Politik

"Kritischer als 2015" Athen rechnet mit neuen 100.000 Flüchtlingen

Immer mehr Migranten setzten aus der Türkei zu den griechischen Inseln in der Ägäis über. Die Aufnahmelager dort sind total überfüllt. Griechenlands Regierung sieht sich auch im kommenden Jahr mit einer schwierigen Situation konfrontiert und spricht von einer Krise.

Die Regierung in Athen rechnet damit, dass im kommenden Jahr rund 100.000 Flüchtlinge aus der Türkei auf die griechischen Inseln kommen werden. "Wir haben in den vergangenen sechs Monaten 45.000 neue Migranten aufgenommen. Das heißt, dass wir 2020 mit rund 100.000 neu ankommenden Flüchtlingen konfrontiert sein werden", sagte Manos Logothetis, der Beauftrage der griechischen Regierung für die Erstaufnahme von Flüchtlingen, den Zeitungen der Funke Mediengruppe.

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Migranten laufen bei Regen durch ein Camp auf der Insel Lesbos.

(Foto: REUTERS)

"Allein in diesem Jahr registrierten wir auf den griechischen Inseln 65.000 neu ankommende Flüchtlinge aus der Türkei. 25.000 kommen aus Afghanistan, 12.000 bis 15.000 aus Syrien und Irak." Die Krise sei aktuell und sie sei gravierend, warnte Logothetis. "Aus unserer Perspektive ist die aktuelle Krise deutlich kritischer als 2015, da die Flüchtlinge nicht weiterziehen in andere EU-Staaten. Sie bleiben auf den Inseln."

Logothetis kündigte an, dass seine Regierung im kommenden Jahr 10.000 Asylsuchende von den griechischen Inseln in Richtung Türkei abschieben wolle. "Wir haben bereits 200 neue Asyl-Entscheider eingestellt, und wir werden weitere 270 einstellen", erklärte er. Gleichzeitig werde man neue Erstaufnahmelager auf fünf Inseln bauen, "die die größte Last der Migrationsbewegung tragen werden".

Binnen eines Tagen setzen Hunderte über

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Die Flüchtlinge leben in Zelten oder Containern.

(Foto: REUTERS)

Der Andrang dauert an: Binnen eines Tages griff die griechische Küstenwache 136 Migranten in der Ägäis auf, die aus der Türkei gekommen waren. Weiteren 338 Menschen - ebenfalls aus der Türkei - gelang es per Boot, griechischen Boden zu erreichen, meldete der staatliche Fernsehsender ERT unter Berufung auf die Küstenwache.

Die Lage in den völlig überfüllten Registrierlagern auf den Inseln der Ägäis gerät zunehmend außer Kontrolle. In und um das Lager "Moria" auf der Insel Lesbos leben mehr als 18.000 Menschen, bei einer Aufnahmekapazität von rund 2850. Nach jüngsten Angaben des zuständigen Ministeriums in Athen harren in den Lagern der Inseln insgesamt mehr als 41.000 Menschen aus. Das ist die höchste Zahl seit Inkrafttreten des EU-Türkei Flüchtlingspaktes im März 2016. Noch im April lebten auf den betroffenen Inseln nur 14.000 Migranten.

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Deutschland schickt weniger Beamte zur Hilfe

Trotz der angespannten Lage habe Deutschland in diesem Jahr deutlich weniger Beamte zur Unterstützung der griechischen Asylbehörden geschickt, berichtet die Funke Mediengruppe und beruft sich auf die EU-Asylbehörde EASO. Demnach entsandte der Bund 2019 insgesamt 80 Asylexperten unter anderem vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) auf die griechischen Inseln, um bei der Registrierung der dortigen Flüchtlinge zu unterstützen. 2018 waren es laut EASO allerdings noch 124 Beamte aus Deutschland, 2017 sogar 130.

Auch zur EU-Grenzschutzagentur Frontex hat die Bundesregierung in diesem Jahr deutlich weniger Polizeibeamte zur Hilfe aus Deutschland auf die griechischen Inseln geschickt. Nach Angaben von Frontex waren bis September insgesamt 184 Grenzbeamte im Einsatz der Frontex-Mission "Poseidon Sea". 2018 waren es demnach insgesamt noch 413 Beamte aus Deutschland, 2017 sogar 425.

Die "Entsendungsmöglichkeiten" würden unter anderem von "internen dienstlichen Verpflichtungen" abhängen, erklärte das Bundesinnenministerium gegenüber der Funke Mediengruppe. Zudem seien "zahlreiche administrative, logistische und weitere bilaterale Unterstützungsmaßnahmen etwa in Form von Sachleistungen" der griechischen Seite bereits zur Verfügung gestellt oder angeboten worden. Demnach sind in vergangenen Tagen 55 Lastwagen aus Deutschland mit Hilfsgütern im Wert von 1,56 Millionen Euro in Athen eingetroffen. Dazu gehörten Stockbetten, Matratzen, warme Decken und Kissen.

Quelle: ntv.de, hul/dpa