Zwischen Kroatien und SerbienAustralier gründet Zwergstaat auf dem Balkan

An der kroatisch-serbischen Grenze ruft ein 21-jähriger Australier vor drei Jahren einen neuen Staat aus. Im Exil treibt Daniel Jackson seinen Traum vom eigenen neutralen Land voran - ohne Aussicht auf Erfolg, aber schon mit 400 Staatsbürgern.
Ein kleiner Landstrich an der Donau, direkt an der kroatisch-serbischen Grenze, so groß wie ungefähr 75 Fußballfelder, mit einem selbsternannten Präsidenten aus Australien, der aus dem Exil sein eigenes Land "regiert": Das ist die Slobodna Republika Verdis, die Freie Republik Verdis.
Daniel Jackson hat die Mikronation 2023 ausgerufen. Er ist ein gebürtiger Australier, lebt aber mittlerweile in Großbritannien. Schon mit 14 Jahren hatte er die Idee, einen eigenen Zwergstaat zu gründen. Vier Jahre später hat er seinen Traum wahr gemacht. Zusammen mit Freunden hat er nach herrenlosem Land gesucht, das niemand beansprucht. Sie haben dann einen winzigen Zipfel Land an der Donau zwischen Serbien und Kroatien gefunden.
Ziel von Jackson und seinen Mitstreitern war es, einen neutralen Staat zu gründen, "als Knotenpunkt für NGOs und Zwischenhändler anderer Länder", sagte Jackson im Interview bei NBC News. Involviert gewesen seien Menschen, die humanitäre Hilfe für die Ukraine geleistet haben. "Wir wollten dann etwas machen, das größer ist, als einfach nur ein Land zu unterstützen."
Dauerhaftes Einreiseverbot für "Staatspräsident"
2023 riefen Jackson und seine Unterstützer am Donau-Ufer die Freie Republik Verdis aus. Sie hissten die blau-weiß-blaue Fahne, die an die Flagge Argentiniens erinnert; nur ohne die Sonne in der Mitte. Die Gründer haben sich von der Flagge der kroatischen Stadt Vukovar in der Nähe inspirieren lassen, erklärte Jackson im Interview mit dem Nachrichtenportal Euractiv. "Das Blau unten steht für die Donau, das Weiß in der Mitte für Frieden, Einheit und Modernisierung, und das Blau oben für den klaren Himmel."
Auch ein Staatswappen gibt es: Der Weißstorch ist ein in der Region heimischer Vogel und steht für Widerstandsfähigkeit und Frieden, erklärt der "Staatsgründer". Die Eiche symbolisiere Stärke und Einheit, die Wellenlinien stünden für die Donau.
Die Idee der Utopisten-Gruppe klingt romantisch, lässt sich aber nicht umsetzen. Das haben er und seine Mitstreiter schnell erfahren müssen. Kurz nach der "Staatsgründung" fingen sie an, eine Siedlung zu bauen. Nach wenigen Tagen schickte die kroatische Regierung Polizisten in das Gebiet. "Sie haben uns alle festgenommen und nach Kroatien gebracht. Die meisten Siedler haben ein dreimonatiges Einreiseverbot bekommen, mir wurde ein dauerhaftes Einreiseverbot für Kroatien erteilt. Aber sie konnten uns keinen Grund nennen", erzählt Jackson bei NBC News.
Die Siedlergruppe dachte, sie hätte Niemandsland gefunden, das sie für sich beanspruchen kann. Doch in Wahrheit gibt es keinen Ort auf der Welt, der zu keinem offiziellen Staat gehört. Auch Verdis war kein weißer Flecken auf der Landkarte, bevor die Jackson-Gruppe ihre eigene Mini-Republik ausgerufen hat. Völkerrechtlich gehört Verdis zu Kroatien.
Komplizierte Situation an der Grenze
Warum marschiert Kroatien dann nicht mit ein paar Soldaten ein und holt sich das unrechtmäßig okkupierte Stück Land zurück? Weil das wegen des umstrittenen Grenzverlaufs zwischen Kroatien und Serbien nicht so einfach ist. Beide Länder gehörten bis in die 1990er-Jahre zum Vielvölkerstaat Jugoslawien.
Insgesamt ist die serbisch-kroatische Grenze 217 Kilometer lang, 137 Kilometer verlaufen durch die Donau. Und genau da wird es kompliziert. Beide Länder sind sich nicht einig, wo genau die Grenze verläuft. Deshalb bleiben kleine Gebiete übrig, die weder Kroatien noch Serbien vollständig für sich beanspruchen.
Aber die Tatsache, dass eine exakte Grenzziehung noch aussteht, macht Verdis nicht zum Niemandsland, so das kroatische Innenministerium gegenüber Euractiv. Verdis sei "kein herrenloses Gebiet, sondern Teil eines ungelösten Grenzstreits und stehe daher nicht zur Besetzung offen". Einfacher ausgedrückt: Man kann nicht einfach nach Verdis kommen und einen Staat ausrufen, wie es Daniel Jackson und seine Freunde gemacht haben.
Serbien sieht das offenbar nicht so eng. Belgrad habe nie ein Problem mit Verdis gehabt, sagt der Australier. "Die Situation interessiert Serbien nicht". Von serbischer Seite aus kommt Jackson trotzdem nicht besser in seinen eigenen Staat - auch dort sei er von kroatischen Behörden verjagt worden.
"Niemandsland"? Gibt es im Völkerrecht nicht
Dass Verdis eines Tages zu einem offiziellen Staat wird, ist realistisch betrachtet ausgeschlossen. Ein souveränes Land braucht ein Staatsterritorium, ein Staatsvolk und Staatsgewalt. Und es muss von anderen Staaten anerkannt werden. Das Konzept "Niemandsland" existiert im Völkerrecht nicht.
Daniel Jackson gibt seinen Traum trotzdem nicht auf. Der 21-Jährige "regiert" seinen "Staat" aus Großbritannien heraus. Mittlerweile haben 400 Menschen die verdische Staatsbürgerschaft. Wer Staatsbürger von Verdis werden möchte, kann sich online registrieren. Bewerber müssen ein einwandfreies Führungszeugnis vorlegen, einen Eignungstest bestehen und eine der drei Amtssprachen beherrschen: Englisch, kroatisch oder serbisch.
Im Moment stehe die internationale Anerkennung im Vordergrund, so Jackson in einem Interview beim israelischen Fernsehsender i24 News. Die Republik Verdis habe vor Kurzem Niederlassungen in Serbien und Großbritannien eröffnet. Zudem arbeite man daran, Menschen die Möglichkeit zu geben, ihr Unternehmen digital in Verdis anzusiedeln. "Die Bürger profitieren bereits von vielen Vorteilen, aber es braucht Zeit", sagt Jackson und hofft, dass die verdischen "Staatsbürger" geduldig mit ihrer Staatsspitze sind.
Schon der zweite Zwergstaat auf dem Balkan
Aktuell wird Verdis von einer Übergangsregierung mit "Präsident" Daniel Jackson an der Spitze geführt. Ihre nächsten Schritte sind: die Verfassung ausarbeiten, darüber abstimmen lassen, Wahlen abhalten und "sehr bald" eine Vertretung in der EU eröffnen. Verdis will zum zweitkleinsten Land der Erde werden - nach dem Vatikan.
Ein prominentes Vorbild auf dem Balkan gibt es übrigens schon: 2015 rief der tschechische rechtslibertäre Politiker und Aktivist Vit Jedlicka ebenfalls an der Donau seinen eigenen Staat aus: Liberland. 14-mal größer als Verdis. Auch Jedlicka machte sich den andauernden kroatisch-serbischen Grenzstreit zunutze. Kroatien war mit ihm aber auch nicht zimperlich, erteilte ihm eine Einreisesperre. Kroatien lässt niemanden in das Gebiet rein.
Jedlickas Scheinstaat ist bisher international nicht anerkannt worden. Ein Schicksal, das höchstwahrscheinlich auch Verdis ereilen wird.