Politik

"Ein Bein, das ist nichts" Verletzter Asow-Kämpfer will zurück in den Krieg

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Mehrfache Fraktur, Schrapnell-Wunden: Ein ukrainischer Soldat im Militärkrankenhaus Dnipro hat noch Glück gehabt.

(Foto: IMAGO/ZUMA Wire)

Tausende ukrainische Soldaten sind seit dem russischen Überfall verstümmelt worden. Für viele von ihnen gibt es in den Militärkrankenhäusern nur ein Ziel: zurück an die Front. Ein toter Kamerad sei schlimmer als ein verlorenes Bein, meint Asow-Kämpfer "Skorpion". Er wartet dringend auf eine Prothese.

Dawiti sitzt auf einem Bett in einer kleinen orthopädischen Klinik in Kiew. Aufmerksam hört er den Ärzten zu, die ihm die verschiedenen Prothesen erklären, mit denen er sein linkes Bein ersetzen könnte. Es wurde dem ukrainischen Soldaten während der Kämpfe um die Hafenstadt Mariupol abgerissen. Dawiti, dessen Kampfname "Skorpion" lautet, kann es kaum erwarten, sein neues Bein zu erhalten - denn er will zurück an die Front.

So wie Dawiti geht es zahllosen ukrainischen Soldaten, die seit Beginn des russischen Angriffskrieges verstümmelt wurden und jetzt ungeduldig auf einen künstlichen Fuß oder Arm warten. Genaue Zahlen sind nicht verfügbar, der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sprach Mitte April von 10.000 verwundeten Soldaten. Die Vereinten Nationen zählten zudem mehr als 4600 verletzte Zivilisten.

Der gebürtige Georgier Dawiti Suleimanischwili gehört zum Asow-Regiment und war im südukrainischen Mariupol stationiert. Russische Truppen hatten die Stadt drei Monate lang nahezu täglich bombardiert, bis sie sie schließlich vergangene Woche vollständig eroberten. Der 43-jährige Unteroffizier stand bei den Kämpfen in vorderster Reihe und wurde am 20. März schwer verwundet, als ein russischer Panzer aus etwa 900 Metern Entfernung in seine Richtung feuerte.

"Viele Kerle mit Prothesen an der Front"

Er sei "vier Meter weit durch die Luft geschleudert" worden, eine Mauer sei auf ihn herabgestürzt, erinnert sich Dawiti. "Als ich aufstehen wollte, konnte ich mein Bein nicht mehr spüren, meine Hand war ramponiert und mir fehlte ein Finger." Seine Kameraden trugen "Skorpion" ins Innere des Stahlwerks Asowstahl. Dort wurde ihm das Bein in einer Notoperation unterhalb des Knies amputiert. Später flog ihn ein Helikopter zu einem Krankenhaus ins zentralukrainische Dnipro.

Zwei Monate später kann Dawiti wieder aufrecht stehen, wenn auch nur auf Krücken. Die möchte er mithilfe einer von der ukrainischen Regierung finanzierten Prothese schnell wieder loswerden. "Je früher, desto besser, denn ich möchte wieder in den Kampf", sagt er. Er sei "sehr viel trauriger" um seine gefallenen Kameraden als um sein verlorenes Körperteil, versichert er. "Ein Bein, das ist nichts: Wir sind im 21. Jahrhundert und es gibt sehr gute Prothesen", fügt er hinzu. "Ich kenne viele Kerle, die mit so etwas an der Front sind."

90 Prozent der amputierten Soldaten wollen wieder kämpfen

Die Kiewer Klinik erwartet künftig immer mehr versehrte Soldaten, ganz zu schweigen von Zivilisten. Um Amputierte behandeln zu können, sind Einrichtungen nötig, die unter anderem mit Gips, Thermoplastik, Öfen und Schleifmaschinen ausgestattet sind. Die Zahl solcher Kliniken in der Ukraine ist begrenzt, die Lieferketten sind nicht zuverlässig. Nach Angaben des Chefarztes Oleksander Stesenko produziert seine Kiewer Klinik etwa 300 Prothesen pro Jahr. Eine höhere Stückzahl sei schwer zu realisieren, weil jede Prothese individuell auf die Bedürfnisse der Patienten zugeschnitten werden müsse.

Dawiti ist Artillerist. Seine Prothese wird 15 Kilogramm schwer sein, damit sein Bein der Belastung standhalten kann. "Ich brauche eine Prothese, die mich alle Manöver machen lässt", beharrt er. In einer Woche bekommt der 43-Jährige eine vorläufige Prothese, mit der er das Laufen trainieren kann. Wann seine endgültige Prothese fertig sein wird, kann niemand sagen. Der Arzt Waleri Nebesny versichert: "Zwei oder drei Wochen später kann er rennen." Nach seinen Schätzungen wollen 90 Prozent der amputierten Soldaten ebenso wie der Unteroffizier Skorpion so schnell wie möglich wieder kämpfen.

(Dieser Artikel wurde am Mittwoch, 01. Juni 2022 erstmals veröffentlicht.)

Quelle: ntv.de, Charlotte Plantive, AFP

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