Politik

Spannungen verschärfen sichAngriff aus Belarus? Im ukrainischen Grenzgebiet herrscht Funkstille

21.06.2026, 11:14 Uhr
imageVon Robin Grützmacher, Wolyn
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Eine Attrappe blickt von einem ukrainischen Aussichtsposten auf belarussisches Territorium. (Foto: Robin Grützmacher)

Seit Wochen warnt der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj vor einem möglichen Angriff aus Belarus. Er fordert zudem den Abbau von Signalverstärkern im Grenzgebiet. Mindestens einer davon soll sich im Westen des Landes befinden. Kontakt zur Gegenseite haben die Grenzschützer dort schon lange nicht mehr.

Schon viele Kilometer vor der Grenze zwischen der Ukraine und Belarus, irgendwo nördlich der Stadt Luzk, stehen die ersten Barrikaden auf einer Straße. Mehrere Soldaten kontrollieren den Verkehr, der sich hier allerdings nur auf einige wenige Autos, Lkw und Busse beschränkt. Wer keine Genehmigung hat, darf nicht durchfahren. In der ukrainischen Region Wolyn (Wolhynien) ist die Front im Osten des Landes weit weg, doch trotzdem erinnert vieles an ein Kriegsgebiet.

Der letzte Kontrollpunkt auf dieser Route war mal ein Grenzübergang zwischen Belarus und der Ukraine. Doch das ist viele Jahre her. Schon Ende 2021 habe die belarussische Seite hier dichtgemacht, erklärt die Sprecherin der ukrainischen Grenzschutzabteilung Wolyn, Marharyta Werschynina, ntv.de. Begründet wurde dies vom Nachbarstaat mit Bauarbeiten, der Kontakt brach ab. Einige Monate später griffen russische Truppen von Belarus aus die Ukraine an, etwas weiter östlich.

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Marharyta Werschynina vom ukrainischen Grenzschutz Wolyn. (Foto: Robin Grützmacher)

Ein Szenario, das sich wiederholt? Die ukrainische Regierung hat dies in den vergangenen Wochen immer wieder angedeutet. Russland wolle Belarus stärker in den Angriffskrieg hineinziehen, hieß es. Minsk wiederum beschwichtigte, es gebe keine Absicht für eine Attacke.

Kürzlich warf der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj dem nördlichen Nachbarn vor, mindestens vier Signalverstärker für russische Drohnen an der Grenze aufgestellt zu haben. Er forderte von Diktator Alexander Lukaschenko deren Abbau innerhalb einer Woche - und drohte, sonst werde die Ukraine dies tun. Die Signalverstärker sollen sich in den belarussischen Regionen Gomel und Brest befinden. Sie würden dazu beitragen, Angriffe auf die ukrainischen Regionen Schytomyr, Riwne und Wolyn zu ermöglichen, hieß es.

Militärexperte Rob Lee schrieb auf der Plattform X: "Russland hat ein System zur Signalweiterleitung in den besetzten Gebieten und entlang der Grenze aufgebaut, um Dohnen ein besseres Signal zu liefern, doch die Reichweite beträgt weniger als 200 Kilometer. Sollte Belarus ein solches System zulassen, würde dies den Einsatz von 'Geran-Seeker-Drohnen' im Raum Kiew und in der Westukraine ermöglichen."

Die belarussische Region Brest und das ukrainische Wolyn haben eine etwa 200 Kilometer lange gemeinsame Grenze. In den ukrainischen Wäldern nördlich von Luzk sind große und kleine Bunkeranlagen mit Schießscharten zu sehen. Daneben schlängeln sich Schützengräben durch den Boden. In den vergangenen Jahren wurden offenbar mehrere Verteidigungslinien aufgebaut.

Schwieriges Gelände

Dass die Belarussen hier im Westen vom Boden aus angreifen, glauben die ukrainischen Grenzschützer eher nicht. Im immer wieder sumpfigen Gebiet wäre ein Vorrücken für die Truppen äußerst schwierig. Sollte es zu einer großangelegten Attacke kommen, dann vermutlich eher weiter östlich. Trotzdem bereiten sich die Ukrainer auch hier intensiv auf alle Eventualitäten vor.

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Ein gepanzertes Fahrzeug mit Anti-Drohnenkäfig fährt am Grenzstreifen entlang. (Foto: Robin Grützmacher)

"In unserem Verantwortungsbereich gab es keinerlei Aktivitäten vonseiten der belarussischen Seite. Bei uns ist alles ruhig, alles unter Kontrolle", sagt Grenzschützer Bogdan ntv.de, wenige Meter neben belarussischem Staatsgebiet. "Wir überwachen rund um die Uhr das angrenzende Gebiet. Wir beobachten ihre Aktivitäten auf ihrer Seite, was sie tun, worauf sie sich vorbereiten - oder ob sie sich überhaupt auf etwas vorbereiten."

Es gebe sumpfige, unpassierbare Stellen, die weder zu Fuß noch mit Fahrzeugen durchquert werden könnten, erzählt der Grenzschützer. Hinter Bogdan sind große Betonklötze aufgestapelt, darüber befindet sich Stacheldraht. Dieser ist laut seinem Kollegen Igor an der gesamten Grenzlinie installiert. So soll es möglichen Angreifern aus Belarus erschwert werden, über die Absperrungen zu klettern. "Er ist dazu bestimmt, den Gegner zu verletzen und ihn so lange aufzuhalten, bis die Eingreifgruppe eintrifft", sagt Igor.

Das Gebiet ist wahrscheinlich nicht durchgängig mit einer großen Anzahl Soldaten gesichert. "An der Grenze zwischen der Ukraine und Belarus haben wir derzeit keine so starke Front", sagte Präsident Selenskyj laut dem Blog Wartranslated kürzlich. Bei einem größeren Angriff müsste wahrscheinlich viel Personal verlegt werden. Doch gerade Infanteristen sind rar und werden im Osten benötigt.

Kein Kontakt zwischen beiden Seiten

Auch auf ein Vorrücken mit Panzern sind die Ukrainer vorbereitet. Parallel zur Mauer gibt es einen mehrere Meter breiten und tiefen Graben. Dahinter befinden sich sogenannte Drachenzähne. Igor verweist zudem auf den sandigen und torfigen Boden. Fahrzeuge würden darin versinken und keinen festen Halt finden. Das Gebiet soll weitreichend vermint sein.

In einem Aussichtsposten blickt eine menschliche Attrappe in ukrainischer Uniform auf das Territorium des Nachbarlandes. Belarus hat das direkte Grenzgebiet in diesem Abschnitt nicht vergleichbar befestigt. Nur ein einsamer Grenzpfahl steht hinter den Betonmauern.

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Panzergraben und Drachenzähne an der Grenze. (Foto: Robin Grützmacher)

"Wir setzen Drohnen zur Überwachung der Staatsgrenze ein", sagt Sprecherin Werschynina. "Darüber hinaus gibt es Kameras und ein System der Fernvideoüberwachung, durch das unser gesamter Abschnitt abgedeckt ist." Auch das belarussische Gebiet werde, soweit es die Kameras zulassen, beobachtet.

Kontakt zu den Belarussen haben die ukrainischen Grenzschützer schon lange nicht mehr. Seitdem diese den Abschnitt 2021 geschlossen haben, herrscht Funkstille. Der 203 Kilometer lange Grenzabschnitt der ukrainischen Region Wolyn sei mit Befestigungsanlagen ausgebaut, sagt Weschynina. "Aber wir erweitern das System sowohl entlang der Staatsgrenze als auch in der näheren Umgebung kontinuierlich."

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Soldaten an einer Barriere aus Stacheldraht. (Foto: Robin Grützmacher)

Nach wie vor kommen russische Drohnen aus Belarus

In der Nähe der Befestigungsanlagen, die in diesem Abschnitt besichtigt werden können, leben keine Menschen. Aber ein Stück weiter hinter der Grenze gibt es ein Dorf mit mehreren Häusern. Eine ältere Frau sitzt dort auf einer Bank an einer Straße und hat keine direkte Sorge vor einem Angriff der Belarussen. Sie habe gerade ihre Saat ausgebracht und hoffe, dass alles gut werde, sagt sie ntv.de.

Eine weitere Einwohnerin namens Nadiia erzählt vor einem kleinen Lebensmittelgeschäft, der Krieg insgesamt mache sie nervös und ängstlich. Bei tieffliegenden Hubschraubern würde sie anfangen, zu zittern. Sie denke viel an ihre Enkelkinder, die dienen würden.

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Diese Frau hat ihr Haus im Grenzgebiet. (Foto: Robin Grützmacher)

Belarus ist einer der größten Unterstützer Russlands im Angriffskrieg gegen die Ukraine. Dass Staatschef Lukaschenko in einem Interview des Fernsehsenders Al Arabija zuletzt mäßigere Töne anschlug, findet daher nur wenig Beachtung. Letztlich dürfte er unter großem Druck aus dem Kreml stehen.

Der Diktator hatte gesagt, ein militärischer Sieg sei für beide Seiten unrealistisch. Die Ukraine habe vor seinem Land nichts zu befürchten. Eine absurde Behauptung, denn nach wie vor fliegen russische Drohnen aus dem Luftraum von Belarus in die Ukraine. 2022 nutzten die Kreml-Streitkräfte belarussisches Territorium als Aufmarschgebiet für ihre Invasion.

Die Ukraine hat laut der Plattform Kyiv Independent vor einigen Tagen angekündigt, für den Norden des Landes neue Drohneneinheiten aufzustellen und sich auf potenzielle Entwicklungen auf dem Schlachtfeld vorzubereiten. Wo genau diese Einheiten entlang der über 1000 Kilometer langen Grenze stationiert werden sollen, wurde nicht gesagt. Lukaschenko hatte die ukrainischen Truppen in dem Gebiet Ende Mai als "Kanonenfutter" bezeichnet.

(Übersetzungen von Oleksij Obolenskyj)

Quelle: ntv.de

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