Panorama

Auftakt zur Walzer-Saison Wien dreht wieder durch

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(Foto: imago/SKATA)

Alles Walzer, heißt es wieder in Österreichs Hauptstadt. Wer was auf sich hält, hat seinen Ball. Und weil ziemlich viele etwas auf sich halten, sind es Hunderte Veranstaltungen. Für die Metropole ist es ein Millionen-Geschäft. Und in den Tanzschulen geht es längst um mehr als die richtige Linksdrehung.

Die Dame reicht die Hand und hebt sie leicht an, damit sich der Herr nicht zu tief bücken muss. Der Kuss wird nur angedeutet. Der Herr solle der Dame zu Beginn und am Ende in die Augen blicken, schärft der Tanzlehrer seinen Schülern die Grundhaltung beim Handkuss ein. "Wenn Sie die Dame am Ende anstrahlt, dann haben sie es richtig gemacht." Solche Benimm-Lektionen stehen heute noch auf dem Lehrplan der 100 Jahre alten Tanzschule Elmayer in Wien.

Zur Ballsaison, die auch in Österreich ab 11. November beginnt und mit dem glanzvollen Opernball am 20. Februar 2020 ihren Höhepunkt erreicht, ist die Nachfrage nach Unterrichtsstunden hoch. Die 16-jährige Isabel Sereny und ihr 17 Jahre alter Tanzpartner Santiago Posada aus dem Anfängerkurs sind voller Vorfreude. "Ich hoffe, meine Fähigkeiten reichen bis dahin aus", sagt der 17-jährige Schüler.

Social Media aber sozial inkompetent

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Isabel und Santiago erlernen das Tanzen - und so viel mehr.

(Foto: picture alliance/dpa)

Zum Höhepunkt der Ballsaison gäben sich die Teilnehmer an Privat- und Gruppenstunden die Klinke in die Hand, auch um den obligatorischen Linkswalzer zu üben, sagt Thomas Schäfer-Elmayer. Sehr viele seien aus Deutschland. Der 73-Jährige ist in Österreich auch als jahrelanger Juror beim TV-Format "Dancing Stars" allseits bekannt für Tanz- und Stilfragen - und sieht seine Kurse als umfassende Schule. "Die Menschen lernen soziale Kompetenz. Sie wissen nicht mehr, wie sie mit anderen Menschen umgehen sollen", weist Schäfer-Elmayer auf eine Inkompetenz der eher mit sozialen Medien vertrauten Jugend hin. 

Das beginne bei der Unsicherheit, wer wann zu grüßen sei und ende bei der Debatte, ob das Türaufhalten für eine Dame eine inzwischen weiblicherseits unerwünschte Form der männlichen Bevormundung sei. Dabei gehörten höfliches Benehmen und eine gewisse Galanterie dazu - und hätten nichts mit männlichem Auftrumpfen zu tun, kritisiert Schäfer-Elmayer. "Da werde ich echt sauer. Das ist doch Ausdruck der Wertschätzung und des Respekts. Da machen die Frauen einen Riesenfehler", meint der Benimm-Papst.

Die junge Isabel pflichtet ihm bei. "Ich persönlich finde das immer schön, wenn ein Junge oder Mann vor mir die Tür aufmacht", sagt sie. Santiago fiel auf, dass die Nähe zur Partnerin ein heikles Thema ist. "Mit dem Körperkontakt hatten die Jungs teilweise Probleme", hat der 17-Jährige festgestellt. Manche machten sich Sorgen, dass es respektlos sein könnte, jemandem ein bisschen näher zu kommen. Die #Metoo-Debatte scheint auch in der Tanzschule angekommen zu sein.

Der Ball als Millionengeschäft

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Johann Strauss Sohn komponierte den Donauwalzer, der als heimliche Hymne Wiens gilt. In Gold sind die Takte für die Stadt wahrscheinlich gar nicht aufzuwiegen.

(Foto: imago/Peter Widmann)

Philharmonikerball, Kaffeesiederball, Zuckerbäckerball, der Ball der Atomenergiebehörde IAEA, Piaristenball, Jägerball - wer in Wien übers Parkett schweben will, hat reichlich Gelegenheit dazu. Laut Wien Tourismus laden 450 Bälle pro Jahr zum Tanzen ein - vom eleganten Traditionsball in der Hofburg bis zum eher launigen Faschingsfest. Dabei ist der Dresscode speziell beim Opernball strikt. Männer müssen Frack tragen. Eine Armbanduhr gilt als Fauxpas. "Korrekt ist eine goldene Taschenuhr mit Kette", klären die Touristiker vorsorglich auf.

Der Reiz, in diese fast an Kaisers Zeiten erinnernde Tanzkultur einzutauchen, ist immens. Die Wirtschaftskammer Wien schätzt die Zahl der Ballbesucher in der vergangenen Saison auf 515.000. Etwa 140 Millionen Euro landeten in den Kassen von Veranstaltern, Bekleidungsgeschäften, Friseuren, Restaurants und auch Tanzschulen.

Die Liebe des Wieners zum Ball ist mindestens 250 Jahre alt. Damals wurden unter dem Reformer Joseph II. (1741-1790) Tanzfeste in der kaiserlichen Hofburg auch für die Bürger geöffnet. Dabei schlich sich der wegen seiner bäuerlichen Wurzeln eigentlich als zu keck empfundene Walzer auch in die Adelskreise ein. Dank der Kompositionen der Walzer-Familie Strauss erlebte der Tanz im 19. Jahrhundert einen Boom. Im 20. Jahrhundert überlebte der Walzer in Wien den Kampf gegen den Kontrahenten Tango. "Hier wurden die Orchester ausgebuht, wenn sie Tango statt Walzer spielten", sagt Elmayer. "Die Wiener sind unglaublich verwöhnt, was Bälle betrifft."

Der Einfluss der Eltern

Zur Freude am Tanz maßgeblich beigetragen hat dessen Standardisierung. Anfang der 1960er Jahre wurde das Welttanzprogramm (WTP) ins Leben gerufen. Die Grundschritte wurden nun global gleich unterrichtet, so dass es kein so großes Problem mehr machte, ob jemand in Tokio, Paris oder Berlin in die Tanzschule ging. 

Die Tanzschule von Schäfer-Elmayer ist auch eine Art Castingshow. Für rund 50 Bälle stellen Elmayer und sein Team nach eigenen Worten die feierliche Eröffnungseinlage zusammen, bei der Dutzende Paare möglichst harmonisch die ersten tänzerischen Akzente des Abends setzen. "Ohne das ist ein Wiener Ball undenkbar", so Schäfer-Elmayer. Die Paare sind zwischen 16 und 28 Jahre alt.

Eröffnet wird in Wien immer mit einem Linkswalzer. Elmayer sortiert die Paare gern nach Körpergröße. Manchmal, räumt er ein, ist der Einfluss der Eltern aber so groß, dass andere Kriterien zählten. Da herrsche das Prinzip, dass der Nachwuchs der prominentesten Gäste in der ersten Reihe stehe.

Quelle: n-tv.de, Albert Otti und Matthias Röder, dpa

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