Politik

Parchim und sein Pleite-Airport Am Boden zerstört

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Hier wächst zwar nicht Europas größtes Handelszentrum in die Höhe, dafür aber jede Menge Gras und Unkraut.

(Foto: Julian Vetten)

Ein chinesischer Investor kauft einen maroden Flughafen in der mecklenburgischen Provinz und will Europas größtes Handelszentrum daraus machen: Eine ungewöhnliche Liebesgeschichte nimmt ihren Lauf - ohne Happy End.

Majestätisch thront das Burj al Arab am Ufer der Elde. Die anmutige Segelkonstruktion des 321 Meter hohen Turms reicht ein Stück weit in das Flüsschen hinein, schon von weitem sieht man die Ikone Dubais in der Mecklenburger Einöde herumstehen. Nur einen Steinwurf vom Burj entfernt hat auch das Berliner Sony Center eine neue Heimat gefunden, zusammen mit einer ganzen Reihe weiterer Wahrzeichen aus aller Welt. Das zieht: Tausende Besucher, vor allem aus Asien und der arabischen Welt, landen Tag für Tag auf dem angrenzenden Parchimer Flughafen, um in Europas größtem Handelszentrum zollfrei Waren "Made in Germany" zu kaufen.

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Feuchter Traum des chinesischen Investors: So malte sich Jonathan Pang die Zukunft des Parchimer Flughafens aus.

(Foto: Airport Parchim)

Das Städtchen Parchim liegt tief in der mecklenburgischen Provinz, ziemlich genau auf halber Strecke zwischen Berlin und Hamburg. Es gibt dort tatsächlich: einen Flughafen. Was es dort nicht gibt: Europas größtes Handelszentrum. Dass nicht nur viele der 18.000 Parchimer in den vergangenen zwölf Jahren daran glaubten, dass es so kommen könnte wie auf dem schicken dreidimensional gerenderten Bebauungsplan der Flughafen-Website, liegt zum einen an den Hoffnungen eines abgehängten Landstrichs und zum anderen an den Plänen eines chinesischen Investors, der versprach, diese Erwartungen nicht nur zu erfüllen, sondern zu übertreffen.

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Als Jonathan Pang im Jahr 2007 zum ersten Mal von Parchim hört, haben sie in der mecklenburgischen Mittelstadt die Schnauze von Investoren eigentlich schon gehörig voll: Zuerst wollte Carl-Heinrich von Gablenz den ehemaligen Militärflughafen zum Zentrum eines weltumspannenden Frachtnetzwerks machen und scheiterte damit ebenso krachend wie mit der Renaissance des Zeppelins. Später versprach die britische Wiggins Group, 60 Millionen Euro in die Entwicklung des Flughafens zu stecken, um am Ende nicht mal den Kaufpreis zu bezahlen. Und während mehr oder weniger windige Geschäftsmänner große Pläne schmieden, buttert der Steuerzahler Monat für Monat geschätzte 200.000 Euro in den Erhalt eines Flughafens, auf dem wenig bis nichts passiert.

Steine werfen, Jade finden

Dabei waren die Erwartungen groß, als die Sowjets im November 1992 ein Gelände zurückließen, das das Potenzial hatte, die umliegende Region in die von Bundeskanzler Helmut Kohl versprochenen "blühenden Landschaften" zu verwandeln: Auf der 3000 Meter langen Landebahn konnten und könnten bis zum A380 und darüber hinaus die größten jemals gebauten Flugzeuge landen, und das rund um die Uhr. Und die 24-Stunden-Fluggenehmigung war und ist ein Pfund, mit dem die wenigsten Flughäfen wuchern können.

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Willkommen im Nirgendwo: Blick vom Terminal auf den leeren Parkplatz des Flughafens.

(Foto: Julian Vetten)

Doch der Optimismus der ersten Nachwendejahre verflog rasch: Es gibt einfach zu viele Regionalflughäfen im Norden und zu wenig Nachfrage, um sie adäquat im normalen Passagierflugbetrieb bedienen zu können. Die Versuche zur Jahrtausendwende, einen funktionierenden Charterbetrieb zu installieren, scheiterten ebenso schnell und unspektakulär wie die Pläne der privaten Investoren, einen internationalen Frachthub einzurichten. 2007 ist es um die Zukunft von Parchims Flughafen alles andere als rosig bestellt. Dann kommt Jonathan Pang und sagt: "In China haben wir ein Sprichwort: Man muss viele Steine werfen, um Jade zu finden." Und fängt an, mit Steinen um sich zu schmeißen.

Ein internationales Frachtdrehkreuz zwischen Europa und Asien soll der Parchimer Flughafen werden. So weit, so bekannt, doch anders als seine Vorgänger lässt Pang den Worten rasch Taten folgen: Nur wenige Monate nach der Übernahme landet die erste Frachtmaschine aus dem chinesischen Zhengzhou - in Pangs Heimatprovinz Henan gelegen - in Parchim und bringt Elektroteile, Textilien, Plastikspielzeug und einen Traktor mit nach Deutschland. Die Hoffnungen in der desillusionierten Bevölkerung steigen, dass es diesmal tatsächlich klappen könnte - und Pang die zu Beginn versprochenen 1000 Arbeitsplätze wirklich bereitstellen kann.

"Hauptsache, kein Geld mehr verbrennen"

Die Ernüchterung kommt ein knappes halbes Jahr später, als Pangs Firma LinkGlobal Logistics die erste Rate des vereinbarten Kaufpreises über 13 Millionen Euro nicht aufbringen kann. Erst Monate später überzeugt Pang eine australische Immobilienfirma, einzuspringen. Die Rettung kommt in letzter Sekunde und nimmt die Ereignisse der kommenden Jahre vorweg: Glatt wird kaum noch etwas laufen, von all den Vorgängen, die mit dem Parchimer Flughafen zusammenhängen.

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Hat eine hübsche Altstadt: Parchim

(Foto: Julian Vetten)

Für die Zweifler ist das verfehlte Zahlungsziel jedenfalls die Bestätigung ihrer Befürchtungen: Schon wieder so ein windiger Investor, dem man nicht trauen kann. Wobei es nicht wenige gibt, die auch Stadt und Landkreis keine blütenweiße Weste bescheinigen, was vor allem mit dem vereinbarten Kaufpreis von 30 Millionen Euro zusammenhängt: "Ich bin mir sicher, wir hätten das Gelände auch für einen symbolischen Euro abgegeben", sagt ein Mitarbeiter des Landkreisamts, der anonym bleiben möchte. "Damals herrschte die Auffassung: Hauptsache, wir müssen da selbst kein Geld mehr verbrennen."

Dass Land und Landkreis tatsächlich einen glücklichen Bluff landeten, zeigt sich zwei Jahre später: Pang werden 12,5 Millionen Euro des ursprünglichen Kaufpreises erlassen, der Investor verpflichtet sich im Gegenzug, einen neuen Tower und ein Terminal zu bauen sowie die Landebahn zu sanieren. Pang hält sein Versprechen, wenn auch mit mehrjähriger Verspätung: Der Tower ist erst 2015 fertig, vier Jahre später als ursprünglich geplant. Da ist sie wieder, die Ambivalenz, die zu Pangs Markenzeichen werden sollte. "Die Chinesen sind grundsätzlich Angeber im Business: Jeder Geschäftsmann haut auf die Kacke, wie er nur kann. Bei Pang stand dahinter aber mehr Substanz als man das sonst gewohnt war", erinnert sich Stefan Eberlein.

Zehn Millionen Arbeitsplätze?

Der Dokumentarfilmer dürfte der Europäer sein, der Jonathan Pang am besten kennt: Sieben Jahre lang hat Eberlein den Investor für seinen mehrfach prämierten Film "Parchim International" begleitet und dabei das faszinierende Porträt eines Mannes gezeichnet, der zwischen allen Welten festhängt. "Er ist ein überschäumender Charakter, was eigentlich so überhaupt nicht chinesisch ist", erinnert sich Eberlein an Pang. Das kommt in Parchim gut an: Im Film ist zu sehen, wie Pang auf Stadtversammlungen und in Wirtschaftsforen für seine hochfliegenden Pläne wirbt. Seine Begeisterung ist ansteckend, obwohl der Inhalt stutzig machen sollte: "Unvorstellbar, wie viele Arbeitsplätze entstehen. […] Vielleicht eine Million, vielleicht zehn Millionen. […] In Zukunft wird der Flughafen Parchim zur Parchim Airport City."

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Ein aufgebockter Container musste vor Pangs Investition als Tower herhalten.

(Foto: Julian Vetten)

Ein Achtel der bundesdeutschen Bevölkerung sollte direkt oder indirekt für den Flughafen arbeiten? "Pang hat ganz lange nicht begriffen, dass Deutschland nicht China ist: Den kulturellen Sprung hat er nie ganz geschafft", sagt Eberlein. Und das hat viel mit Größenordnungen zu tun: "In China geht es nie um Millionen, es geht immer um Milliarden." Bis zum unrühmlichen Schluss der Geschichte wird es in Pangs Kopf nicht hineingehen, dass man in einem Land mit 83 Millionen Einwohnern in jeder Hinsicht kleinere Brötchen backen muss als in einem 1,4-Milliarden-Reich, das auf dem Weg zur größten Wirtschaftsmacht der Erde ist.

Spätestens 2015 ist klar, dass das mit dem Frachtkreuz auch diesmal nichts wird: 2014 verzeichnet der Flughafen zwar immerhin 8300 Flugbewegungen, von denen sind allerdings 6100 Trainings- und Schulungsflüge, wo Piloten bei sogenannten "Touch&Go"-Anflügen kombinierte Lande- und Startmanöver üben. In der Statistik sind außerdem die Starts und Landungen von Privatjets mitinbegriffen, Frachtflüge sind also weiterhin eine Seltenheit in Parchim. Ein neuer Plan muss her, und an Plänen mangelt es Jonathan Pang bekanntlich nicht.

Tausende Chinesen auf Luxus-Shoppingtour

"Die Visionen des Eigentümers waren, wie soll ich sagen, ein bisschen ungewöhnlich", erinnert sich der Parchimer Bürgermeister Dirk Flörke. "Vor allem bei diesem Luxus-Outletcenter mussten wir erstmal schlucken und haben uns gefragt: Was hat das mit Parchim zu tun?" Gemeint ist die eingangs beschriebene Vision von Europas größtem Handelszentrum. "Wir werden den Berliner Flughafen ersetzen", zeigte sich Pang siegessicher, und auch die Parchimer ließen sich trotz aller Vorbehalte von der Vorstellung verführen: "An der Planung waren ja auch renommierte Büros beteiligt, und bei 1,4 Milliarden Chinesen ist dieser Markt in China durchaus vorhanden", sagt Flörke.

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Passend zur Gesamtsituation des Airports: Ein ausgemusterter A340 wartet auf seine Verschrottung.

(Foto: Julian Vetten)

In China mag das tatsächlich der Fall sein, nur: Tausende Chinesen, die täglich zum Luxus-Shopping nach Deutschland und zurück jetten wollen, die gibt es offensichtlich doch nicht. Aus dem geplanten Baustart des "Airport Village" Anfang 2018 wird nichts, zwischendurch müssen die 25 Flughafenmitarbeiter sogar in Kurzarbeit, weil sich auf der 3000 Meter langen Landebahn lediglich Fuchs und Hase gute Nacht sagen. Ende 2018 ist dann für 20 Mitarbeiter Schluss, im Mai 2019 meldet Pangs Flughafenbetreiberfirma Baltic Airport Management GmbH schließlich Insolvenz an.

In Parchim selbst gehen die Meinungen über das Ende der Ära Pang weit auseinander: Einige stehen heute noch eng zu dem schillernden chinesischen Investor, andere wollen einfach nur noch ihre Ruhe haben. Doch ganz so einfach ist das nicht, irgendwas muss auf dem riesigen Flughafengelände passieren, wenn es nicht einfach wieder zum Steuergrab werden soll. Und es tut sich tatsächlich etwas: "Es gibt eine Anzahl potenzieller Investoren, die unter anderem an der Fortführung des Flughafens Schwerin-Parchim sehr interessiert sind", sagt die Insolvenzverwalterin Bettina Schmudde.

Alles wieder auf Anfang

Geht also alles wieder von vorne los? Nicht, wenn es nach Bürgermeister Dirk Flörke geht, der realistische Optionen statt großer Visionen für die Zukunft des Provinzflughafens fordert: "Die Lufthansa Technik ist in den letzten Monaten und Jahren vor Ort gewesen und hat dort Flugzeuge technisch gewartet. Betriebe dieser Art könnte ich mir gut am Standort vorstellen, oder aber auch Zulieferbetriebe für die Flugzeugindustrie."

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Parchim goes Peking - als Showroom für deutsche Produkte.

(Foto: Airport Parchim)

Bevor es aber so weit ist, müssen sich die Parchimer zumindest noch einmal mit Jonathan Pang auseinandersetzen, ob sie wollen oder nicht: Nur die Betreibergesellschaft des Flughafens hat Insolvenz angemeldet, das Gelände selbst gehört immer noch Pangs LinkGlobal. Und falls der Investor einen ähnlich hohen Kaufpreis aufruft wie das Land damals bei ihm, dürfte sich nur schwer ein Nachfolger finden lassen. Da können die Parchimer eigentlich nur hoffen, dass Pang tatsächlich der Mensch ist, als der er in "Parchim International" porträtiert wird - als Turbokapitalist mit Herz. Oder dass er zumindest nicht nachtragend ist, weil er doch noch etwas aus dem Mecklenburg-Abenteuer mitnehmen konnte: Die "Parchim Mall", in der deutsche Luxusprodukte verkauft werden, gibt es mittlerweile tatsächlich. Allerdings nicht in Parchim, sondern an einem unwesentlich größeren Ort: in Peking.

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Quelle: n-tv.de

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