Politik

Alles begann mit Eklat von 2021Die sechs Geheimnisse hinter Özdemirs Sensationssieg

08.03.2026, 20:45 Uhr a6d1097d-155c-4edc-b000-7806375dfbdb~1Von Sebastian Huld
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Politischer Aschermittwoch der Partei Die Grünen in Biberach. Im Mittelpunkt: Wahlkampf zur Landtagswahl am 8. März mit Spitzenkandidat Cem Özdemir. Porträt. Biberach, Baden-Württemberg, Deutschland (Foto: picture alliance / imageBROKER)

Es ist vollbracht: Cem Özdemir wird aller Voraussicht nach nächster Ministerpräsident Baden-Württembergs. Der lange kaum für möglich gehaltene Wahlsieg hat eine lange, wohlüberlegte Geschichte.

Cem Özdemir wird nach Winfried Kretschmann zweiter Ministerpräsident aus den Reihen der Grünen - und erster Regierungschef eines Bundeslands mit im Ausland geborenen Eltern. Mutter und Vater des studierten Sozialpädagogen kamen als Gastarbeiter aus der Türkei. 1965 wurde ihr Sohn Cem im schwäbischen Bad Urach geboren, wo sich seine Eltern nach dem Tod begraben ließen. Ihnen war das Schwabenland Heimat geworden, und Özdemir liebt es, diese Erfolgsgeschichte vom arbeits- und entbehrungsreichen Ankommen seiner Familie in der Bundesrepublik zu erzählen.

Die Geschichte, dass ein fleißiger, höflicher Junge in Deutschland auch als Einwandererkind Bundestagsabgeordneter und schließlich Bundesminister werden konnte, hören viele Menschen gern. Dass diese Biografie gar im Amt des Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg gipfeln kann, hätte aber - auch angesichts der Unbeliebtheit der Grünen in den vergangenen Jahren - kaum wer für möglich gehalten. Sechs Gründe gibt es, die den Erfolg erklären.

Erstens: Hofreiter ausgebootet, hinter Habeck eingereiht

Nach der Bundestagswahl 2021 war klar: keine Regierungsbildung ohne die Grünen. Doch als das Ampelbündnis schließlich geschmiedet war, krachte es so heftig wie lange nicht in der Partei: Der vormalige Fraktionsvorsitzende und in der Partei so beliebte Toni Hofreiter wähnte sich schon im Amt des Landwirtschaftsministers, wurde aber in letzter Minute ausgebootet. Die Grünen-Spitze um Robert Habeck und Annalena Baerbock entschied sich stattdessen für den in der Bevölkerung so beliebten Özdemir, der damals mit sensationellen 39,9 Prozent der Erststimmen das Direktmandat im Wahlkreis Stuttgart I gewonnen hatte.

Die Entscheidung hatte ihren Preis: Hofreiter wurde Außenpolitiker, der fortan wenig bis gar keine Rücksicht nahm auf jene, die ihn um das Amt gebracht hatten. Özdemir dagegen reihte sich dankbar und klaglos hinter Habeck und Baerbock, den beiden Grünen-Stars, ein. Seine Zeit würde noch kommen. Wie er mit dem Fahrrad seine Ernennungsurkunde beim Bundespräsidenten abholte, statt wie alle anderen Neuminister mit der Limousine in Bellevue vorzufahren, wurde zum prägenden Bild vom Tag der Kanzlerwahl.

Zweitens: Der einzig unbeschadete Ampelminister

Spätestens 2023 entwich dem Ampelprojekt alle Luft, mit dem Ansehen ihrer Minister ging es genauso bergab wie mit dem der Koalition. Vor allem die Grünen, die beim Streit ums Heizungsgesetz ins Kreuzfeuer der Kritik geraten waren, traf diese Abwärtsentwicklung schwer. Über den Dingen schwebte nur einer: Cem Özdemir. Als Landwirtschaftsminister fiel er vor allem dadurch auf, dass die Bauern nicht Sturm liefen gegen die grün eingefärbte Bundesregierung. Zumindest so lange, bis die Koalitionsspitzen in einer Mischung aus Rat- und Ahnungslosigkeit über Nacht den Landwirten die Agrardieselsubventionen strichen. Özdemir suchte tapfer das Gespräch mit den Bauern, konnte diese teilweise besänftigen und hielt dennoch loyal zur Regierung.

Der freundliche Herr Özdemir blieb einer der beliebtesten Ampelminister und Bundespolitiker, obwohl oder weil er inhaltlich kaum Furore machte. Zumindest nicht mit seinen eigentlichen Ressortthemen. Dafür ging er dosiert, aber regelmäßig auf Distanz zu seiner Partei, etwa mit einem viel beachteten Gastbeitrag über das Sicherheitsgefühl seiner jugendlichen Tochter in einem Berliner Stadtpark. Schon damals feilte Özdemir erkennbar an der Kretschmann-Nachfolge und nahm peu à peu potenzielle Bewerber auf die Spitzenkandidatur seiner Partei aus dem Rennen. Gehandelt wurden etwa Landesfraktionschef Andreas Schwarz und Finanzminister Danyal Bayaz.

Drittens: Ein Jahr nix als Wahlkampf

Auf den letzten Metern noch zusätzlich zum Forschungsminister ernannt, weil die FDP-Minister ausgeschieden waren, nutzte Özdemir seine ausklingende Zeit in Berlin, um sein Vorhaben zu streuen: alle Kraft für Baden-Württemberg, denn Landtagswahlen sind Personenwahlen. Im Mai zog der Grünen-Politiker zurück ins Ländle und tourte fortan durch das nach Fläche drittgrößte Bundesland, frei von Verantwortung, in einem Regierungsamt oder - wie CDU-Spitzenkandidat Manuel Hagel - im Landtag glänzen zu müssen. Im Rahmen seiner "2Ö26 Tour" bereiste Özdemir das Bundesland und konzentrierte sich ganz auf die Landesthemen.

Als langjähriger Bundespolitiker mit besten Verbindungen nach Berlin brachte Özdemir zugleich ein anderes politisches Gewicht auf die Waage als sein deutlich jüngerer Herausforderer Hagel, dem die Bundes-CDU mit Mühe zu etwas Aufmerksamkeit über Baden-Württemberg hinaus verhelfen musste. Das Kalkül, die vorhandene Bekanntheit weiter auszubauen, ging auf: Özdemir war vor der Wahl der mit Abstand populärste Bewerber auf die Kretschmann-Nachfolge. In einer ZDF-Umfrage vom Donnerstag vor der Wahl gaben 47 Prozent aller Befragten an, sich Özdemir als neuen Regierungschef zu wünschen. Hagel kam nur auf 24 Prozent.

Viertens: Immer nah' bei de Leut

Sein dialektfreies Hochdeutsch hat Özdemir in Berlin gelassen. Wohl nie zuvor wurde in einem Wahlkampf derart viel geschwäbelt wie im Heimatpatrioten-Duell zwischen Hagel und Özdemir. Für den Grünen-Politiker mit seinen türkischen Eltern überlebensnotwendig in einem Bundesland, wo noch immer gern zwischen echten Schwoab'n und "Neigschmeckten" unterschieden wird - ganz gleich, ob die Zugezogenen ihre Wurzeln nun am Schwarzen Meer oder an der Nordsee haben.

Özdemir führte einen Mundart-Wahlkampf rund um das Kultgut Brezel und hatte dabei wenig Mühe, sich authentisch volksnah zu zeigen. Gerade als Sportler: Özdemir ging wandern, fuhr Mountainbike und konnte über Wochen nicht mit der Rechten die Hand einschlagen, dafür aber die beim Handball zugezogene Sportverletzung erwähnen. Viel deutscher als Handball zu spielen geht es eigentlich kaum. Und nebenher wirkte der fitte Herr Özdemir kaum älter als der erst 37-jährige Hagel.

Fünftens: Ö statt Sonnenblume

Wie schon Landesvater Winfried Kretschmann inszenierte Özdemir sich als eine Art grüner Outlaw. Seine Partei erwähnte er am liebsten gar nicht, und wenn doch, indem er auf größtmögliche Distanz ging. Auf den Wahlplakaten suchte man das Parteilogo mit der Sonnenblume mit Mühe oder vergeblich. Auftritte mit der Parteispitze gab es kaum. Dafür aber trat Özdemir mit seinem frühen Förderer auf, dem ebenfalls sehr konservativen Grünen und Ex-Außenminister Joschka Fischer. Außerdem bildete eine Allianz mit Boris Palmer.

Tübingens Oberbürgermeister ist linken Grünen verdächtig, AfD-nahe Positionen zu vertreten, und er ist auch kein Parteimitglied mehr. Dafür aber nahm Palmer pressewirksam auf den letzten Metern des Wahlkampfs Özdemir Trauung mit seiner Partnerin Flavia Zaka vor. Spekulationen, die Wahlkampfallianz könnte im Erfolgsfall gar in ein Ministeramt für den in Baden-Württemberg so populären Palmer münden, ließ Özdemir zumindest unwidersprochen.

Sechstens: Die Partei hält still

Özdemirs Sieg ist dennoch nicht gegen, sondern mit den Grünen möglich geworden. Mit nahezu masochistischem Gleichmut nahm die Partei hin, dass ihr Spitzenkandidat sich permanent auf Kosten der eigenen Partei profilierte. So sprach Özdemir sich für den längeren Erhalt des Verbrenner-Pkws aus und forderte strenger regulierte Zuwanderung. Auf das Brodeln - gerade in der Parteilinken - hielt die Bundespartei absprachegemäß den Deckel und bewegte auch die Grüne Jugend weitgehend zum Stillhalten.

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Bei den Grünen unerwünscht, in Özdemirs Wahlkampf willkommen: der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer. (Foto: picture alliance/dpa)

Dass die Grünen im Europaparlament einer Verzögerung des Freihandelsabkommens mit den Mercosur-Staaten zur Mehrheit verhalfen, muss in diesem Zusammenhang als Unfall verstanden werden. Schwerwiegend war er dennoch, weil die Grünen sich einmal mehr den Vorwurf einhandelten, aus Dogmatismus nicht auf der Höhe der Zeit zu sein. Dennoch gilt: Im Vergleich zur CDU, die ihrem Kandidaten eine Debatte über Streichung der Zahnarztversicherung und Teilzeitarbeit bescherte, kann sich Özdemir bei seiner Partei nur bedanken: Die Grünen haben trotz Bauchschmerzen Özdemirs Masterplan mitgetragen - bis zum Schluss, bis zum größtmöglichen Erfolg.

Quelle: ntv.de

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