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"Ihre Kindheit ist zerstört" Zeugen sagen zu Missbrauch in Lügde aus

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Der angeklagte Heiko V., der im Saal sein Gesicht versteckt, wird einen gesonderten Prozess bekommen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Jungen und Mädchen, die auf einem Campingplatz in Lügde missbraucht worden sind, sagen im Prozess gegen die Tatverdächtigen aus. Und noch etwas geschieht: Eine Entscheidung über den dritten Angeklagten Heiko V. wird gefällt.

Im Prozess um den hundertfachen sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen in Lügde bei Detmold sind die ersten vier Zeugen angehört worden. Dafür wurde die Öffentlichkeit vorübergehend ausgeschlossen.

Unter den Zeugen waren zwei der mutmaßlich insgesamt 34 minderjährigen Opfer. Auch ein zehnjähriges Mädchen war dabei, es trat unter Ausschluss der Öffentlichkeit in den Gerichtssaal. Ein Opferanwalt sagte am Rande der Verhandlung über die misshandelten Jungen und Mädchen: "Ihre Kindheit ist zerstört."

Zuerst sagte eine heute 19-jährige Betroffene aus. Offenbar wollte sie ihrem mutmaßlichen Peiniger Andreas V. ins Gesicht sehen - sie möchte ausdrücklich, dass die Angeklagten den Saal nicht verlassen, wie ihre Anwältin betonte. Der Verteidiger des Hauptangeklagten Andreas V. beantragte, sein Mandant wolle während der Aussagen nicht im Raum sein. "Das soll er sich ruhig anhören", sagte die Vorsitzende Richterin Anke Grudda. Dann werde er sein Gesicht mit einer Akte verdecken, erwidert der Verteidiger. "Ja, soll er sich dahinter verstecken", konterte die Richterin.

Dann betrat ein zehnjähriges Mädchen mit ihrer Mutter den Saal. Beide sind in therapeutischer Behandlung, schilderte Roman von Alvensleben, der das Mädchen vertrat. Was im Saal gesagt wurde, drang nicht nach draußen. Aber Richterin Grudda stellte zuvor klar: "Ich werde meine Robe ausziehen und mich nach unten setzen." Sensibler Umgang war gefordert. Alle Nebenkläger verließen vorher den Raum. Zur Unterstützung des Kindes war auch eine psychosozialen Prozessbegleiterin dabei.

Von Alvensleben sagte vor der Saaltür: Im Sommer 2018 sei die damals Neunjährige von Andreas V. missbraucht worden. Der Kontakt sei über ihre Freundin gelaufen, die als Pflegekind bei Andreas V. auf dem Campingplatz lebte und ebenfalls sexuell misshandelt wurde. "Hätten die Behörden halbwegs optimal gearbeitet, wäre meiner Mandantin das Leid erspart geblieben. Denn es gab viele Hinweise auf Andreas V. Wie kann ein Jugendamt so einem Mann eine Pflegetochter anvertrauen?" Im Fall Lügde wird wegen zahlreicher Pannen auch gegen Mitarbeiter von Polizei und Jugendämtern ermittelt.

Vier Jahre Qual für zehnjährigen Jungen

Auf keinen Fall sollten die jungen Zeugen noch mal mit den erlittenen Taten konfrontiert werden, mahnte Opferanwalt Thorsten Fust. Er vertrat einen Jugendlichen, der zehn Jahre alt war, als die Übergriffe begannen. Vier Jahre habe der Angeklagte Mario S. den Jungen gequält. "Vergewaltigung, weiterer schwerer sexueller Missbrauch, jegliche Abartigkeit", sagte Fust.

Sein Mandant sei in psychologischer Behandlung, beginne nun eine Therapie. Das Gericht hatte klargestellt, dass man sich vor allem ein Bild machen möchte, wie es den Opfern heute geht. Der unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, unterstrich: "Die Kinder und ihre Familien haben Schreckliches durchgemacht. Sie brauchen unser Mitgefühl und unseren Schutz."

Er fügte hinzu: "Ich hoffe sehr, dass es für die vielen betroffenen Familien vor Ort genug Unterstützungsangebote durch Fachberatungsstellen und spezialisierte Therapeuten gibt." Alle Bundesländer müssten Defizite im Kinderschutz analysieren, um eine bessere Zusammenarbeit aller Akteure zu schaffen. "Damit allen Kindern und Jugendlichen wenigstens künftig überall bester Schutz und beste Hilfe geboten werden", sagte Rörig.

Grundsätzlich sollen die Betroffenen dem Gericht zufolge möglichst nicht mehr mit den Taten konfrontiert werden. Es gehe vor allem darum, sich ein Bild zu verschaffen, wie es ihnen heute geht.

Heiko V. erhält gesondertes Strafverfahren

Zudem wurde beschlossen, das Verfahren gegen einen der drei Angeklagten abzutrennen. Das entschied die Vorsitzende Richterin Anke Grudda am zweiten Tag der Verhandlung vor dem Landgericht Detmold.

Das Strafverfahren gegen den 49-jährigen Heiko V. aus Stade in Niedersachsen soll separat verhandelt werden. Er soll sich in Webcam-Übertragungen angesehen haben, wie Minderjährigen schwere Gewalt angetan wurde, teilweise soll er dazu angestiftet haben. Sein Einzelverfahren geht am 17. Juli weiter. Der Prozess wird damit gegen den 56-jährigen Andreas V. und den 34-jährigen Mario S. fortgesetzt, denen hundertfacher Kindesmissbrauch vorgeworfen wird.

Quelle: n-tv.de, joh/dpa

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