Politik

"Den deutschen Islam aufbauen" AfD-Arthur erklärt, wie er zu Ahmad wurde

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Arthur Wagner heißt jetzt Ahmad Wagner und will weiterhin AfD-Mitglied bleiben.

(Foto: dpa)

Die Nachricht, ein AfD-Mitglied sei zum Islam übergetreten, sorgt für Schlagzeilen. Nun will sich der Mann in einer Pressekonferenz erklären. Der Auftritt sorgt nicht nur innerhalb der Partei für Verwirrung.

Arthur Wagner heißt jetzt Ahmad Wagner, ist AfD-Mitglied und beginnt seine Pressekonferenz mit dem islamischen Glaubensbekenntnis. Als wäre das nicht skurril genug, schiebt er das, worauf alle warten - die Beweggründe zu seiner Konversion zum Islam und die Vereinbarkeit mit seiner Mitgliedschaft in der mindestens islamkritischen AfD - erst einmal nach hinten. In gebrochenem Deutsch grüßt er seinen Vater, dankt den Medien für die freundliche Berichterstattung, erinnert an die historischen Beziehungen Deutschlands zum russischen Islam, dankt der Handelskammer von Baschkirien, distanziert sich von Putins Außen-, nicht aber seiner Innenpolitik, nennt Kanzlerin Merkel seine "Chefin" und kommt schließlich zum Anlass dieses Treffens.

Im Oktober habe er zum ersten Mal im russischen Ufa - Wagner ist Russlanddeutscher - eine Moschee besucht und in ihm sei der Entschluss gereift, zum Islam zu konvertieren. Details bleibt er schuldig. Über die Vereinbarkeit zwischen AfD und Islam spricht er offen: Er wolle versuchen, zwischen dem deutschen Islam und den Nationalkonservativen einen Konsens zu finden, "Inshallah", fügt er hinzu - so Gott will. Er habe alle seine Ämter niedergelegt und bleibe einfaches AfD-Mitglied. Und auch zur AfD-Linie, der Islam gehöre nicht zu Deutschland, äußert er sich. Es sei nicht die Frage, ob der Islam zu Deutschland gehöre oder nicht. "Der Islam ist ein wundervolles Geschenk Allahs", sagt er und stellt es vom Kopf auf die Füße: Die Frage sei nämlich, ob Deutschland zum Islam gehöre oder nicht. "Bisher ist das nicht so. Aber ob das immer so bleibt?"

"Ich meine es ernst"

Die muslimischen Floskeln, das Glaubensbekenntnis zu Beginn, das Bild einer Person, die von Thema zu Thema springt und dabei einen beinahe verwirrten Eindruck macht: Das Ganze wirkt so bizarr, dass sich einer der anwesenden Journalisten die Frage nicht verkneifen kann, ob Wagner vielleicht vom Satiriker Jan Böhmermann oder dem für ihre drastischen Satireaktionen bekannten Zentrum für politische Schönheit geschickt worden sei. "Nein. Ich meine es ernst", sagt er und außerdem, fügt er an, sei es im Islam streng verboten, Witze über den Islam zu machen. Zur Erinnerung: Hier spricht ein Mitglied der AfD.

Zweifelsohne wird der Auftritt Wagners in weiten Teilen der Partei zu Kopfschütteln geführt haben - milde ausgedrückt. Möglicherweise wird der Präzedenzfall - es ist die bisher erste bekannte Konversion in der AfD - eine Diskussion auslösen. Wagner sagte, er wolle sich dafür einsetzen, einen "deutschen Islam" zu entwickeln, will "Brücken bauen". Fraglich ist, ob die Parteispitze das als Chance oder Risiko begreift. Als relativ unbedeutendes Parteimitglied ohne Mandate hat Wagner ein enormes Medieninteresse erzeugt. Wird die AfD sich bemühen, ihn loszuwerden oder könnte er den Rechtspopulisten im besten Fall sogar zu einer neuen Wählerklientel verhelfen?

Bisherige Reaktionen lassen eher auf erstere Möglichkeit schließen. "Viele Mitglieder erwarten, dass er die AfD verlässt. Ausschließen kann man ihn leider nicht", sagte sein Vorgesetzter in der Partei, der Chef des brandenburgischen Kreises Havelland, Kai Berger, der "Bild"-Zeitung. Doch setzt sich die AfD laut Parteiprogramm nicht für die Religionsfreiheit ein? Der Sprecher des AfD-Landesverbandes, Daniel Friese, formuliert es so: "Dass er zum Islam übergetreten ist, haben wir nicht ohne Überraschung zur Kenntnis genommen". Auch Landeschef Andreas Kalbitz sagte, das sei seine "persönliche Entscheidung" und es sei "schwierig, über Glaubensfragen zu diskutieren".

Von rechtsaußen zum Islam - kein Einzelschicksal

In der AfD mag es der erste Fall dieser Art gewesen sein. In anderen rechten Parteien ist so etwas bereits vorgekommen. Für Aufsehen sorgte etwa Arnoud van Doorn, der einst Mitglied der niederländischen Partij voor de Vrijheit (PVV) von Geert Wilders und Stadtrat in Den Haag war. 2011 verließ er die Partei, konvertierte kurz darauf zum Islam und nahm 2013 an einer Pilgerfahrt nach Saudi-Arabien teil.

Wilders gilt im Kreise europäischer Rechtspopulisten als Hardliner, wenn es um die Kritik am Islam geht. Er fordert, den Koran – aus seiner Sicht ein "faschistisches Buch", vergleichbar mit Hitlers "Mein Kampf" – in den Niederlanden komplett zu verbieten. Ferner will er einen Einreisestopp für Muslime verhängen und hat mit seinem islamfeindlichen Film "Fitna" 2008 für Proteste in der gesamten islamischen Welt gesorgt. Allein in der pakistanischen Stadt Karatschi gingen damals an einem Tag rund 25.000 Menschen auf die Straße. An dem Film hatte übrigens der spätere Konvertit Van Doorn, ein enger Vertrauter Wilders', mitgearbeitet.

"Für einige Menschen gelte ich jetzt als Verräter", sagte er damals dem katarischen Fernsehsender Al-Jazeera, "aber laut den meisten anderen habe ich eine sehr gute Entscheidung getroffen". Die Veränderung habe langsam eingesetzt, erinnerte er sich. Er habe begonnen, den Koran zu lesen, dann eine Moschee besucht und sei überrascht gewesen von der Wärme dort, dem "Gefühl, willkommen zu sein". Schließlich sei er den ganzen Tag dorgeblieben. "Ich war verwirrt. Aber je mehr ich über den Islam gelernt habe, je mehr ich mit anderen Muslimen gesprochen habe, desto mehr habe ich gespürt, dass das mein Ich ist."

Was haben Rechte und der Islam gemeinsam?

Auch der französische Front National, die stramm rechte Partei von Marine Le Pen, hat mit solchen Metamorphosen Erfahrungen. 2014 konvertierte der Lokalpolitiker Maxence Buttey zum Islam und wurde anschließend aus der Partei geworfen. Buttey sagte damals der französischen Zeitung "Le Parisien", der Islam und rechte Bewegungen hätten mehr gemeinsam, als ihre jeweiligen Mitglieder glauben würden. "Beide werden dämonisiert und sind sehr weit von dem Bild entfernt, das die Medien von ihnen zeichnen." Wie der Islam verteidige auch der Front National die Schwächsten in der Gesellschaft, argumentierte Buttey.

In der Sozialwissenschaft gibt es die Unsicherheits-Identitäts-Theorie des britischen Sozialpsychologen Michael Hogg, die erklären kann, warum jemand sich einer rechten Bewegung anschließt. Demnach haben Menschen grundsätzlich das Bedürfnis, zu klären, wer sie sind, wie sie in die Welt passen und wie andere Menschen sie sehen. "Eine Möglichkeit, dieses Bedürfnis zu stillen", schreibt Hogg, "ist, sich mit einer Gruppe zu identifizieren, die einen selbst definiert, in der Gesellschaft verortet und Anweisungen gibt, wie man sich zu verhalten habe." Dabei profitierten extrem linke, extrem rechte, aber auch extremistisch-religiöse Organisationen vor allem von Personen, die Antworten auf diese Fragen suchen. "Extreme Gruppierungen haben genau die Eigenschaften, die ideal sind, um Selbstunsicherheit zu reduzieren, weil sie ihren Mitgliedern einen klaren und unmissverständlichen Sinn in der Welt geben."

Das könnte erklären, warum Wagner, van Doorn und Buttey sich einst bei der AfD, dem FN oder der PVV mit ihren extremen Ansichten engagierten. Die Orientierung hin zu einer Religion, die relativ klare Lebensanweisungen gibt und über ein recht homogenes Weltbild und eine klar definierte Mitgliedergruppe verfügt - so wie der Islam -, ist vermutlich aber nur mit einer Suche nach Sinn zu erklären, die über das hinausgeht, was die Politik bietet.

Quelle: n-tv.de

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