Tausende Verschüttete befürchtetAnzahl der Toten nach Erdbeben in Venezuela steigt weiter

Zwei heftige Erdbeben erschüttern am Mittwoch den Norden und das Zentrum Venezuelas. Noch immer werden zahlreiche Menschen unter den Trümmern vermisst. Auch Rettungskräfte aus Deutschland reisen an, um nach Überlebenden zu suchen - denn die "entscheidenden Stunden" sind noch nicht vorbei.
Die Zahl der Todesopfer nach den schweren Erdbeben in Venezuela ist auf 235 gestiegen. Mehr als 4.300 Verletzte seien bisher in öffentlichen Krankenhäusern behandelt worden, sagte der venezolanische Gesundheitsminister Carlos Alvarado im Fernsehsender VTV. Die meisten von ihnen hätten leichte Verletzungen gehabt. Es gebe aber auch mittelschwere und schwere Fälle.
Zwei heftige Beben der Stärke 7,2 und 7,5 hatten am Mittwoch den Norden und das Zentrum Venezuelas erschüttert - im Abstand von nur 39 Sekunden. Rund 200 weitere Menschen sollen noch verschüttet sein, hatte der Präsident der Nationalversammlung, Jorge Rodríguez, zuvor gesagt. Dabei dürfte es aber nur um diejenigen gehen, die bereits unter den Trümmern verortet wurden. Es gibt Hinweise darauf, dass die Gesamtzahl der Verschütteten in die Tausende gehen könnte.
Unterdessen bereiten sich internationale Hilfsteams mit Spürhunden auf den Einsatz in Venezuela vor. Aus Ländern wie Deutschland und Mexiko reisen Rettungskräfte an, um nach Überlebenden zu suchen. Knapp 50 Einsatzkräfte des Technischen Hilfswerks (THW) fliegen an diesem Freitag in das Katastrophengebiet. "In der Regel sagt man, 72 Stunden nach einem Erdbeben, das sind ganz entscheidende Stunden. Da können wir auch noch sehr viele Menschen lebend retten", sagte THW-Präsidentin Sabine Lackner in Köln kurz vor der Abreise des Teams aus Deutschland. Es gebe aber auch danach immer wieder "Wunder".
Mexiko, das selbst schwere Erdbebenkatastrophen erlebt hat, schickt ein 250-köpfiges Team aus Rettungskräften und Medizinern mit vier Flugzeugen nach Venezuela, wie Präsidentin Claudia Sheinbaum mitteilte. Fünf Spürhunde und eine Drohne seien ebenfalls Teil des Einsatzes. "Sobald sie dort angekommen sind und gemeinsam mit den venezolanischen Behörden eine Lagebeurteilung vorgenommen haben, werden wir sehen, welche zusätzliche Hilfe sie benötigen", sagte Sheinbaum. Auch weitere Länder haben Hilfe zugesagt.
Schwerste Naturkatastrophe seit Jahrzehnten
Zudem stellt der Satelliten-Internetdienst Starlink von Elon Musks Raumfahrtunternehmen SpaceX seinen Nutzern in Venezuela für einen Monat kostenlosen Zugang zur Verfügung. Das Unternehmen arbeite auch daran, rasch Starlink-Terminals aufzubauen und die Internetverbindung in den am schwersten getroffenen Gebieten wiederherzustellen, teilte Starlink auf der Plattform X mit.
Nach Angaben von Rodríguez ist es die schwerste Naturkatastrophe, die Venezuela in den vergangenen 30 Jahren erlebt hat. 250 Gebäude seien komplett zerstört oder beschädigt, darunter 8 Krankenhäuser, 20 Einkaufszentren und 68 öffentliche Infrastruktureinrichtungen. Allein im Bundesstaat La Guaira sind mehr als 70.000 Familien von den Folgen der Katastrophe betroffen, wie Innenminister Diosdado Cabello bei einem Besuch in dem besonders schwer getroffenen Bundesstaat mitteilte. "Wir lassen euch nicht allein", sagte er und kündigte umfassende Rettungs- und Bergungsarbeiten sowie die Unterstützung der Bevölkerung mit Lebensmitteln und Wasser an.
Die Katastrophe trifft Venezuela auch deshalb so schwer, weil das Land ohnehin schon seit Jahren unter wirtschaftlichen Problemen und politischen Verwerfungen leidet. Mehrere Millionen Menschen haben wegen der andauernden Krise bereits ihre Heimat verlassen.