Politik

Geschichte der Konzentrationslager 1000 Seiten starker Blick in die Hölle

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In Viehwaggons wurden die Menschen in das Konzentrationslager Auschwitz gebracht.

(Foto: imago stock&people)

"KL – die Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager" heißt das Buch, das der in München geborene Historiker Nikolaus Wachsmann geschrieben hat. Kollegen feiern das Werk schon jetzt als Meilenstein der NS-Forschung. Dabei versucht der Wissenschaftler, ein möglichst breites Publikum anzusprechen. Der Erzählstil des 44-Jährigen ist fesselnd und alles andere als akademisch verstaubt. Immer wieder wechselt Wachsmann, Professor am Birkbeck College der University of London, die Perspektive vom Einzelschicksal hin zum Gesamtapparat der Barbarei. Ein Gespräch über einen 1000 Seiten umfassenden Blick in die Abgründe menschlichen Daseins.

n-tv.de: Professor Wachsmann, Warum haben Sie Ihr Werk "KL" und nicht "KZ" genannt?

Prof. Nikolaus Wachsmann: Das habe ich ganz bewusst so entschieden. In der Öffentlichkeit ist immer wieder der Eindruck entstanden, es gebe zu dem Thema nichts mehr Neues zu entdecken. Das stimmt nicht. Die SS hat die Konzentrationslager "KL" abgekürzt. Trotzdem spricht man heute nur noch von KZ. "KL" ist also ein Hinweis, dass noch längst nicht alles bekannt ist.

Wie hält ein Forscher es aus, zehn Jahre an einem Buch zu schreiben, das, wie es die FAZ nannte, "einem Abstieg in die Hölle gleichkommt"?

In der Tat gibt es angenehmere Arbeiten. Aber es ist notwendig, sich diesem Thema zu stellen. Ich habe nie überlegt, "KL" nicht zu schreiben. Viel schwieriger war es zu entscheiden, welche Stimmen der Gefangenen und Überlebenden ich mit hineinnehmen kann und welche nicht. Mir war es sehr wichtig, möglichst viele einzelne Schicksale einzuweben.

Warum?

Ziel des Buches war eine integrierte Gesamtdarstellung der Konzentrationslager, um das Unbegreifbare etwas begreifbarer zu machen. Dazu war es notwendig, das System aus der Perspektive der Täter, der Gefangenen und der Zuschauer zu sehen und zu beschreiben.

Was auffällt, ist, dass Sie mehrfach auf Versuche Gefangener verweisen, das Grauen auf kleinen Papierschnipseln für die Nachwelt festzuhalten.

Obwohl es die Lebensgefahr weiter erhöhte, haben viele schon im Lager ihr Schicksal und auch das ihrer Familie und Freunde beschrieben. Gerade diese Stimmen berichten über das Lagerleben sehr unmittelbar. Für uns sind das unersetzlich wichtige Einblicke in das Leben der Gefangenen, was sie gefühlt, gedacht und gehofft haben. Das ist eine entscheidende Perspektive. Und sie zeigt auch, dass es nicht den typischen Gefangenen gab.

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Wachsmann studierte in England, wo er heute auch lebt.

(Foto: Gerald von Foris)

Gab es denn den typischen Täter? Sind Sie sozusagen in deren Hirne vorgedrungen?

Wenn man das Unverständliche verstehen will, muss man versuchen, die Antriebe der Täter zu verstehen. Mir ist dabei schnell klargeworden ist, dass es den typischen Täter so wenig gibt wie den typischen Gefangenen oder das typische Lager. Zehntausende Deutsche haben in den Konzentrationslagern gearbeitet. Ihre Motivation war unterschiedlich: ideologische Gründe, Karrieredenken oder auch einfach Gedankenlosigkeit. Am Anfang des KL-Systems hatten sich viele freiwillig gemeldet, aus Überzeugung. In den letzten Kriegsmonaten waren dann meist vollkommen andere Menschen aktiv, die oft glaubten oder sich einredeten, "nur" Dienst zu tun.

Kann man von einer Gewöhnung an das Grauen auf Seiten der Täter sprechen?

Ja. Es hat sich immer wieder gezeigt, wie sich Männer und Frauen sehr schnell daran gewöhnten, was ein KL war, was dort passierte und was sie dort zu tun hatten. Lassen Sie es mich an einem Beispiel erläutern. Ein SS-Arzt brach nach seiner ersten Selektion in Auschwitz zusammen. Er erklärte, er könne das nicht tun und betrank sich. Schon bald machte er es dennoch.

Wir Deutschen fragen uns seit Jahrzehnten: Wie konnte das geschehen? Sind Sie einer Antwort nähergekommen?

Natürlich habe ich mich das auch immer wieder gefragt. Rein von der Faktenlage betrachtet, gab es keine vollkommen zwangsläufige Entwicklung. Die Nationalsozialisten sind nicht an die Macht gekommen mit dem Plan, ein ganz bestimmtes System aus Konzentrationslagern zu errichten. Das war anfangs improvisiert und verlief bis zum Ende mit unheimlicher Dynamik. Die Lager sind immer wieder neu erfunden worden. Dachau sah 1933 komplett anders aus als 1939 oder 1945.

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Wachsmanns Buch ist bei Siedler erschienen und kostet 39,99 Euro.

In der Öffentlichkeit herrscht die These vor, dass die Lager kurz vor Kriegsende von Desorganisation bis hin zu Chaos und Willkür beherrscht wurden. Kommen Sie auch zu diesem Schluss?

Ja und nein. Das System ist immer dezentraler geworden. Natürlich gab es weiter wichtige Befehle von ganz oben. Allerdings kamen zu den sogenannten Stammlagern nun viele hunderte Außenlager hinzu. Die zentrale Steuerung wurde dadurch immer schwieriger. Gegen Ende gingen Gefangenentransporte kreuz und quer durch Deutschland. Gerade in der letzten Phase des Krieges wurden die Lager so auch immer sichtbarer für die deutsche Bevölkerung. Todesmärsche verliefen sich bis in die kleinsten Ortschaften, deren Einwohner erlebten, wie Gefangene getötet und gequält wurden. Es gab eine enorme Sichtbarkeit. Das Gerede über die "unsichtbaren Lager" ist ein reiner Mythos, eine Schutzbehauptung aus der Nachkriegszeit.

Sie beschreiben in "KL" den Teufelskreis, in dem sich sogenannte Kapos befanden. Wer "den lebensrettenden Schutz durch die SS nicht verlieren" wollte, musste selbst brutal sein. Waren die Kategorien von Gut und Böse überhaupt in Kraft?

Es gab aus Sicht der Gefangenen natürlich Kategorien von Richtig und Falsch sowie Gut und Böse. Aber das waren nicht unbedingt die Kategorien, in denen wir heute denken. Wir lehnen Selbstjustiz ab. In einem KL fanden es viele Gefangene dagegen richtig, Brotdiebe zu bestrafen. Insofern verlieren unsere Kategorien an Aussagekraft, wenn man heute bestimmte Handlungen im Lager vollkommen eindeutig beurteilen will. Mit der Figur des Kapo wird nur Negatives verbunden. Doch gerade Kapos waren viel komplexere Figuren, die sich permanent in eben diesem Teufelskreis befanden.

Sie lassen Ihr Buch nicht mit der Befreiung der Lager enden, sondern beschreiben die Weiternutzung einiger KZ durch die sowjetische Besatzungsmacht und auch das Ringen ehemaliger Gefangener um Rentenansprüche in der Bundesrepublik. Warum dieser Ansatz?

Ich sage sehr klar: Die Lager waren einzigartig in ihrer Zerstörungswut und -wucht. In meinem Buch wollte ich dennoch nicht mit ihrer Befreiung aufhören. Ein "happy end" wie in "Schindlers Liste" gab es für viele Überlebende eben nicht. Etliche starben kurz nach ihrer Befreiung. Die anderen Überlebenden fanden sich in einer unvorstellbaren Situation wieder, ihr Leben neu aufbauen zu müssen, gezeichnet in Seele und Körper, in einer Nachkriegsgesellschaft, die sich nicht wirklich für sie und die Lager interessierte. Dazu gehört auch, was vielerorts aus diesen Lagern wurde. Manche gerieten vollkommen in Vergessenheit. In Dachau existierte eine Zeitlang nicht mal ein Museum.

Liest man "KL", gewinnt man den Eindruck, Sie hätten auch einen Roman schreiben können.

Ich habe mir viele Gedanken gemacht über Erzählperspektive und -rhythmus. Die Konzentrationslager sind ein extrem belastendes Thema für einen Leser. Ich habe mich deshalb bemüht, den Stoff auf eine Art und Weise zu präsentieren, die es einem möglich macht, doch immer wieder weiterzulesen.

Mit Nikolaus Wachsmann sprach Thomas Schmoll

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Quelle: ntv.de

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