Politik

Britische Juden haben AngstBezahlt der Iran junge Menschen für antisemitische Anschläge?

05.07.2026, 14:50 Uhr IMG-5189Von Katharina Delling, London
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Im Mai besuchte König Charles Golders Green im Norden von London. (Foto: picture alliance / Photoshot)

Viele britische Juden fühlen sich in Großbritannien nicht mehr sicher. Das liegt auch an Anschlägen auf jüdische Einrichtungen, die in den vergangenen Monaten im Königreich von einer neuen Terrorgruppe verübt wurden. Hinter der Gruppierung könnte der Iran stecken.

Eine riesige saure Gurke fährt U-Bahn - so wurde in London der jüdische Kulturmonat eingeleitet. "Less Oy More Joy", frei übersetzt: "weniger Sorgen, mehr Freude", ist der Slogan dieses Events, das jüdische Kultur an diversen Orten im ganzen Land vorstellt. Es ist bunt, künstlerisch und es gibt leckeres Essen. Es soll zeigen, dass jüdisches Leben viel mit Kultur zu tun hat, eine Tatsache, die in Großbritannien in den letzten Jahren immer mehr in den Hintergrund gerückt ist.

Denn seit dem 7. Oktober 2023, dem Tag, an dem die Terrororganisation Hamas koordinierte Angriffe auf Juden in Israel verübte, ist das Leben für viele britische Juden sorgenreicher und weniger leicht geworden. Wie in vielen anderen europäischen Ländern erleben britische Jüdinnen und Juden im Alltag eine verstärkt antisemitische Stimmung. Das zeigt sich beispielsweise daran, dass eine Veranstaltung im British Museum während des Jewish Culture Month verschoben wurde, weil es Hinweise gab, dass einige Besucher das Event mit Protesten stören würden.

Noch gravierender sind die wiederholten Angriffe auf jüdisches Leben. Allein in diesem Jahr hat es wiederholt Brandanschläge auf jüdische Einrichtungen gegeben. Im März wurden vier jüdische Krankenwagen angezündet, verletzt wurde zum Glück niemand. Im April gab es Brandanschläge auf Synagogen, eine jüdische Stiftung und ein Gemeinschaftszentrum. Ende April stach ein Mann auf zwei jüdische Menschen im Londoner Stadtteil Golders Green ein. Er hatte wohl zuvor in Südlondon schon einen Freund mit einem Messer attackiert, bevor er sich in den Stadtteil aufmachte, in dem vornehmlich jüdische Familien leben.

Stimmung hat sich verändert

"Golders Green ist das Epizentrum jüdischen Lebens in London", sagt Adrian Cohen, Geschäftsführer vom Board of Deputies of British Jews, im Gespräch mit ntv. "Die Golders Green Road, wo sich der Angriff abspielte, ist vielleicht der jüdischste Abschnitt im Vereinigten Königreich." Der Board of Deputies of British Jews ist die älteste Vertretung der jüdischen Gemeinschaft im Vereinigten Königreich. Sie wurde 1760 gegründet, vertritt viele Synagogen und Organisationen und setzt sich gegenüber der Politik für jüdische Belange ein.

Adrian Cohen ist viel im Austausch mit jüdischen Gemeinden in London, er sagt, die Stimmung habe sich verändert. "Wir sind in höchster Alarmbereitschaft, deswegen sieht man in den Gemeinden auch mehr Sicherheitsmaßnahmen. Alle Schulen und Synagogen haben ihre Sicherheitsvorkehrungen überprüft und verstärkt. Aber wir wollen den Menschen vor allem zeigen, dass das Leben weitergeht. Wir sind eine sehr lebendige und aktive Gemeinde - viele gehen jetzt sogar in noch größeren Gruppen in die Synagogen."

Neue Terrorgruppe

Mit "jetzt" meint er: seit die Terrorwarnstufe auf der Insel erhöht wurde. Das hatten die Behörden nach dem Angriff in Golders Green bekannt gegeben, den sie als Terroranschlag einstuften. Denn obwohl der scheidende Premierminister Keir Starmer angekündigt hat, weitere 25 Millionen Pfund für erhöhte Sicherheitsmaßnahmen in jüdischen Gemeinden im ganzen Land zur Verfügung zu stellen, obwohl er einen Gipfel in der Downing Street abgehalten hat, der verschiedene Bereiche der britischen Gesellschaft gegen Antisemitismus vereinen sollte, gibt es einen besorgniserregenden Trend hinter den meisten Angriffen auf Juden hier.

Zu vielen der Anschläge hat sich die mit dem Iran verbundene Terrororganisation Harakat Ashab al-Yamin al-Islamia, kurz HAYI bekannt. Die Gruppe tritt erst seit wenigen Monaten in Erscheinung. Ermittler gehen davon aus, dass hinter HAYI in gewissem Maße der iranische Staat stehen könnte, eindeutig bewiesen wurde das aber noch nicht.

Klar ist aber, dass HAYI Angst schüren will. Das zeigt auch ein Mitte April veröffentlichtes Video der Gruppe, in dem zwei Personen in Schutzanzügen zu sehen waren. Sie behaupteten, die israelische Botschaft in London solle mit "radioaktiven und krebserregenden" Stoffen angegriffen werden. Eine umfassende Untersuchung der naheliegenden Kensington Gardens ergab damals keine Gefahr.

Täter offenbar angeworben und bezahlt

Was auffällt: Besonders junge Menschen verübten die Brandanschläge auf jüdische Einrichtungen in London. Ermittler gehen davon aus, dass sie von Iran-nahen Gruppen angeworben und bezahlt wurden. Es würde sich also um gekaufte Täter handeln, nicht um Überzeugungstäter.

Als Reaktion hat die britische Regierung eine Gesetzesänderung vorgestellt, die vorsieht, dass Täter, die von ausländischen Mächten unterstützt antisemitische Anschläge begehen, mit bis zu 14 Jahren Haft rechnen müssen. Auch dann, wenn sie nicht wissen, für wen sie da eigentlich arbeiten.

Trotzdem fühlen sich viele britische Juden in ihrem Land nicht mehr sicher - und das liegt nicht nur an HAYI, sondern auch am alltäglichen Antisemitismus. Eine Umfrage von Campaign Against Antisemitism vom Dezember 2025 zeigt, dass 61 Prozent der befragten Juden in den vergangenen zwei Jahren überlegt haben, die Insel zu verlassen. Ein Gedanke, den auch Adrian Cohen bestätigen kann. "Ich habe viele solche Gespräche geführt. Aber es ist nicht so einfach, wenn dein ganzes Leben, deine Freunde, deine Familie, deine Arbeit hier sind. Es ist das Eine, darüber zu reden, und das Andere, es tatsächlich auch zu tun", sagt er.

Quelle: ntv.de

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