Panorama

Keine Atempause für Norditalien "Wir gelangen langsam ans Limit"

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Kein Aufatmen: Norditalien meldet wieder stärkeren Zuwachs an Infektionen und Sterbefällen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Zwei Tage lang schien die Kurve der Infizierten und Sterbefälle in der Lombardei leicht abzuflachen. Am Donnerstag schnellte sie wieder hinauf, machte Hoffnungen auf Linderung zunichte. Carlo Signorelli, Professor für Gesundheitswesen an der Mailänder Universitätsklinik, erklärt ntv.de, warum der Norden so schwer mit dem Virus kämpft.

n-tv.de: Warum steigen die Zahlen der Infizierten und der Toten in der Lombardei weiter, obwohl zum Teil schon seit einem Monat so strikte Regeln gelten, das öffentliche Leben quasi stillsteht?

Carlo Signorelli: Dazu gibt es viele Vermutungen aber noch keine wissenschaftlich fundierten Beweise. Sicher hat es damit zu tun, dass die Lombardei die erste vom Virus betroffene Region war. Hier, 60 Kilometer südöstlich von Mailand, entstand der erste große Brandherd, weswegen am 21. Februar zehn Gemeinden unter Quarantäne gestellt wurden. Doch trotz dieser Sperre hat sich das Virus in den angrenzenden Ortschaften und Provinzen verbreitet und so das Gesundheitssystem der ganzen Region immer stärker unter Druck gesetzt.

Am 21. Februar wurde der sogenannte Patient Nummer 1 positiv auf das Virus getestet. Eine Studie Mailänder Wissenschaftler spricht aber dafür, dass sich das Virus schon im Oktober in Italien verbreitet hat.

Es ist sehr schwierig, solche Verläufe zurückzuverfolgen, das einmal vorweg gesagt. Meines Wissens bezieht sich die Studie, was den Monat Oktober betrifft, auf China und nicht auf Italien. Hier bei uns hat sich das Virus höchstwahrscheinlich seit Januar verbreitet. Jeden Tag gibt es zu diesem Thema neue Studien, die meisten basieren nur auf Vermutungen.

Das lombardische Gesundheitssystem hatte offenbar bislang einen sehr guten Ruf. Die Zahlen der Todesfälle scheinen dem aber zu widersprechen.

Das stimmt nicht. Wir haben ein exzellentes System, beste Versorgungskapazitäten auch bei Notfällen und Schwerkranken in den Intensivstationen. Nur, das System steht seit Wochen unter einem unermesslichen Druck. Denn es macht einen großen Unterschied zehn Patienten in Intensivstationen zu haben oder hundert.

Aus den Provinzen Bergamo und Brescia kommen immer wieder Berichte, dass Menschen zu Hause sterben, weil die Rettungswagen nicht schnell genug kommen.

Wir geben unser Bestes, versuchen mit logistischen Umstellungen für alle und jeden einen Platz zu finden. Wir gelangen aber langsam ans Limit.

Staatsoberhaupt Sergio Mattarella schrieb an Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier: „Eine ganze Generation stirbt uns weg.“

Dass die Älteren weitaus schwerer von dieser Krankheit heimgesucht werden hat auch damit zu tun, dass die meisten schon an Vorerkrankungen leiden. Man darf aber auch nicht vergessen, dass Italiens Bevölkerung zu den ältesten weltweit zählt. Und drittens: Die hohe Zahl an Todesfällen wird von der Lombardei, dem Veneto und der Emilia Romagna bestimmt, also von den drei Regionen die als erste vom Virus befallen wurden. Anders gesagt, diese Regionen mussten von einem Tag auf den anderen reagieren, sie hatten keine Zeit sich darauf vorzubereiten. Es mussten in Windeseile neue Intensivstationen ausgerichtet, Beatmungsgeräte beschafft werden.

Die Gesellschaft in Deutschland ist ja nicht sehr viel jünger als die italienische. Trotzdem gibt es hier weniger Todesfälle unter den Älteren.

Gerade gestern habe ich mit einem Kollegen aus Hamburg gesprochen. Er wies auf zwei Fakten hin, die uns von Deutschland unterscheiden: Zum einen habe sich das Virus in Deutschland um 10 bis 14 Tage später verbreitet als in Italien. Man müsse also den weiteren Verlauf genau im Augenschein behalten. Zweitens habe es sich viel mehr unter der jungen Bevölkerung verbreitet. Und wie wir mittlerweile wissen, ist es für diese weitaus weniger gefährlich.

Der Kontakt zwischen Jung und Alt – Kindern, Eltern und Großeltern ist in Italien traditionell enger als in Deutschland. Könnte das alten Menschen in Zeiten von Corona zum Verhängnis werden?

Ja auch das könnte natürlich eine Rolle spielen. Und zwar nicht nur hier sondern auch in Spanien, wo man ja einen ähnlichen Verlauf der Mortalität und der davon betroffenen Bevölkerungsschicht beobachten kann.

Mit Carlo Signorelli sprach Andrea Affaticati

Quelle: ntv.de