Politik
2016 erhielten Yusra und Sara Mardini den Bambi in der Kategorie "Stille Helden".
2016 erhielten Yusra und Sara Mardini den Bambi in der Kategorie "Stille Helden".(Foto: picture alliance / Clemens Bilan)
Donnerstag, 30. August 2018

Athen sperrt Lebensretterin ein: Berlin vermittelt im Fall Sarah Mardini

Sie ist eine der Helden der Flüchtlingskrise: Sarah Mardini. Zusammen mit ihrer Schwester rettete der Schwimmstar dutzende Flüchtlinge aus dem Mittelmeer. Nun wird sie in Griechenland festgenommen - ausgerechnet wegen Beihilfe zu illegaler Migration.

Es ist ein brisanter Fall, in dem das Auswärtige Amt in Berlin zu vermitteln versucht. Die bekannte Lebensretterin Sarah Mardini aus Syrien sitzt in einem Athener Gefängnis fest. Griechische Behörden haben sie zusammen mit zwei weiteren Flüchtlingshelfern festgenommen. Die Vorwürfe wiegen schwer: Mitgliedschaft in einer kriminellen Organisation, Beihilfe zur illegalen Migration, Spionage, Geldwäsche.

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Sara und ihre Schwester Yusra Mardini sind zwei der Helden der Flüchtlingskrise. Die beiden waren Mitglieder der syrischen Schwimmnationalmannschaft und sie nutzten ihr Talent und ihren Mut im entscheidenden Moment: Die Mardinis flohen 2015 aus Syrien. In der Türkei stiegen sie mit anderen Flüchtlingen in ein kaum seetüchtiges Boot. Noch Kilometer von der rettenden griechischen Küste entfernt fiel der Motor des Bootes aus. Sarah und Yusra Mardini sprangen ins Wasser und zogen das vollbesetzte Boot an einem Seil bis ans Ufer. Sie retteten das Leben Dutzender Menschen. Die beiden Mädchen kamen nach Deutschland und wurden als Flüchtlinge anerkannt. Medien auf der ganzen Welt wurden auf sie aufmerksam.

Yusra Mardini schaffte den Sprung in das Schwimm-Olympia-Team für Flüchtlinge, sie reiste nach Rio de Janeiro und wurde UN-Sonderbotschafterin für Flüchtlinge. Sarah Mardini begann mit Hilfe eines Stipendiums Politik und Wirtschaft an der Privatuni Bard College in Berlin zu studieren. Doch die Flüchtlingskrise ließ Sarah Mardini nicht los. Für diesen Sommer nahm sie sich eine mehrmonatige Auszeit, um sich in der Flüchtlingshilfe zu engagieren. Das wurde ihr nun zum Verhängnis.

Kinder sprechen von den Mardini-Schwestern

Yusra Mardini bei den olympischen Spielen in Rio.
Yusra Mardini bei den olympischen Spielen in Rio.(Foto: picture alliance / dpa)

Einem Bericht der "Taz" zufolge hatte die Nichtregierungsorganisation ECRI Mardini angeschrieben. Die geflüchteten Kinder auf Lesbos sprächen mittlerweile von den Mardini-Schwestern, hätte es geheißen. Ob sie nicht kommen wolle. Sarah Mardini kam. Sie rief in sozialen Medien für Spenden für die Organisation auf und unterstützte bei der Erstversorgung Hilfsbedürftiger. Auf Lesbos stecken noch immer Tausende Flüchtlinge unter schwierigen Bedingungen fest. Vereinzelt kommen auch noch neue Flüchtlinge in Booten auf die griechische Insel.

Festgenommen wurde Mardini, weil die griechischen Behörden hinter ECRI ein "kriminelles Netzwerk" vermuten, das Migranten bei der illegalen Einreise hilft. Insgesamt wird gegen 30 Mitglieder der Organisation ermittelt, 6 Griechen und 24 Bürger anderer Staaten. Das geht aus einer Stellungnahme der griechischen Polizei hervor.

Kriminelles Netzwerk oder Kriminalisierung von Aktivisten

Steckt hinter ECRI wirklich ein "kriminelles Netzwerk"? Das Auswärtige Amt hat dazu keine eigenen Erkenntnisse. Bisher fiel die Organisation nicht negativ auf. Sie wurde vom Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen finanziell unterstützt. Von der britischen BBC über das amerikanische CNN bis hin zu Euronews und Aljazeera berichteten etliche namhafte Medien über sie. Auf die Bitte um eine Stellungnahme von n-tv.de reagierte ECRI zunächst nicht.

Der griechischen Polizei zufolge stehen neben der Mitgliedschaft in einer kriminellen Organisation drei Vorwürfe im Vordergrund der Ermittlungen gegen Sardini und ihre Mitstreiter: Zuallererst die Beihilfe zur illegalen Einwanderung. Über WhatsApp-Gruppen sollen die Helfer kommuniziert haben, um Seenotrettungsfälle zu orten und zu Hilfe zu eilen – nicht nur untereinander, sondern auch mit Menschenschleppern. Hinzu kommt der Vorwurf der Spionage: Die Mitarbeiter von ECRI haben demnach Ferngläser und Funkgeräte für ihre Arbeit genutzt. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit für Seenotretter. Athen wirft den Aktivisten allerdings vor, mit den Funkgeräten die Gespräche der griechischen Küstenwache und der europäischen Grenzschutzagentur Frontex abgehört zu haben. Der Vorwurf der Geldwäsche ergibt sich wiederum daraus, dass Mardini und andere Aktivisten Spender für die angeblich kriminelle Organisation ECRI gesammelt haben.

Mardinis Anwalt wies die Vorwürfe zurück. Es gebe überhaupt keine Beweise dafür, dass sie auch nur eine der Straftaten begangen habe, sagte er der Nachrichtenagentur AFP. Der Anwalt warf Athen eine Kampagne vor: "Für mich ist das ganz klar ein Versuch, die Hilfe für Flüchtlinge zu kriminalisieren." Der Anwalt hat bereits am Mittwoch die vorläufige Freilassung Mardinis beantragt.

Die deutsche Botschaft in Athen ist mit den griechischen Behörden in Kontakt und bemüht sich um Zugang zu Mardini. Die Mitarbeiter wollen der 23-Jährigen Rechtsbeistand vermitteln.

Quelle: n-tv.de