Memoir einer SelbsterkenntnisMit Katherine May auf wilden Pfaden
Von Solveig Bach
Dass sie "speziell" ist, hört Katherine May, seit sie ein Kind ist. Aber wie speziell? Möchte nicht jeder manchmal gern allein sein? Oder wird krank, wenn alles zu viel ist? Ein Radiointerview öffnet der Autorin plötzlich die Augen, auf langen Wanderungen freundet sie sich damit an, autistisch zu sein.
An einem Tag im Winter 2019 ist Katherine May unterwegs zum Augenoptiker, sie braucht neue Kontaktlinsen. Sie hasst diese Termine, die "qualvollen Berührungen", das "ewige Neu-Einstellen von Apparaten" mitten in ihrem Gesicht, den Atem des fremden Menschen auf ihrer Haut. Der letzte Besuch bei einem Berufskollegen war eine Katastrophe und endete mit einem "mir bis heute unerklärlichen, lautstarken Streit zwischen dem Optiker und mir". Deshalb ist May im Auto unterwegs zu einem anderen Optiker in einer anderen Stadt.
Auf dem Weg hört sie im Radio ein Interview. Eine Frau spricht davon, wie überempfindlich "alle ihre Sinne für Licht und Geräusche, Berührungen und Gerüche sind". Darauf sagt der Interviewer, auch sein Sohn befände sich auf dem autistischen Spektrum, und für May öffnet sich die Tür in ein Selbstverstehen, wie sie es in den zu diesem Zeitpunkt 38 Lebensjahren nicht hatte. Plötzlich macht so vieles Sinn.
Ihr Bestseller "Überwintern" machte May auch in Deutschland einem großen Lesepublikum bekannt. "Auf wilden Pfaden - Wie ich aufbrach und endlich zu mir selbst fand" liegt zeitlich davor und ist jetzt in deutscher Übersetzung von Marieke Heimburger als Buch bei Insel und als Hörbuch beim Audio Verlag erschienen. In einem Vorwort sorgt sich May, ihr Buch könnte schon wieder inaktuell geworden sein. Doch vermutlich ist das Gegenteil der Fall.
Eine Wanderung zu sich selbst
Bei Frauen dauert es oft Jahre oder sogar Jahrzehnte bis zu einer Autismus-Diagnose. Nur ein Drittel aller Diagnostizierten ist weiblich, und während Männer tendenziell schon in der Kindheit als Menschen mit "Autismus-Spektrum-Störung" (ASS beziehungsweise ASD für Autism Spectrum Disorder) eingestuft werden, werden die Symptome bei Frauen oft erst im Erwachsenenalter erkannt. Wenn überhaupt.
Doch Mays Buch ist kein Sachbuch über weiblichen Autismus, es ist vielmehr ein Memoir über eine Selbsterkenntnis, die sie lange gesucht hat und die nun langsam in ihr immer weiter Raum gewinnt. Um dafür Zeit zu haben, entschließt sie sich, den South West Coast Path im Südwesten Englands zu wandern. Es ist ihr Weg, die eigenen Transformationsschritte zu übersetzen. Schmerzhaft authentisch beschreibt sie ihre Fremdheitsgefühle in der Welt. Während sie allein oder manchmal auch mit Freundinnen oder ihrem Mann durch einen erstaunlich regnerischen Herbst und Winter marschiert, durchquert sie auch ihr eigenes Leben.
Als Kind lebt May mit ihrer alleinerziehenden Mutter, die ihr immer wieder klarmacht, dass sie "speziell" ist, was für sie nach einer Charakterschwäche klingt. Sie passt nicht zu den anderen Mädchen, die zierlich sind, mit Pferdeschwänzen und einem ausgeprägten Interesse für Körperpflege. Egal, was Katherine in ihrem Bemühen, dazuzugehören, tut, es scheint die anderen Kinder zu brüskieren. Sie fühlt sich wie ein "feuerzähniges Ungeheuer". "Ich tat, was ich konnte, um dieselbe Sprache zu sprechen wie sie, aber ich konnte sehen, dass alles, was ich sagte, anders verstanden wurde, als ich es meinte."
So richtig ins Schleudern bringt sie aber erst die Mutterschaft. Denn obwohl May eine tiefe Liebe zu ihrem Baby empfindet, sind die Gefühle und Empfindungen, die mit dem Muttersein einhergehen, einfach zu viel für sie. Sie kann mit dieser Intensität einfach nicht umgehen und fühlt sich schlecht dafür, weil es den anderen Müttern so leicht zu fallen scheint. Wenn jemand sie berührt, bekommt sie "eine Art elektrischen Schlag". Und Albert, Bert, ihr Baby Bertie ist ohne ihre Berührungen verloren, während sie völlig erschlagen davon ist, "wie lange ich ihn halten musste".
Wer bin ich? Was bin ich?
Die Fragen sind bohrend: Warum hat sie immer wieder das Gefühl, andere nicht zu verstehen? Warum verspürt sie so oft den Impuls, aus einer Gruppe Menschen in die Einsamkeit zu flüchten? Und warum empfindet sie es als besonders herausfordernd, Mutter zu sein? Sie entschließt sich, diese Fragen auf ihren Wanderungen zu durchdenken, während sie einen Fuß vor den anderen setzt, bei Wind und Wetter an der Küste entlang.
Vor der Geburt des Kindes ist sie mit ihrem Mann viel gewandert, ihr fehlt diese Zeit in der Natur, das Alleinsein. Mühsam macht sie sich nun auf den Weg, in Kälte und Regen kommt sie an den steilen Ufern an ihre Grenzen, doch je häufiger sie losgeht, desto klarer wird ihr, woher ihr "Anderssein" rührt und wie sie es leben kann.
Trotzdem findet sich May nicht in den klassischen Autismus-Beschreibungen wieder. Sie hat Freunde, ist verheiratet, hat einen kleinen Sohn. Sie mag Museen, wenn sie nicht zu voll sind, und Theatervorstellungen, wenn die Sitznachbarin nicht zu viel Parfüm aufgetragen hat. Dass sie immer wieder Phasen völliger Überforderung erlebt, schreibt sie eher eigenem Versagen zu. Sie fühlt sich körperlich krank, depressiv, aber nicht autistisch. Selbst der Arzt, der sie seit Jahren behandelt, ist überrascht. Die Anpassungsmechanismen, die sie im Laufe der Jahre entwickelt hat, haben sie selbst einen hohen Preis gekostet, ihre Probleme aber auch unsichtbar gemacht.
Nach einem Jahr, in dem sie betörend wilde Küstenlandschaften durchschritten hat, ist sie mit der Diagnose, die ihre Welt auf den Kopf gestellt hat, versöhnt. Sie ist erleichtert, sich selbst zu verstehen. "Ich habe also eine Geschichte. Endlich. Ich habe eine Lebensgeschichte, die Sinn ergibt, wenn man alle Teile zusammenfügt."
Meike Rötzer gibt May eine nachdenkliche, etwas spröde Erzählerinnenstimme. Die Schauspielerin, Lektorin und Verlegerin, die sich als Erzählperformerin einen Namen gemacht hat, lässt Mays mäandernden Gedanken und Wegen Raum. Während sich die Landschaften von Devon und Cornwall vor dem inneren Auge der Zuhörenden entfalten, folgt man May durch diesen Prozess der Selbsterkenntnis und bekommt eine Ahnung, wie sehr Menschen mit "Autismus-Spektrum-Störung" herausgefordert sind.
