Politik
Etwa 3000 Menschen versammeln sich zum "Internationalen Vietnam-Kongress" am 17. Februar 1968.
Etwa 3000 Menschen versammeln sich zum "Internationalen Vietnam-Kongress" am 17. Februar 1968.(Foto: picture alliance / Volkmar Hoffm)
Samstag, 17. Februar 2018

50 Jahre Vietnam-Kongress: Als Berlins '68er die Revolution probten

Vor einem halben Jahrhundert soll eine "weltweite Widerstandsfront" gegen den Imperialismus entstehen: In West-Berlin kippt die Stimmung gegen die USA und mit dem Vietnam-Kongress erreicht der Studentenprotest seinen politischen Höhepunkt.

Am Wochenende vom 17. und 18. Februar 1968 lag an der Technischen Universität (TU) in Berlin Weltrevolution in der Luft. Tausende Studierende, Schüler und Lehrlinge, die sich als Teil einer internationalen Protestbewegung fühlten, hatten sich auf Einladung des Sozialistischen Deutschen Studentenbunds (SDS) im Westteil der Stadt versammelt. "Internationaler Vietnam-Kongress" nannte sich das Treffen, angesagt hatten sich viele, die in der Szene Rang und Namen hatten. Dabeisein war alles.

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Zwei Wochen vorher hatte das kommunistische Nordvietnam mit der Offensive zum vietnamesischen Neujahrsfest Tet einen Überraschungsangriff auf die Truppen der USA und Südvietnams gestartet, die Vietcong-Guerilla war sogar bis in den Garten der amerikanischen Botschaft in Saigon vorgedrungen. In Berlin jubelten die Studierenden. "Für den Sieg der vietnamesischen Revolution" stand auf der Riesenflagge im Audimax der TU, wo der Kongress tagte, dazu der Che-Guevara-Satz: "Die Pflicht jedes Revolutionärs ist es, die Revolution zu machen."

Hunderte Vertreter ausländischer Organisationen waren eingeladen - die amerikanischen Black Panther und die Palästinenser, die baskischen Separatisten von Eta und die nordirische Ira. Der Philosoph Herbert Marcuse reiste aus den USA an, die Schriftsteller Peter Weiss und Erich Fried sowie der Trotzkist Ernest Mandel aus Belgien waren dabei.

Kennedy forderte politische Teilnahme

Der Kongress, so hatte es Studentenführer Rudi Dutschke vorgegeben, sollte der Keim einer neuen "Internationalen" werden, einer globalen Befreiungsbewegung gegen "Imperialismus" und "Kapital". Das nahmen einige bluternst. Noch am Vorabend der Konferenz, so berichtet der Historiker Gerd Koenen in seinem Buch "Das rote Jahrzehnt" über die Jahre 1967 bis 1977, hatte der italienische Verleger und Millionärserbe Giangiacomo Feltrinelli auf der Rückbank seines Autos Dynamitstangen vor Dutschkes Berliner Wohnung abliefern wollen. Der Sprengstoff wurde im Kinderwagen versteckt und in eine konspirative Wohnung gebracht. Dutschkes kleiner Sohn Hosea Che wurde zur Tarnung darübergelegt.

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Kurz zuvor hatte das Berliner Verwaltungsgericht eine Demonstration der Studenten genehmigt, die nach dem Kongress stattfinden sollte. Noch bis zuletzt hatte der Regierende SPD-Bürgermeister Klaus Schütz versucht, den Protestzug zu untersagen. Allerdings blieb ein Marsch zu den US-Kasernen verboten, eine Konfrontation mit der amerikanischen Militärpolizei wurde so verhindert. Noch fünf Jahre zuvor und ein paar hundert Meter vom US-Kommando in Berlin entfernt hatte US-Präsident John F. Kennedy in einer Rede an der Freien Universität Begeisterung ausgelöst: Die Studierenden sollten sich einmischen und an der demokratischen Willensbildung mitmachen, forderte er.

1963, als Kennedy in Dallas ermordet wurde, riefen die studentischen Vertreter aller Berliner Hochschulen zu einem Fackelzug zu seinen Ehren auf. Wie konnte die Stimmung gegen die USA dann so schnell kippen? Gewiss, der Vietnam-Krieg und das militärische Engagement der USA trieben viele auf die Straße. Aber auch enttäuschte Liebe zu Amerika war mit im Spiel, wie der Schriftsteller Friedrich Christian Delius notierte.

Ausgerechnet West-Berlin

Dass der antiamerikanische Protest ausgerechnet in West-Berlin sein Zentrum fand, war trotzdem bemerkenswert. Unter dem Schutz der Alliierten hatte sich in der westlichen Hälfte der Stadt ein freiheitliches Biotop entwickelt, in dem alternative Lebensformen ausprobiert wurden und der Soldatensender AFN mit Rock 'n' Roll und Blues den Soundtrack dazu lieferte. Ausgerechnet hier rebellierte die Nachkriegsgeneration nun gegen die Sieger über Nazi-Deutschland? In den Straßeninterviews des Fernsehens aus jener Zeit lassen sich die Frontstadt-Berliner gallig über die Studenten aus. Die "Bild"-Zeitung und andere Medien heizten die Stimmung weiter an. Angespannt war die Lage ohnehin seit den tödlichen Schüssen des Polizisten Karl-Heinz Kurras auf den Studenten Benno Ohnesorg während des Schah-Besuchs am 2. Juni 1967.

Für den Politikwissenschaftler Wolfgang Kraushaar war der Vietnam-Krieg "mehr als nur eine Tausende von Kilometern entfernte Hintergrundkulisse - er war in den Köpfen der 68er allgegenwärtig". Der Vietcong und die Befreiungsbewegungen in Afrika und Lateinamerika boten sich als Projektionsflächen revolutionärer Hoffnungen an. Die Guerilla-Gruppen, so formulierte es Dutschke, seien dabei, die "Destabilisierung der imperialistischen Machtzentren in den Metropolen" zu beschleunigen. Mit einer "Anti-Nato-Kampagne" und einer Desertionskampagne in der Bundeswehr sollte der Kampf nach Deutschland getragen werden.

"Genossen! Wir haben nicht mehr viel Zeit. In Vietnam werden auch wir tagtäglich zerschlagen", rief Dutschke den Kongressteilnehmern zu. Er entwarf das Bild einer globalen Revolte und sah ausgerechnet in den diktatorisch beherrschten Ländern Griechenland und Spanien den Keim für den Aufstand in Europa. "Es lebe die Weltrevolution", schloss er seine Rede. Der Drang zur Revolte, so sehen es Historiker und Sozialwissenschaftler, die sich mit dem Phänomen "1968" beschäftigen, sei Ausdruck einer Entwicklung gewesen, die sich mindestens ein Jahrzehnt vorher angedeutet hatte.

Was bleibt von dem Aufbruch?

1968 habe nichts begonnen, was es vorher nicht schon gab - "weder die sexuelle Revolution noch die Demokratisierung der Gesellschaft und vor allem nicht die Konfrontation mit Auschwitz", sagt der Soziologe Heinz Bude. "Der Kinsey-Report und Oswalt Kolle, die Lehre der sozialen Demokratie und das Betriebsverfassungsgesetz, der "SS-Staat" von Eugen Kogon und die Courage von Fritz Bauer." Was bleibt von dem Aufbruch? "Den 68ern ging es um Befreiung. Der antirassistischen, postkolonialen und transimperialen Linken von heute geht es um Gerechtigkeit", sagte Bude der "Frankfurter Rundschau". Für einen kurzen Augenblick sei damals aus einem "irren Antrieb" alles in Bewegung geraten.

Doch auf dem Kongress deutete sich schon auch die Gewalt an, die kurz danach zur Gründung der terroristischen Roten Armee Fraktion (RAF) und 1977 zum "Deutschen Herbst" führte. Nur drei Wochen nach dem Kongress schoss der Hilfsarbeiter Josef Bachmann vor dem SDS-Büro am Kurfürstendamm dreimal auf Rudi Dutschke, zweimal traf er ihn am Kopf. Davon erholte sich Dutschke nie ganz. Er starb am 24. Dezember 1979 infolge des Attentats.

Quelle: n-tv.de