Politik

Wie Deutschland tickt Berauscht in die Selbstzerstörung?

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Beim Fußball macht das Gefühl, nicht wertgeschätzt zu werden, Pause.

(Foto: picture alliance/dpa)

In seinem Buch "Wie tickt Deutschland?" hat der Psychologe Stephan Grünewald ein Psychogramm der Nation erstellt. Sein Befund ist ernüchternd bis beängstigend. Als Konsequenz plädiert er für ein Kulturmodell ohne Ewigkeitsanspruch.

n-tv.de: In Ihrem Buch beschreiben Sie ein "Wertschätzungsproblem", demzufolge viele Menschen damit hadern, dass Eliten auf sie herabschauten. Wie ist diese Situation entstanden?

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Der Psychologe Stephan Grünewald ist Autor und Geschäftsführer des Marktforschungsinstituts Rheingold.

(Foto: Maya Claussen)

Stephan Grünewald: Das Solidar- hat sich in ein Entwertungsprinzip verkehrt. Viele Leute haben das Gefühl, dass sich die Eliten über die gemeinen Menschen erheben, die immer noch Fleischberge essen, Zigaretten qualmen, Unterschichten-TV gucken und Diesel fahren. Der schwarze Peter der Veränderung wird dann auf diese "Unvernünftigen" abgeschoben. Die elitären Anderen können bleiben, wie sie sind, weil sie ja bereits ein höherwertiges Leben führen.

Wer fühlt sich abgewertet?

Vor allem Teile der Mittelschicht, die sich nicht grundsätzlich abgehängt fühlen, aber glauben, dass sie als Individuum und ihr Lebensstil nicht wertgeschätzt werden. Sie fühlen sich oft abgekanzelt. Dieses Empfinden wird nach unten weitergereicht. Die Folge davon ist, dass nun Flüchtlinge oder Arbeitslose abgekanzelt werden.

Sie kommen zu dem Schluss, dass durch eben diese Projektion der Minderwertigkeit auf andere Menschen das solidarische Miteinander verschwindet.

Bei den Hochwasserfluten Ende der 90er-Jahre hatten die Menschen das Gefühl, alle rücken zusammen, um diese Notsituation zu überwinden. Jetzt aber fehlen eine verbindende Aufgabe und eine gemeinsame Zukunftsperspektive. Wenn sich Bürger nicht mehr als Schicksalsgemeinschaft erleben, schaffen sie ihre Identität durch Abgrenzung.

In "Wie tickt Deutschland?" erläutern Sie, dass die ideelle Problematik eine Fortsetzung im Materiellen findet. Da geht es also nicht allein um Psychologie, sondern um ökonomische Folgen der Eurorettung, der Flüchtlingskrise und der Digitalisierung.

Wenn es keine Zinsen gibt, erfährt mein Geld keine Wertschätzung. Wer sich in Berlin, Köln oder Hamburg keine Wohnung mehr leisten kann, fragt: Bin ich überhaupt noch willkommen? Habe ich ein Bleiberecht? Und mit Blick auf die Digitalisierung fragen sich viele: Wird meine Schaffenskraft überhaupt noch gebraucht? Diese Fragezeichen erzeugen Unruhe und Wut.

Zu Ihrer Analyse gehört eine durchaus amüsante und nicht nur bierernste Beschreibung von sieben Männertypen irgendwo zwischen Pudel und Rambo.

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Früher hieß es, der Mann sollte hart wie Kruppstahl sein, durchsetzungsfähig und stark. Die 68er-Bewegung revidierte dieses archaische Männerbild. Der moderne Mann sollte weich, bedächtig und reflektiert sein. Diese divergenten Rollenzuweisungen brachten den Mann in eine Inszenierungskrise, die manche dadurch gelöst haben, dass sie sich stark an ihren Partnerinnen orientierten. Das führte zu einem Männertypus wie dem Schoßhund, der zuhause brav und folgsam auf Liebkind macht, um seiner Partnerin zu gefallen. Dieser Typus scheut die offene Auseinandersetzung und zerbeißt nur im Internet wütend Pantoffel - während seine Frau von "Fifty shades of grey" träumt.

Worin Sie eine Gefahr sehen?

Es gibt derzeit eine Rollback-Bewegung, eine wieder aufkommende Faszination an martialischen Männergestalten, die das tyrannische Durchsetzungsprinzip hochhalten. Hier sei nur an Erdogan, Trump oder Putin erinnert. Viele Männer stellen sich die Frage: Will ich weiter Putte sein oder so wie Putin? Ich plädiere für einen Mittelweg zwischen rigider Durchsetzung und braver Duldsamkeit.

Sie meinen damit die in Ihrem Buch beschriebene neue Streitkultur.

Für den Mann und den Politiker bedeutet das, eine klare Position zu beziehen, die er aber nicht im Handstreich durchsetzt, sondern die er auch zur Disposition stellt. Der Politiker muss die Auseinandersetzung mit dem Wähler, der Mann mit der Frau jeweils auf Augenhöhe suchen und gemeinsame Lösungen finden.

Wo bleibt hier die Frau?

Sie findet Gefallen an einem Mann, der bereit ist zum lösungsorientierten Streit. Es ist gut, dass sich die Frauen von der Rollenknute "Küche, Kinder, Kirche" befreit haben. Aber wir beobachten nun einen Perfektionsanspruch, den Frauen für alle optionalen Lebensbereiche gleichermaßen an sich stellen. Sie wollen keine Rabenmutter sein, sondern die Familie liebevoll umsorgen, Karriere machen, attraktiv sein, für den Partner und die Freundinnen da sein, und sie wollen sich selbst verwirklichen. Diese Ziele sind wichtig und nicht zu diskreditieren. Was vielen Frauen allerdings zu schaffen macht, ist, dass sie all diese Ansprüche nicht gleichzeitig verwirklichen können und deshalb ein schlechtes Gewissen haben. Und wenn eine Frau schon nicht die perfekte Mutter sein kann, dann will sie mitunter zumindest die bessere Mutter sein. Manche Frau merkt dann, dass das nicht zu einem erfüllten Leben führt, sondern zur Erschöpfung.

Spannend ist auch Ihre These vom "digitalen Absolutismus". Wie wirkt der sich aus?

Die digitale Welt führt zu übersteigerten Erwartungen an das Leben. Mit dem Smartphone als modernem Zepter der Macht wollen wir potenziell allmächtig und allwissend sein und per Fingerwisch die Welt beherrschen. Aber der Alltag ist immer noch widersprüchlich, kleinschrittig und mühsam. In der analogen Welt gibt es immer noch Partner, die wir nicht verstehen, Kinder, die uns auf der Nase rumtanzen, oder Chefs, die uns drangsalieren. Das Kippen aus der digitalen Allmacht in die analoge Ohnmacht wird als zutiefst kränkend erlebt und erzeugt oft Wut.

Sie schlussfolgern, dass aus all diesen Entwicklungen in der Gesellschaft der Nährboden für Fundamentalismus oder Nationalismus entsteht, aber gleichzeitig auch die Bereitschaft wächst, die Zukunft aktiv zu gestalten.

Die Sehnsucht, alles im Handstreich zu ändern, durchregieren zu können und in einer abgeschotteten Welt mit ganz einfachen Ordnungen und Lösungsmustern zu leben, kann zu einer fundamentalistischen Strömung führen: Wir sind die einzig Richtigen, alle, die nicht so sind wie wir und unser Führer, sind böse und werden ausgeschlossen. Als Kulturmodell wäre das ein archaischer Rückschritt, der kurzfristig berauscht, langfristig in die Selbstzerstörung führt.

Klingt beängstigend.

Deshalb plädiere ich für ein Kulturmodell, das keinen Ewigkeitsanspruch hat, sondern davon ausgeht, dass alle unsere Lösungen nur auf Zeit gebaut sind. Angesagt sind Demut und die Akzeptanz, dass wir selbst im 21. Jahrhundert nicht perfekt und allmächtig sind, sondern immer noch ein behindertes Kunstwerk.

Mit Stephan Grünewald sprach Thomas Schmoll.

Quelle: n-tv.de