Politik

"Fact Checker" im Wahlkampf Als Macron plötzlich schwul war

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Der liberale Emmanuel Macron wurde im französischen Wahlkampf besonders oft Opfer von Fake News.

(Foto: REUTERS)

Vor acht Jahren fing alles mit einem Blog an: "Les Décodeurs" - die Dechiffrierer - wollten Fake News in den sozialen Netzwerken den Kampf erklären; ganz einfach, indem sie diese widerlegten. Heute sitzen die Fact Checker in einem Großraumbüro der Firmenzentrale von "Le Monde", einer der wichtigsten Tageszeitungen Frankreichs. Und sie haben eine Menge zu tun. Im französischen Präsidentschaftswahlkampf wollen auch Figuren mitmischen, die wenig Interesse an Faktentreue haben. Im Interview mit n-tv.de erklärt Fact Checker Adrien Sénécat, wie Fake News entlarvt werden, wer von ihnen profitiert und warum auch "Les Décodeurs" nicht jedes Gerücht aufgreifen.

n-tv.de: Monsieur Sénécat, gerade erst hat Emmanuel Macron Journalisten von "Sputnik" und Russia Today von Wahlveranstaltungen ausgeschlossen. Sie sollen Fake News über ihn verbreitet haben. Nimmt Russland tatsächlich Einfluss auf den französischen Wahlkampf?

Adrien Sénécat.

Adrien Sénécat.

(Foto: Judith Görs)

Adrien Sénécat: Ich glaube nicht, dass die russischen Medien sehr oft Artikel verbreiten, die einzig und allein auf Fake News basieren. Das funktioniert sehr viel subtiler. Russland macht Propaganda, indem es ausschließlich die russische Sichtweise auf die Welt verbreitet.

Trotzdem hat man irgendwie das Gefühl, dass die Anzahl der Falschmeldungen seit der letzten Wahl zugenommen hat. Ist das in Wirklichkeit gar nicht der Fall?

Es ist schwer, das zu vergleichen. Bei der letzten Wahl 2012 waren die sozialen Medien noch nicht so stark wie heute. Was wir aber mit Sicherheit sagen können, ist, dass die 28 "erfolgreichsten" Fake News in diesem Jahr rund 1,3 Millionen mal allein auf Facebook geteilt wurden. Das ist immens. Fünf davon wurden jeweils über 100.000 Mal geteilt - und das ist wiederum mehr, als irgendein Artikel in "Le Monde", "Le Figaro" oder "Libération" in den vergangen Monaten erreicht hat.

Was war denn die abgebrühteste Falschnachricht, die Sie in diesem Wahlkampf offen gelegt haben?

Ich glaube, das war die Nachricht, Macron würde planen, eine neue Steuer auf Immobilien zu erheben. Er hat das niemals behauptet. Trotzdem wurde die Meldung auf Facebook über 200.000 Mal geteilt.

Die Fake News, Macron sei schwul, dürfte ihm auch nicht besonders gefallen haben …

Das haben wir gar nicht erst aufgegriffen, weil es dabei um Gerüchte über das Privatleben eines Präsidentschaftskandidaten ging.

Informieren Sie denn die Kandidaten, wenn Sie potenziell schädliche Fake News über sie entdecken?

Nein. Wir überprüfen die Fakten, aber wir arbeiten weder für noch gegen einen Kandidaten.

Wie muss man sich das denn vorstellen? Sie können doch unmöglich das ganze Netz überwachen?

Wir nutzen ein paar Werkzeuge, mit denen wir virale Inhalte [Inhalte, die in den sozialen Medien oft geteilt werden, Anm. d. Red.] finden können. Das funktioniert über Keywords und Quellen, von denen wir wissen, dass sie falsche Informationen verbreiten. Aber wir bitten auch die Leser, uns Sachen zu schicken, die ihnen verdächtig vorkommen. Ich persönlich versuche auch, wachsam für zweifelhafte Inhalte zu bleiben, indem ich Websites von Verschwörungstheoretikern lese.

Können Sie Beispiele nennen?

Wir haben kürzlich eine Liste der "Top Fake News Verbreiter" erstellt. Die Website dreuz.info ist eine davon. Sie verbreitet wirklich viele Gerüchte - [hauptsächlich über Immigration, Anm. d. Red.]. Und auch die Website "La gauche m'a tuer" ist sehr interessant. Einerseits, weil sie 8 der 28 meistgeteilten Fake News verbreitet hat. Andererseits, weil sie von Mike Borowski aufgebaut wurde - einem Aktivisten von Rechtsaußen.

Haben Sie eigentlich keine Angst, dass Sie solchen Leuten indirekt zu mehr Publikum verhelfen, indem Sie ihre Fake News aufgreifen?

Nein. Denn die Falschinformationen werden sowieso weiter geteilt. Ich denke, es ist wichtig, den Leuten Zugang zu verifizierten Fakten zu geben.

Aber auch Sie sind ja darauf angewiesen, von denjenigen gelesen zu werden, die Fake News konsumieren. Haben Sie da als "Mainstream"-Medium nicht schon verloren?

Ich denke, ein großer Teil unserer Arbeit besteht darin, Vertrauen zwischen uns und den Lesern aufzubauen. Wir geben freien Zugang zu unseren Quellen, sodass jeder Leser selbst überprüfen kann, ob unsere Arbeit ehrlich ist, oder nicht. Seitdem wir immer wieder über die Gerüchte zu Emmanuel Macron berichten, glauben vielleicht einige Leute, wir wären pro Macron. Aber wir würden gern auch jede Fake News über einen anderen Kandidaten enthüllen. Und das haben wir auch schon getan.

Man hört ja immer nur von Macron: Gibt es denn auch Fake News über Marine Le Pen?

Definitiv nicht. Gut möglich, dass uns einige erfundene Geschichten über Le Pen durchgerutscht sind, aber selbst wenn das der Fall wäre, glaube ich nicht, dass sie das Level von Fake News über Macron erreichen würden.

Mit Adrien Sénécat sprach Judith Görs.

Quelle: n-tv.de

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