Politik

Zwischen Skylla und Charybdis Ärzte in Italien fordern drastischen Lockdown

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Weil die Kliniken überlastet sind, werden Corona-Tests in Neapel mittlerweile auch in einer Kirche durchgeführt.

(Foto: REUTERS)

Hunderte Menschen sterben täglich in Italien an den Folgen einer Corona-Infektion. Die Regierung in Rom will einen Lockdown vermeiden, die Regionalregierungen verkünden Zahlen über freie Intensivbetten, die faktisch nicht stimmen.

Die Regierung in Rom steht unter enormem Druck. Wie einst Odysseus zwischen Skylla und Charybdis muss sie das Regierungsschiff heil durch Pandemie und Wirtschaftskrise bringen. Auf der einen Seite stehen die Unternehmen, die sich vehement gegen den Lockdown stemmen, auf der anderen Ärzteschaft und Pflegepersonal, die einhellig einen kompletten Lockdown verlangen. Die einen sehen den Bankrott auf sich zukommen, die anderen Zehntausende Tote.

Im Grunde genommen geht es um eine ganz banale Frage: Wie viele Covid-19-Tote pro Tag erträgt die Regierung in Rom politisch und wie lange noch? Längst sterben in Italien an den Folgen der Sars-CoV-2-Erkrankungen mehr Menschen als an jeder anderen Todesursache. Am Mittwoch waren es mehr als 750.

Trotzdem versucht sich der nationale Corona-Kommissar Domenico Arcuri in Beschwichtigungen. Er sieht die Welle abflachen, Licht am Ende des Tunnels. Insgesamt sei die Lage noch im grünen Bereich: "Unser Gesundheitssystem ist nicht unter Druck."

Glaubt man der regierungsoffiziellen Statistik, gibt es zum Beispiel in der Region Kampanien, deren Hauptstadt Neapel ist, noch gut 505 freie Intensivbetten. Angesichts von 200 belegten Betten (Stand Dienstag) wäre das eine schöne Reserve.

Die Küstenwache sucht nach Sauerstoffflaschen

Doch an den regierungsoffiziellen Daten darf gezweifelt werden. Denen widerspricht sogar die staatliche Agentur der regionalen Gesundheitsbehörden, Agenas. Die stellte am 17. November fest: In 17 der 21 Regionen Italiens ist der kritische Grenzwert einer Belegungsquote von 30 Prozent der Intensivbetten überschritten. Im Schnitt seien, so schreibt die Behörde, 41 Prozent aller Intensivbetten mit kritischen Fällen der Sars-CoV-2-Patienten belegt. Wenn alle Intensivtherapie-Plätze an Corona-Patienten gingen, bliebe für Infarkt, Unfall- oder Krebspatienten kein Platz mehr: Deswegen gibt es die Grenzwerte.

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Am schlimmsten sieht es wieder einmal in Norditalien aus: In der Lombardei sind es Agenas zufolge 64 Prozent, im Piemont 61 Prozent, in der Provinz Bozen 57 Prozent.

Doch die Zahlen sind offenbar mehr als geschönt. Ein Hinweis darauf kommt aus Neapel. Dort klopft die Küstenwache gerade bei den Tauchschulen der Region an, um sie zu bitten, Sauerstoffflaschen zur Verfügung zu stellen - obwohl es angeblich keine Versorgungsprobleme gibt. Dass sogar in Apotheken von Neapel die Sauerstoffflaschen knapp geworden sind, wurde durch den Fall eines 80-jährigen, nach Atem ringenden Patienten bekannt, der erst nach dem Einsatz der Carabinieri einen Platz im Krankenhaus von Pozzuoli zugewiesen bekommen hatte.

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Giosuè Di Maro ist Sprecher der Gewerkschaft des Gesundheitspersonals (CGIL-Funzione Pubblica Sanità).

(Foto: Udo Gümpel)

Wie nah das Gesundheitswesen von Kampanien am Kollaps steht, erfährt man von denjenigen, die in den Krankenhäusern um das Leben ihrer Patienten kämpfen. Giosuè Di Maro, Sprecher der Pfleger-Gewerkschaft, sagt: "Die von der Regierung in Rom und der Regionalregierung genannte Anzahl angeblich noch freier Intensivbetten hier in Kampanien ist ein Fake. Es mag die Betten ja als Gestelle geben, aber ein Intensivbett ohne Ärzte und Pfleger ist kein Intensivbett, sondern nur eine Zahl auf dem Papier."

Ein Video, das einen mutmaßlichen Corona-Patienten zeigt, der im Bad der Notaufnahme des Cardarelli-Krankenhauses in Neapel tot zusammengebrochen war, hatte weltweit für Aufsehen gesorgt. "Ich kann Ihnen gerne erklären, wie es zu solchen Situationen jetzt kommt", sagt Di Maro. "Als der Mann dort auf den Boden fiel, befanden sich gerade 150 Menschen in der Notaufnahme, viele in schwerer Atemnot. Für sie alle waren vier Notärzte und zwölf Pfleger und Krankenschwestern zuständig - in einer Notaufnahme, die eigentlich nicht mehr als 40 Patienten gleichzeitig aufnehmen kann."

"Aktivierbare Intensivbetten"

Wie kommen Regierung und Region dann auf 500 freie Intensivbetten? "Diese Zahl zu lesen, hat auch uns überrascht", so der Gewerkschafter. Offenbar hat die Regionalregierung getrickst. Sie spricht von "aktivierbaren" oder "planbaren" Intensivbetten. Tatsächlich vorhanden sind jedoch viel weniger. "Denn die sogenannten aktivierbaren Betten kann man nicht in Funktion nehmen, weil es an Personal fehlt. Für sie es gibt keine Pfleger, Anästhesisten oder Krankenschwestern."

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Maurizio Di Mauro ist Direktor der Klinik-Gruppe "Ospedali die Colli".

(Foto: Udo Gümpel)

Ähnliches berichtet Maurizio Di Mauro, der die drei Krankenhäuser der Gruppe "Ospedali dei Colli" in Neapel leitet. "Unsere drei Krankenhäuser sind voll belegt. Das ist das Problem. Jeden Tag aber kommen ungefähr 100 Personen mit Covid-19-Symptomen in die Notaufnahme, die behandelt werden müssen. Wir versuchen dann das Menschenmögliche, um diesen Patienten zu helfen. Wer noch zu Hause behandelt werden kann, wird nach Hause geschickt, die anderen versuchen wir bei uns unterzubringen, weil gesundete Patienten entlassen werden können." Werden auch Betten frei, weil Patienten sterben? "Auch das kommt vor, ja, leider."

Wenn es keine freien Betten gibt, versuche die Klinik-Gruppe, die Patienten in Krankenhäusern außerhalb von Neapel unterzubringen, sagt Di Mauro. "Es gibt aber noch ein weiteres Problem. Dadurch, dass wir alle Krankenstationen auf Covid-19 umfunktioniert haben, können wir die geplanten Eingriffe, die eine OP und danach eine Versorgung auf einer Intensiv- oder Subintensivstation benötigen würden, nicht mehr durchführen. Diese Überlastung schädigt also auch die Gesundheit aller Patienten, die nun Wochen auf ihre nicht absolut dringlichen Eingriffe warten müssen. Wir können andere Patienten nur noch bei absoluten Notfällen aufnehmen."

Die Situation an einem weiteren Krankenhaus in Neapel, der Universitätsklinik Federico II, benannt nach dem mittelalterlichen Kaiser Friedrich II., ist keineswegs besser. "Wir haben keine Betten mehr frei", sagt Ivan Gentile, Direktor der Infektiologie. "Kaum wird ein Intensivbett frei, muss ich es wieder neu belegen, schlimmer noch: wir haben Wartelisten für die Plätze."

Der Höhepunkt der zweiten Welle kommt erst noch

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Ivan Gentile leitet die Infektiologie der Universitätsklinik Federico II. in Neapel.

(Foto: Udo Gümpel)

"Die erste Welle hat uns im Süden ja nur am Rande gestreift", berichtet Gentile. Zudem habe der schnelle Lockdown im Frühjahr eine Katastrophe verhindert. "Im Juni hatten wir tagelang überhaupt keine neuen Infektionen mehr. Jetzt sind es mehrere tausend pro Tag." Die Fallzahlen seien explodiert. "Es gibt keine Möglichkeit mehr, die einzelnen Infektionsketten nachzuverfolgen." Die Mehrzahl der Infizierten sei asymptomatisch, diese finde man nur mit Tests. "Was uns heute beunruhigt, ist, dass wir nun auch eine erhebliche Anzahl von Personen haben, die Symptome zeigen, die wirklich krank, zum Teil schwer krank geworden sind." Rein prozentual seien das nicht viele, "aber wenn die Gesamtanzahl der Infizierten sehr groß ist, sind auch wenige Prozent eine enorme Zahl von Einzelfällen", so Gentile.

Um der Pandemie Herr zu werden, sieht der Infektiologie-Professor keine andere Lösung als einen drastischen Lockdown. "Die Patienten, die heute bei uns auf der Intensivstation liegen, haben sich vor zwei, drei Wochen angesteckt. Wir rechnen also damit, dass der Höhepunkt der Infektionswelle, damit auch der Patienten in den Intensivstationen und in den Krankenhäusern ganz allgemein, erst Ende November erreicht sein dürfte - wenn wir jetzt die Anzahl der Kontakte so weit wie möglich herunterfahren."

Von der Idee einer Herdenimmunität hält Gentile nichts. "Ich halte das für eine gefährliche Idee. Stellen Sie sich vor, jeder sechste Italiener, zehn Millionen Menschen, würden sich anstecken. Dann würde das nach unserer jetzigen Erfahrung einige hunderttausend kranke Patienten in den Krankenhäusern bedeuten und mehrere zehntausend Schwerkranke auf den Intensivstationen: Für so viele Menschen gibt es weder Bettplätze noch Ärzte, Pfleger oder Krankenschwestern. Das wäre eine Katastrophe. Wir können jetzt nur eines versuchen: die Kurve abzuflachen, damit unser Gesundheitssystem nicht zusammenbricht." Das allerdings würde bedeuten, dass die Regierung in Rom sich zwischen Skylla und Charybdis entscheidet.

Quelle: ntv.de