Politik

Kadyrow hat keine Lust auf OpferAusgerechnet Putins "Bluthund" hält seine Männer vom Ukraine-Krieg ab

23.08.2026, 11:20 Uhr
imageVon Kevin Schulte
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Ramsan Kadyrow, Präsident der russischen Teilrepublik Tschetschenien. (Foto: IMAGO/SNA)

Ramsan Kadyrow prahlt öffentlich damit, wie viele Männer er Putins Truppen in der Ukraine zuführt. In Wahrheit sind die "Tiktok-Soldaten" des tschetschenischen Herrschers auf dem Schlachtfeld kaum zu sehen. Der Kremlchef segnet die Scharade ab: Ruhe und Stabilität in der Heimat sind wichtiger.

In Tschetschenien leben Totgesagte länger: Ramsan Kadyrow regiert noch immer in der russischen Teilrepublik. Und das, obwohl er in den vergangenen Jahren mindestens sechsmal seinen Rücktritt angekündigt hat - und obwohl ihm immer wieder nachgesagt wird, schwer krank zu sein. Doch plötzlich ist davon nichts mehr zu hören. Im Gegenteil. Kadyrow macht das, was er am besten kann: Kremlchef Wladimir Putin umschmeicheln, Tschetschenien mit harter Hand regieren und allen Gegnern von Russland mit Gewalt drohen.

"Wir sind bereit, in jede vom Oberbefehlshaber vorgegebene Richtung vorzustoßen. Unsere Spezialeinheiten brennen buchstäblich vor Verlangen, hochkomplexe Befehle auszuführen", prahlt Kadyrow Mitte Juli und präsentiert stolz eine scheinbar unfassbare Zahl: Tschetschenien habe über 70.000 Kämpfer in den Krieg in die Ukraine geschickt. Das wären neun Prozent der gesamten männlichen Bevölkerung.

Die Botschaft ist klar: Tschetschenien steht voll und ganz hinter dem inzwischen über vierjährigen Ukraine-Feldzug von Wladimir Putin.

Blöd für Kadyrow: Die Zahl hat offensichtlich nichts mit der Realität zu tun. Die russische Exilnachrichtenseite Mediazona wertet seit Kriegsbeginn aus, woher die gefallenen russischen Soldaten kommen. Demnach liegt die Zahl der getöteten Tschechtschenen bei 543 - Stand Mitte August. Das entspricht 0,2 Prozent aller russischen Gefallenen. Insgesamt machen die Tschetschenen dagegen 1,1 Prozent der russischen Bevölkerung aus.

Die Statistik zeigt: In Wahrheit versucht Kadyrow seine Männer vom Krieg wegzuhalten. "Der Chef versteht die Situation genau", zitiert der "Economist" eine Person aus dem engsten Umfeld der tschetschenischen Führung. Kadyrow habe "keine Lust, sein Volk zugunsten Russlands zu opfern".

Zwei Tschetschenien-Kriege, danach blutige Ruhe

Tschetschenien hat eine bewegte Geschichte. Nach dem Zerfall der Sowjetunion rief die Republik 1991 ihre Unabhängigkeit aus. Russland wehrte sich dagegen und unterstützte deshalb zunächst die Gegner der damaligen Regionalregierung in Tschetschenien, bevor Moskau 1994 offiziell den Tschetschenien-Krieg startete, um das Land zu unterwerfen. Nach blutigen Kämpfen mit vielen Opfern wurde 1997 ein gemeinsamer Friedensvertrag unterzeichnet. Der Konflikt blieb jedoch auch danach ungelöst, weil der politische Status von Tschetschenien mit der Unterzeichnung nicht geklärt wurde.

1999 hat Russland Tschetschenien erneut den Krieg erklärt. Der Kreml hatte der tschetschenischen Seite zuvor Anschläge auf Wohnhäuser in Russland zugeschrieben. Putins Armee gewann den Feldzug - der Kreml installierte eine Moskau-freundliche Regierung, mit Ramsans Vater Achmat Kadyrow an der Spitze. Dieser wurde 2004 bei einem Anschlag getötet. 

Seit 2007 regiert Sohn Ramsan Kadyrow die Region im Nordkaukasus.

Ramsan Kadyrow? Der Mann für das Grobe

Die Präsidentschaft ist geprägt von Menschenrechtsverletzungen. Gewalt und politische Morde sind an der Tagesordnung. Dem Kreml ist das egal - hauptsache, in Tschetschenien muckt niemand auf. Kadyrow ist Putins "Bluthund", der Mann für das Grobe in der islamischen Teilrepublik. Hinter ihm steht seine brutale Privatarmee, die "Kadyrowzy", die nicht in die normale militärische Kommandostruktur Russlands eingegliedert ist. Die Miliz ist "mit Putins Zustimmung zur wichtigsten Sicherheitskraft der Republik" geworden, schreibt die US-Denkfabrik New Lines.

Vor zwei Jahren hat Putin dem kleinen Tschetschenien sogar eine besondere Ehre erwiesen. Zum ersten Mal nach 13 Jahren besuchte der Kremlchef die Kaukausrepublik zwischen Georgien und Dagestan, einer anderen russischen Teilrepublik. Kadyrow präsentierte Putin dabei stolz ein neues in Bau befindliches Stadtviertel. Ein Jahr später wurde der erste Teil feierlich eröffnet. Der Name des Neubauprojekts: Putinsky.

Es ist ein weiteres Zeichen der bedingungslosen Loyalität Richtung Kreml. Das Geld dafür bekommt Kadyrow aus Moskau. Damit hält er die Teilrepublik über Wasser. Im Gegenzug hat Putin seit etwa zwei Jahrzehnten ein ruhiges Tschetschenien. Der Großteil der gut 1,5 Millionen Einwohner lebt in Armut, der Kadyrow-Clan in Saus und Braus. Der 49-Jährige ist mächtiger als alle anderen russischen Regionalfürsten - und kann seine Leute daher vor den russischen Zwangsrekrutierungen für den Ukraine-Krieg verstecken und schützen .

Tschetschenisches Trauma nach zwei Kriegen

Dass die "Kadyrowzy" anders als andere Regionen nicht bereit sind, für Russland Opfer zu bringen, oder vielleicht sogar einfach zu feige für den Krieg sind, darf aber niemand erfahren: Deshalb muss Kadyrow sie öffentlich als die stärksten Kämpfer von allen darstellen. In Wahrheit kann er es sich auch nicht erlauben, seine Männer in Massen in die Ukraine zu schicken.

Denn wenn die tschetschenischen Männer an der Front kämpfen, anstatt Ordnung in der tschetschenischen Hauptstadt Grosny und Umgebung aufrechtzuerhalten, ist die Stabilität des Kadyrow-Regimes gefährdet. Hohe Opferzahlen könnten die Stimmung kippen lassen.

Das Trauma zweier Kriege in jüngerer Vergangenheit wiegt dabei besonders schwer. "Tschetschenen, die älter sind als 35, erinnern sich an die Bombardierungen und Säuberungsaktionen nach dem Vorbild von Butscha", analysiert der "Economist" - und bezieht sich auf Kriegsverbrechen, die Russen in Tschetschenien begangen haben.

Über das tschetschenische Trauma weiß auch Putin Bescheid. Deshalb lässt er Kadyrow gewähren, ihn gefälschte Rekrutierungszahlen vortragen und dessen Männer nicht unnötig die Hände schmutzig machen. Solange Russland in der Ukraine gebunden ist, darf in Tschetschenien erst recht kein neuer Brandherd aufflammen.

Die wenigen Tschetschenen, die trotz allem in den Krieg ziehen, "haben die Anweisung bekommen, es nicht zu übertreiben und auf sich selbst aufzupassen", zitiert der "Economist" einen Insider aus dem Machtapparat in Grosny. In Todesgefahr begeben sie sich aber eher nicht: Russische Militärblogger machen sich über die tschetschenischen Soldaten lustig, bezeichnen sie als "Tiktok-Truppen", weil sie mehr für martialische Auftritte in Social Media als für ihre Präsenz an gefährlichen Frontabschnitten bekannt sind.

Das dürfte insgeheim ganz im Sinne von Ramsan Kadyrow sein. Er braucht seine Kämpfer schließlich für den eigenen alltäglichen innenpolitischen Überlebenskampf in Tschetschenien.

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Redaktion: Caroline Amme, Christian Herrmann, Kevin Schulte

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Quelle: ntv.de

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