "Rain Man" oder "Big Bang Theory" haben Neurodiversität einem breiten Publikum eröffnet. Der Kunsthistoriker und Autist Ulrich Merkl hat aufgeschrieben, wie solche Darstellungen unser Bild vom Anderssein prägen.
Popkultur kann eine aufklärende Wirkung entfalten. Sie kann sensibilisieren und erzählerisch ein Bewusstsein für Themen schaffen, von denen sonst nur Betroffene und Angehörige Notiz nehmen würden. Tom Hanks' Darstellung eines aidskranken Anwalts in "Philadelphia" brachte HIV und Homophobie in den öffentlichen Diskurs, Stoffe wie "Euphoria" oder "Ted Lasso" haben dazu beigetragen, mentale Probleme von ihrem Stigma zu befreien. Auch Autismus hat seine breite Wahrnehmung vor allem Hollywood zu verdanken. Durch Dustin Hoffmans Oscar-prämierte Darstellung eines Autisten in "Rain Man" haben Ende der 1980er Jahre viele Zuschauerinnen und Zuschauer zum ersten Mal etwas von Autismus gehört.
Der positive Aspekt, den Diskurs zu öffnen, kann getrübt werden, wenn medizinische oder psychologische Merkmale in einem fiktiven Stoff vereinfacht dargestellt werden und sich Klischees festsetzen, die dem realen Bild nicht entsprechen. "Es sind viele Filme im Umlauf, die unterhaltsam, aber in Sachen Autismus oder Zwangsstörung mit äußerster Vorsicht zu genießen sind", sagt der Kunsthistoriker Ulrich Merkl im Gespräch mit ntv.de. Er ist selbst Autist und hat sich in seinem Buch "Total Strangers - Autismus in der Popkultur" mit der Darstellung autistischer Charaktere in Romanen, Serien und Filmen beschäftigt.
"Die Zuschauer neigen dazu, eine Figur oder eine Darstellung als Referenz zu nehmen und zu sagen: 'Aha, ich habe 'Rain Man' gesehen und jetzt weiß ich, wie alle Autisten sind.'" Dabei sei die Figur des Raymond Babbitt geistig beeinträchtigt und lebe in einem Heim. "Das betrifft nur ein Viertel aller Autisten", sagt Ulrich Merkl, "es gibt auch viele Hochintelligente, die berufstätig sind." Trotzdem habe das breite Publikum Autismus durch "Rain Man" lange Zeit für eine geistige Behinderung gehalten. In einer berühmten Szene des Films fällt einer Kellnerin eine Packung Zahnstocher auf den Boden. Dustin Hoffmans Figur nennt sofort die korrekte Zahl der kreuz und quer verstreuten Zahnstocher. Eine seltene Inselbegabung, die nicht repräsentativ für das Autismus-Spektrum ist. "Viele Autisten haben selbst erlebt, dass ihnen Leute eine Packung Zahnstocher auf den Tisch geschüttet und gefragt haben, wie viele das jetzt sind", sagt Ulrich Merkl. Die Szene sei als inoffizieller Autismus-Schnelltest verstanden worden.
Autismus wird erst in 1980er Jahren zentrales Thema
Begünstigt wurden solche Klischees durch die lange nur schleppend fortschreitende Autismus-Forschung. Die ersten Beschreibungen stammen aus den 1940er Jahren, unter anderem von Hans Asperger, nach dem das Asperger-Syndrom benannt ist. Über Jahrzehnte hinweg blieb die Forschung von falschen Annahmen geprägt, erst in den 1980er Jahren folgten klare Diagnosekriterien, um die Jahrtausendwende wurde Autismus dann zu einem zentralen Thema in Psychologie und Medizin. Erst ab 2010 wurden die individuellen Besonderheiten ausdifferenziert und der Begriff Neurodiversität geprägt.
Inzwischen ist gesellschaftlich weit verbreitet, dass Autismus der Oberbegriff für eine Gruppe von neurologischen Entwicklungsbesonderheiten ist, die sich etwa im Erscheinungsbild oder Unterstützungsbedarf der Betroffenen unterscheiden. Zwischen einem und zwei Prozent der Menschen werden dem Autismus-Spektrum zugeordnet, genaue Zahlen gibt es nicht, weil viele Betroffene nie diagnostiziert werden.
Ulrich Merkl ist Asperger-Autist. Er habe soziale und kommunikative Probleme, sagt er, das Haus verlasse er eher selten. Einen Tag vor dem Gespräch hat er sein Buch auf der Leipziger Buchmesse präsentiert. "Mich führt das absolut ans Limit, es kostet mich unendliche Überwindung: die vielen Menschen, der Lärm, das Durcheinander", sagt er. Er nehme das für einige Stunden in Kauf, weil er aufklären wolle. Vielen Menschen im Autismus-Spektrum gelinge genau das aber nicht. "Autisten treten dadurch kaum in der Öffentlichkeit auf, nicht auf Buchmessen, nicht in Talkshows, sie sind in den Medien kaum präsent." Weil sie sich zurückziehen, würden Autisten in ihrer intellektuellen Leistungsfähigkeit unterschätzt.
Dass popkulturelle Stoffe zur Aufklärung durchaus beitragen können, hat Ulrich Merkl selbst erlebt. Vor einigen Jahren habe seine Frau ihn auf Wesenszüge der neurotischen und von Zwangsstörungen geplagten Serienfigur Monk aus der gleichnamigen US-Serie angesprochen. Sie habe Ähnlichkeiten zu ihrem Mann erkannt. "Eine meiner autistischen 'Superkräfte' ist, dass ich sehr schnell lesen und Informationen aufsaugen kann", sagt Ulrich Merkl. Er habe nach dem Hinweis seiner Frau hunderte Bücher über Autismus gelesen und gedacht: "Also, wenn ich kein Autist bin, wer ist es denn dann?" Als Jahrgang 1965 sei er früh durchs Raster gefallen, wie weltweit so viele aus seiner Generation. "Viele in meinem Alter bekommen ihre Diagnose erst sehr, sehr spät." Bei ihm war es vor drei Jahren so weit. Er habe es wissen, damit ursprünglich aber nicht nach außen gehen wollen.
Das änderte sich mit seinem 2024 veröffentlichten Buch "Die unglaubliche Welt genialer Menschen mit Autismus". "Wenn ich über Autismus schreibe, ist es hilfreich, dass ich auf meine Expertise verweisen kann, weil ich selbst betroffen bin", sagt Ulrich Merkl. Bald darauf habe er festgestellt, dass er sich sein ganzes Leben lang fast ausschließlich für Fernsehserien mit autistischen Hauptfiguren interessiert hatte: "Star Trek" mit Mr. Spock, "Monk", "Bones - Die Knochenjägerin". Es sei unter Autisten weit verbreitet, sich instinktiv Formate mit autistisch gelesenen Hauptfiguren auszusuchen.
Sherlock Holmes als bekanntester Autist
Solche gibt es auch in der Literaturgeschichte, aus Zeiten, in denen Autismus noch gar nicht bekannt war. Der 1887 von Arthur Conan Doyle erschaffene Meisterdetektiv Sherlock Holmes zählt zu den bekanntesten dieser Protagonisten. "Wie bei den meisten fiktiven Autisten im Fernsehen, steckt auch bei Holmes eine echte Vorlage dahinter", sagt Ulrich Merkl. Der Schriftsteller Doyle hatte Medizin in Edinburgh studiert, sein Professor Joseph Bell habe die Vorlage für Sherlock Holmes geliefert. "Doyle hat alles übernommen, auch wörtliche Formulierungen", sagt Ulrich Merkl. Holmes als hochfunktionaler Workaholic, der Müßiggang hasse und nicht abschalten könne, als Nonkonformist, der grob und rücksichtslos sei und nur zwei enge Bezugspersonen habe, werde von vielen Autistinnen und Autisten als Identifikationsfigur und Seelenverwandter gepriesen.
Trotz der fortgeschrittenen Forschung gibt es noch immer Stoffe mit Charakteren, die autistische Muster aufweisen, ohne als Autisten beschrieben zu werden. "Viele Drehbuchautoren haben das Wort Autismus gemieden, weil sie Angst hatten, Ärger oder einen Shitstorm zu bekommen", sagt Ulrich Merkl. Ein berühmtes Beispiel sei die Figur des Sheldon Cooper in der US-Sitcom "The Big Bang Theory": ein IT-Nerd, der ironische Andeutungen nicht versteht und panisch reagiert, sobald etwas nicht nach seinem Wunsch läuft. Jahrelang rätselte das Publikum und tauschte sich in Foren darüber aus, ob die Figur nun Autist sei oder nicht. Der Serienschöpfer Bill Prady erklärte unermüdlich, die Figur sei nicht bewusst als autistischer Charakter angelegt worden. Jim Parsons, der Sheldon Cooper spielte, war dagegen der Ansicht, dass die Figur "keine deutlicheren Anzeichen" des Asperger-Syndroms hätte zeigen können.
"Man hätte ein Millionenpublikum über eine wenig bekannte psychische Abweichung aufklären können - das wurde leider komplett verpasst", sagt Ulrich Merkl. Er weist auf eine weitere Vereinfachung hin: die Reduzierung einer Figur auf positive und unterhaltsame Merkmale. Die Mutter eines Autisten habe dafür einmal den Begriff "Cute Autism" geprägt: niedlicher Autismus. Sie habe sich "The Big Bang Theory" mit ihrem Sohn angesehen und beiden habe die Serie gefallen. "Trotzdem sagte sie: 'Das ist nur die lustige Hälfte.'" So wie Sheldon Cooper habe auch ihr Sohn Konservendosen alphabetisch sortiert und immer am selben Platz sitzen müssen. "Aber ihr Sohn wurde auch in der Schule geschlagen und verlor seine Freunde, weil er ihnen ungewollt Beleidigungen an den Kopf warf. Es gab viele Tränen und Geschrei", sagt Ulrich Merkl. Würden solche Aspekte in der Darstellung eines Autisten ausgeblendet, verkomme die Figur zu einer Karikatur.
Eine Qualitätswende erkennt Ulrich Merkl um 2015 herum. "Alle guten Filme mit autistischen Hauptfiguren haben einen Bezug in die Realität, eine Person, die eigene Erfahrungen gemacht hat." Positive Beispiele listet er in seinem Buch auf, zu ihnen zählen die ZDF-Serie "Ella Schön" mit Annette Frier, die neuseeländische Krankenhausserie "Shortland Street" oder die US-Serie "The Good Doctor". "Eine Filmfigur muss sich irgendwie absetzen, sonst hat sie ja keine dramaturgische Berechtigung", sagt Ulrich Merkl. Trotzdem dürfe Genauigkeit nicht als Luxusproblem gesehen werden, gerade bei psychischen Abweichungen. "Wir brauchen Filmschaffende, die Autismus auf Basis der ungeschönten Realität zeigen."
