Politik

Besungen für den Sieg "Bayraktar TB2" - der Mythos einer Wunderdrohne

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Die Drohne "Bayraktar TB2" ist für viele Beobachtern des Kriegs in der Ukraine eine Art Wunderwaffe.

(Foto: dpa)

In der Ukraine hat die türkische Drohne "Bayraktar TB2" einen mythischen Status erlangt. Mit ihrer Hilfe sollen das russische Flaggschiff "Moskwa" versenkt und Dutzende Panzer zerstört worden sein. Ein erstaunlicher Umstand, denn technisch hinkt das Waffensystem hinterher. Was macht die "TB2" also so sagenhaft?

Drohnen spielen im Ukraine-Krieg eine entscheidende Rolle. Immer wieder ist die Rede von den lautlosen Killern, die in der Luft kreisen, um dann aus der Distanz dem russischen Angreifer empfindliche Schäden zuzufügen. Erstaunlicherweise hat sich aber nicht eine hoch technisierte Drohne wie die US-amerikanische "Gray Eagle" oder die ebenfalls aus den USA stammende "Switchblade" als möglicher Gamechanger in der Kriegsberichterstattung bekannt gemacht, sondern ein türkisches Fabrikat mit dem Namen "Bayraktar TB2".

Und tatsächlich ist die "TB2"-Drohne ein Exportschlager der türkischen Rüstungsindustrie. Ihre Befähigung zum effizienten Töten soll sie bereits in kriegerischen Auseinandersetzungen in Syrien, Libyen, Nagorni Karabach und in der äthiopischen Provinz Tigray unter Beweis gestellt haben. Überall dort sollen die mit Raketen bestückten unbemannten Fluggeräte erfolgreich zum Einsatz gekommen sein.

Ein Lied für die türkische Drohne

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Präsentation einer "Bayraktar TB2" am Unabhängigkeitstag der Ukraine am 24. August 2021 in Kiew.

(Foto: dpa)

Auch in der ukrainischen Berichterstattung von den siegreichen Schlägen gegen die russische Armee spielt die "Bayraktar TB2" eine entscheidende Rolle. So soll die Drohne Dutzende russische Panzer, Schiffe und Konvois zerstört haben. Selbst das Schlachtkreuzschiff "Moskwa", so berichtete die ukrainische Regierung damals, soll von einer "TB2"-Drohne zerstört worden sein. Mithilfe der Drohne sollen die Streitkräfte einen Angriff auf die "Moskwa" angetäuscht haben, um den Kreuzer dann mit zwei tieffliegenden "Neptun"-Raketen versenken zu können.

Neben der Erfolgsgeschichte über die Vernichtung des russischen Flaggschiffs "Moskwa" werden von der Ukraine immer wieder auch Bilder veröffentlicht, die zeigen, wie mithilfe der "Bayraktar TB2" russische Soldaten ausfindig gemacht werden oder ein Schützenpanzer vom Typ "BMP-2" das Zeitliche segnet. Kein Wunder also, dass die Euphorie für dieses Waffensystem in der Ukraine inzwischen so groß ist, dass ein Liedermacher die "TB2" besingt und in seinem Song vermeldet, dass sie in der Lage ist, "aus russischen Verbrechern Geister zu machen".

Was kann die "Bayraktar TB2" wirklich?

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Mit einer Spitzengeschwindigkeit von 222 km/h ist die "Bayraktar TB2" im Vergleich mit anderen Drohnen recht langsam.

(Foto: dpa)

Aber was kann die "Bayraktar TB2" wirklich? In den oben genannten Einsatzgebieten hatte sie es nur mit unzureichend bewaffneten Aufständischen zu tun, war aber nie mit einer Luftabwehr oder einer Luftwaffe konfrontiert. Denn anders als die sogenannten Kamikaze-Drohnen ist die "TB2" ein wiederverwendbares Trägersystem für Raketen. Der Rumpf ist 6,5 Meter lang, die Spannweite beträgt 12 Meter. Eine Größe, die sie für moderne Abwehrsysteme durchaus zum Ziel macht.

Für den Kampf, den die Ukraine führt, hat die "TB2" aber ganz andere Vorteile. Sie ist einfach in der Handhabung, einfach zu warten und sie könnte, wenn nötig, die Luftabwehr unterfliegen. Mit einer Spitzengeschwindigkeit von 222 km/h ist sie nicht schneller als ein gut motorisiertes Auto auf deutschen Autobahnen, die Marschgeschwindigkeit liegt bei 130 km/h. Dafür kann die Drohne aber bis zu 24 Stunden in der Luft bleiben. Die Traglast der TB2 ist mit 150 Kilogramm angegeben, was sie in die Lage versetzt, bis zu vier lasergelenkte Mini-Bomben vom Typ MAM-L und MAM-C aufzunehmen oder aber eine Rakete vom Typ L-UMTAS. Letztgenannte Präzisionsraketen sollen vom türkischen Hersteller Roketsan kommen, wobei auch das deutsche Unternehmen TDW beteiligt sein soll.

Was die "Bayraktar TB2" am Ende aber wirklich attraktiv macht, ist ihr geringer Anschaffungspreis. Den kann man halten, weil die verbauten Motoren eigentlich für Kleinflugzeuge bestimmt sind und das GPS für Autos entwickelt wurde. In Summe drückt das den Kaufpreis auf zwei Millionen Euro für das Fluggerät selbst und weitere fünf Millionen Euro für die sie steuernde Software.

Die Geburtsstunde der "Bayraktar"

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Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan signiert eine "Bayraktar TB2".

(Foto: dpa)

Ihre Geburtsstunde hatte die "Bayraktar TB2" übrigens im Jahr 2017. Eben in jenem Jahr, als der damalige US-Präsident Donald Trump die Waffenlieferungen an die Türkei stoppte. Zu groß war die Befürchtung, dass der sich zum Autokraten entwickelte türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan sie gegen die kurdische Minderheit im eigenen Land oder gegen Syrien einsetzen würde. Inzwischen ist das Waffensystem vor allen für Länder mit kleinem Militärbudget attraktiv, auch für die Ukraine. Und so verwundert es nicht, dass sie hier zu einer Wunderwaffe hochstilisiert wird.

In den sozialen Medien wird die "Bayraktar TB2" gefeiert wie kein anderes Waffensystem. Unlängst wurde wohl sogar ein neugeborener Lemur im Zoo von Kiew nach der Drohne benannt. Für das Selbstbewusstsein der Ukrainer ist diese Zuversicht auch wichtig. Experten warnen allerdings vor einer zu argen Verklärung und einer Überschätzung der Bedeutung der "TB2"-Drohne für den Verlauf des Ukraine-Krieges. Im Vergleich zu anderen Waffensystemen soll die "Bayraktar" nur eine marginale Rolle spielen. Gerade gegen eine moderne Luftwaffe sei sie chancenlos.

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Bereits 2021 hat die Ukraine die ersten Drohnen vom Typ "Bayraktar TB2" in Dienst genommen.

(Foto: dpa)

Allerdings ist sie dafür auch nie erfunden worden. Selçuk Bayraktar, der Erfinder und Schwiegersohn des türkischen Präsidenten Erdoğan, schuf die "TB2" und deren Vorgänger eher für den Guerillakrieg. Die erste von ihm ersonnene Drohen kommt in den Bergen Anatoliens zur Überwachung von Kämpfern der kurdischen Separatistengruppe PKK zum Einsatz. 2016 kam es zum erfolgreichen Abschuss der ersten "Bayraktar TB2" auf eine Stellung der PKK im Osten der Türkei.

Seit dieser Zeit ist die "TB2" ein Symbol für die militärische Stärke der Türkei und die Führungskraft Erdoğans. Jetzt hilft die "Bayraktar TB2" nicht nur der Ukraine im Kampf gegen Russland und stärkt als Mythos die mentale Kampfkraft der Bevölkerung, sie lässt die Türkei und die Politik ihres Präsidenten in der öffentlichen Meinung in einem anderen Licht erscheinen. Denn auf der einen Seite wird sie zur Verteidigung gegen den russischen Aggressor eingesetzt, auf der anderen gegen kurdische Milizen in Nordsyrien.

Quelle: ntv.de

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