Politik

Bekämpfung des Rechtsextremismus BKA will Verfolgungsdruck erhöhen

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Darüber, dass die Behörden gegen die neue Dynamik in der rechtsextremen Szene vorgehen müssen, besteht Einigkeit.

(Foto: picture alliance / dpa)

Der Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten Lübcke zeigt: Die Frühwarnsysteme der Sicherheitsbehörden funktionieren nicht. Zur Verhinderung schwerster Straftaten brauchen sie nicht nur mehr Personal. Sie wollen auch mitlesen, wenn Extremisten verschlüsselt kommunizieren.

Längere Speicherfristen, größere Befugnisse und insgesamt 740 neue Stellen wollen Verfassungsschutz und Bundeskriminalamt (BKA) für eine effektivere Bekämpfung des Rechtsextremismus haben. Das geht aus Dokumenten hervor, die beide Behörden dem Bundesinnenministerium vorgelegt haben. Er stimme den Plänen, für die im Haushalt noch kein Geld eingestellt ist, "uneingeschränkt zu, auch dem Personalbedarf", sagte Innenminister Horst Seehofer in Berlin. Der innenpolitische Sprecher der Unionsfraktion, Mathias Middelberg, sagte, mit Personal allein sei es nicht getan.

Zur Verhinderung schwerster Straftaten müsse der Verfassungsschutz mitlesen können, wenn Extremisten oder Terroristen verschlüsselt über Messenger-Dienste wie WhatsApp kommunizieren. Für eine effektive Verfolgung von Hasskriminalität im Internet müsse das BKA von den Internetanbietern automatisch auf strafbare Internetinhalte hingewiesen werden. Die Anbieter sollten verpflichtet werden, die Daten derjenigen, die diese Inhalte eingestellt haben, herauszugeben. "Hier erwarte ich auch die Unterstützung von Grünen und Linken", sagte Middelberg.

Bedarf von 440 zusätzlichen Planstellen

Das Bundesamt für Verfassungsschutz wirbt in seinem Papier für eine Verlängerung der maximalen Speicherfrist von Daten zu Personen im Nachrichtendienstlichen Informationssystem von 10 auf 15 Jahre. Die Kölner Behörde will außerdem mehr Befugnisse zur Online-Durchsuchung und zur Überwachung verschlüsselter Kommunikation sowie 300 neue Stellen. Das Bundesamt schlägt zudem die Einrichtung einer Zentralstelle vor, die helfen soll, Rechtsextremisten im öffentlichen Dienst frühzeitig zu erkennen.

Das BKA will für die Einschätzung der Gefährlichkeit einzelner Rechtsextremisten eine neue Kategorisierung entwickeln. Auch bei der Erkennung von Netzwerken will man neue Wege gehen. Die Behörde, die ihren Sitz in Wiesbaden hat, meldet einen Bedarf von 440 zusätzlichen Planstellen an. Allein 250 Mitarbeiter sollen sich den Plänen zufolge um Hasspostings im Internet kümmern. Die Behörde hält mit Blick auf sogenannte "Feindeslisten" und "Outings" politischer Gegner durch Rechtsextremisten auch eine Gesetzesänderung für notwendig. Für diese Art von "Psychoterror" soll ein neuer Straftatbestand geschaffen werden.

Frühwarnsystem funktioniert nicht besonders

Durch "umfangreiche Ermittlungsverfahren" solle der Verfolgungsdruck in der Szene erhöht werden. Die Polizei stuft im rechten Spektrum aktuell bundesweit rund 40 Menschen als sogenannte Gefährder ein. Zum Vergleich: Ende 2016 gab es 22 Gefährder. Als Gefährder bezeichnet man im Bereich der politisch motivierten Kriminalität Menschen, denen man schwere Gewalttaten bis hin zu Terroranschlägen zutraut.

Dass das Frühwarnsystem der Behörden im Rechtsextremismus nicht gut funktioniert, hat auch der Fall des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke gezeigt. Er war im Juni ermordet worden. Stephan E., der den Behörden vor Jahren als Rechtsextremist aufgefallen war, sitzt in diesem Fall als Hauptverdächtiger in Untersuchungshaft.

Über das neue Verfassungsschutzgesetz, das eine Erweiterung der Befugnisse vorsieht, will Seehofer am Abend mit Bundesjustizministerin Christine Lambrecht sprechen. Einen ersten Entwurf aus seinem Hause hatte ihre Vorgängerin, Katarina Barley, zurückgewiesen.

Quelle: ntv.de, jki/dpa