Politik

Der "Deutsche Herbst" Als die RAF Jürgen Ponto erschoss

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Jürgen Ponto sollte offenbar gekidnappt werden, um RAF-Terroristen aus dem Gefängnis freizupressen.

(Foto: dpa)

Die Tat hinterlässt tiefe Risse in zwei Familien, die einst miteinander bestens befreundet waren: Vor 40 Jahren ermordeten RAF-Terroristen den Bankier Jürgen Ponto. Es war eine besonders heimtückische Tat.

Es bedurfte nur eines harmlosen Satzes, um Einlass in die gut gesicherte Villa des Chefs der Dresdner Bank zu erhalten: "Hier ist die Susanne", sagt die Besucherin am elektrischen Gartentor zu Jürgen Pontos Haus in Oberursel bei Frankfurt. Es ist der 30. Juli 1977, Samstagnachmittag gegen fünf Uhr. Susanne Albrecht, die ältere Schwester von Pontos Patenkind, hatte sich zuvor per Telefon angekündigt. Sie bringt einen Rosenstrauß mit - und im Schlepptau zwei Begleiter. Wenige Minuten später liegt Ponto im Sterben, getroffen von fünf Schüssen der führenden RAF-Mitglieder Christian Klar und Brigitte Mohnhaupt.

Die Ermordung Pontos durch die "Rote Armee Fraktion" vor 40 Jahren gilt als der Auftakt zur Terror-Offensive im "Deutschen Herbst". Andere sprechen vom "bleiernen" Herbst, weil der Rechtsstaat mit verschärften Gesetzen und dem Ausbau seines Sicherheitsapparats damals an seine Grenzen kam. Das Jahr des Terrors gipfelte in der Entführung und späteren Ermordung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer, der Entführung des Lufthansa-Jets "Landshut" und dem kollektiven Selbstmord der Häftlinge Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe.

Attentat gilt als besonders perfide

Einsatzfahrzeuge vor dem Haus von Jürgen Ponto.

Der Tathergang konnte bis heute nicht mit letzter Sicherheit geklärt werden.

Auch Ponto sollte offenbar gekidnappt werden, um die in Stuttgart-Stammheim einsitzenden RAF-Terroristen der ersten Generation freizupressen. Doch der Plan scheiterte. Die bewaffneten Klar und Mohnhaupt folgten Ponto in die Küche, als er eine Vase für die mitgebrachten Rosen holen wollte. Ob sich der Banker handgreiflich gegen die geplante Entführung gewehrt hat oder die Terroristen ohne Anlass die Nerven verloren und geschossen haben, wie Albrecht später nahe legte, ist bis heute nicht mit letzter Sicherheit geklärt.

Die Oberurseler "Türöffnerin", Tochter eines mit Ponto seit Jahrzehnten eng befreundeten Hamburger Anwalts, hatte zum Bankier ein fast verwandtschaftliches Verhältnis. Sie nannte ihn Onkel. Aus diesem Grund ragt das Attentat unter den RAF-Verbrechen heraus, weil es als besonders perfide galt. Daran zerbrach nicht nur die Freundschaft der beiden Familien. Auch innerhalb der Albrechts und Pontos entstanden tiefe Risse - ein Spiegelbild dessen, was viele bürgerliche Familien infolge des "Deutschen Herbstes" erlebten.

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Susanne Albrecht war die Patentochter des ermordeten Jürgen Ponto.

(Foto: dpa)

Susanne Albrecht, die nie zur RAF-Kommandoebene zählte, tauchte später in der DDR unter. Sie lebte in einem Plattenbau in Berlin-Marzahn als Lehrerin, unter falscher Identität zusammen mit Mann und Kind. Die Stasi hatte ihr das ermöglicht, ähnlich wie anderen RAF-Leuten. Nach dem Fall der Mauer kommt sie 1991 vor Gericht. Da sie sich als Kronzeugin zur Verfügung stellt und sich grundlegend von ihren Tagen distanziert, verurteilt sie das Oberlandesgericht Stuttgart lediglich zu zwölf Jahren. Nach sechs Jahren kommt sie aus der Haft frei - und unterrichtet dann als Lehrerin an einer Schule in Bremen.

Klar und Mohnhaupt wurden bereits 1985 wegen neunfachen Mordes und elffachen Mordversuchs zu je fünf Mal lebenslanger Haft plus 15 Jahren verurteilt. Die beiden, die als Rädelsführer der zweiten RAF-Generation galten, sind inzwischen frei.

Die Aufarbeitung gelingt nicht allen

Viele Jahre hat es gedauert, bis sich die Familien Albrecht und Ponto nach dem Mord wieder annäherten. Zu verdanken ist dies einer Initiative von Julia Albrecht, der Patentochter Pontos, die 13 Jahre jünger als ihre Schwester Susanne ist. Für den Versuch der Aufarbeitung des Traumas gewann Julia Albrecht Pontos Tochter Corinna. "Patentöchter" - der Vater Albrechts war Pate von Corinna Ponto - nannten sie das daraus im Jahr 2011 entstandene Buch. Pontos Witwe Ignes begleitete das Projekt wohlwollend. Sie war 1977 nach der Tat mit ihren beiden damals schon erwachsenen Kindern in die USA geflüchtet. Dort baute sich die Familie ein neues Leben auf. Mutter und Tochter sind aber inzwischen zurückgekehrt.

In Übersee geblieben ist dagegen Sohn Stefan, der sich dann 2014 in einem "Spiegel-Interview" zur Wort meldete und seine Familie mit Vorwürfen überschüttete. Das Buch, das seine Schwester "zusammen mit der Schwester der Terroristin" zur Aufarbeitung des Mordes geschrieben hatte, nannte er "unerträglich".

Auch die "Täter-Familie" knabbert weiter an ihrem Drama. Nach der Annäherung an Corinna Ponto hat die Journalistin Julia Albrecht ihre Familiengeschichte für die ARD dokumentiert. In der TV-Dokumentation vom Mai 2015 spricht ihr einziger Bruder Matthias von seiner großen Schwester - der inzwischen 66-jährigen Susanne Albrecht - als der "eigentlichen Zerstörerin unserer Familie". Sich selbst sieht er auch als Opfer, wenn auch ein "Opfer zweiter Klasse". Nach dem Mord setzte er sich 1977 - wie die Pontos - ins Ausland ab. 

Die Hauptfigur hat sich am TV-Projekt nicht beteiligt. Susanne Albrecht, die inzwischen einen anderen Namen trägt, schweigt - genauso wie fast alle anderen RAF-Mitglieder, die inzwischen resozialisiert sind. "Susanne spricht nicht über das Geschehene, jedenfalls nicht öffentlich", sagte Schwester Julia. "Und unsere Versuche im Privaten sind irgendwann kläglich gescheitert."

 

Quelle: ntv.de, Thomas Maier, dpa