Politik

Opfer schildern VergewaltigungenBericht: Palästinenser werden in israelischer Haft systematisch sexuell misshandelt

12.05.2026, 20:18 Uhr
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Im berüchtigten Hochsicherheitsgefängnis Sde Teiman fand ein besonders schwerwiegender Vorfall statt. (Foto: picture alliance / Anadolu)

Palästinensische Gefangene sind laut Menschenrechtsorganisationen in israelischer Haft häufig Misshandlungen ausgesetzt. Interviews mit Häftlingen zeigen jetzt das Ausmaß der Gewalt, die offenbar in vielen Fällen auch sexueller Natur ist.

Laut einer von der "New York Times" veröffentlichten Recherche setzen israelische Soldaten, Sicherheitsbeamte, Siedler und insbesondere Gefängniswärter systematisch sexuelle Gewalt gegen Palästinenser ein. Interviews mit 14 von sexuellen Übergriffen betroffenen Frauen und Männern sowie Angehörigen, Ermittlern und Beamten bestätigen demnach den Vorwurf eines UN-Berichts, wonach sexuelle Gewalt zu einer "standardmäßigen Vorgehensweise" und "einem wesentlichen Bestandteil der Misshandlung von Palästinensern" geworden ist.

Der Autor der Recherche betont, dass es keine Beweise dafür gebe, dass israelische Führungskräfte Vergewaltigungen anordnen. Die interviewten Palästinenser berichteten jedoch von verschiedenen Formen von Misshandlungen, die Vergewaltigungen beinhalten und darüber hinausgehen. Viele hätten angegeben, dass ihnen oft an den Genitalien gerissen, auf die Hoden geschlagen oder mit Metalldetektoren in die Genitalien gerammt wurde. Den Angaben zufolge mussten einigen Männern nach den Misshandlungen die Hoden ärztlich amputiert werden.

Einer der Fälle, die im Detail genannt werden, betrifft einen freien Journalisten. Als dieser im Jahr 2024 nach seiner Gefangennahme in eine Gefängniszelle gebracht worden sei, hätten ihn mehrere Wächter auf den Boden geschmissen, erzählte er: "Sie schlugen alle auf mich ein, und einer trat mir auf Kopf und Nacken. Jemand zog mir die Hose herunter. Sie zogen mir die Unterhose herunter." Dann habe einer der Wachen einen Gummiknüppel hervorgeholt, mit dem Gefangene geschlagen werden.

"Sie versuchten, ihn mir in den After zu schieben, und ich spannte meine Muskeln an, um das zu verhindern, aber ich konnte es nicht", sagte der Misshandelte der Zeitung laut Bericht. "Es war so schmerzhaft." Die Wachen hätten ihn ausgelacht. "Dann hörte ich jemanden sagen: 'Gib mir die Karotten'". Dann hätten sie eine Karotte benutzt. "Es war extrem schmerzhaft", wird der Journalist zitiert. "Ich betete um den Tod."

Der Bericht enthält weitere grausame Details solcher Fälle und nennt auch den Fall eines palästinensischen Gefangenen, der in den vergangenen Jahren sowohl in Israel als auch international für Aufsehen sorgte. Fünf israelische Soldaten waren angeklagt worden, gegen einen Palästinenser in dem Hochsicherheitsgefängnis Sde Teiman "schwere Gewalt" angewendet zu haben und dabei auch ein "scharfes Objekt" verwendet zu haben. Die mutmaßlichen Misshandlungen verursachten demnach unter anderem einen "Riss des Rektums". Letztlich ließ die israelische Militärjustiz die Anklage gegen die fünf Reservisten fallen, obwohl ein Video öffentlich geworden war, in dem zu sehen ist, wie die Angeklagten teilweise eine Art Mauer aus Schildern um ihr Opfer bildeten.

Ein Grund dafür, dass diese Missstände nicht mehr Beachtung finden, seien Drohungen seitens der israelischen Behörden, die laut Aussagen von freigelassenen Palästinensern die Gefangenen bei ihrer Entlassung regelmäßig einschüchtern und zum Schweigen anhalten. "Der grassierende sexuelle Missbrauch palästinensischer Gefangener ist eine Tatsache; er ist zur Normalität geworden", sagte Sari Bashi, eine israelisch-amerikanische Menschenrechtsanwältin, der "New York Times".

Erlaubnis zur Vergewaltigung?

Sie sehe zwar keine Anzeichen dafür, dass diese Praktiken explizit angeordnet werden. "Aber es gibt immer wieder Hinweise darauf, dass die Behörden wissen, dass dies geschieht, und nichts dagegen unternehmen." Zum Zurückziehen der Klage gegen die fünf Reservisten sagte Bashi, dass dies einer Erlaubnis zur Vergewaltigung gleichkomme. Ihre Organisation "Public Committee against Torture in Israel" habe Hunderte von Beschwerden eingereicht, in denen Misshandlungen palästinensischer Häftlinge detailliert beschrieben würden - und in keinem einzigen Fall hätten diese zu einer Anklageerhebung geführt. Straflosigkeit, so Bashi, gebe den Tätern "grünes Licht".

Auch die israelische Menschenrechtsorganisation B'Tselem zeigte sich nicht überrascht von den in der "New York Times" beschriebenen Fällen: "Palästinensische Gefangene sind in jeder Einrichtung, in der sie festgehalten werden, schwerer Gewalt, absichtlicher Demütigung, Hunger, Schlafentzug, Verweigerung medizinischer Versorgung und Misshandlung ausgesetzt", hieß es in einer Stellungnahme.

Diese Praktiken würden von der politischen Führung in Israel unterstützt, die offen mit den harten Haftbedingungen prahle. "Einige Insassen sind schweren sexuellen Übergriffen ausgesetzt." Laut B'Tselem sind seit Oktober 2023 mindestens 88 Palästinenser in israelischen Haftanstalten "infolge unmenschlicher Bedingungen, Gewalt, Hunger und der Verweigerung medizinischer Behandlung" gestorben. Die israelische Regierung weist die Vorwürfe über sexuellen Missbrauch von Palästinensern zurück.

Quelle: ntv.de, dsc/AFP/dpa

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