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Was wir wissen und was nicht "Brandgefährliche Lage" am Golf von Oman

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US-Außenminister Pompeo beschuldigt den Iran.

(Foto: imago images / ZUMA Press)

Noch ist vieles unklar: Im Golf von Oman erschütterten Detonationen zwei Tankschiffe. Die USA bezichtigen daraufhin den Iran der Tat, dieser wiederum nennt die USA eine "schwere Bedrohung" in der Region. Grünen-Außenpolitiker Nouripour warnt: "Es fehlt nicht viel zu einem großen Krieg."

Was ist vorgefallen?

Am Donnerstagmorgen wurden zwei Tanker im Golf von Oman von Explosionen erschüttert. Die norwegische "Front Altair" mit 75.000 Tonnen Schwerbenzin an Bord war auf dem Weg von den Vereinigten Arabischen Emiraten nach Taiwan, als plötzlich Feuer ausbrach. Beim zweiten Tanker, der "Kokuka Courageous", riss der Rumpf über der Wasseroberfläche auf, wie die Hamburger Reederei Bernhard Schulte Shipmanagement erklärte. Im Maschinenraum kam es daraufhin offenbar zu einem Brand. Das Schiff transportierte unter der Flagge Panamas Methanol von Saudi-Arabien nach Singapur. Der Präsident der japanischen Firma Kokuka Sangyo bestritt, dass das Schiff von einem Torpedo getroffen wurde. Die Besatzung hätte noch vor der Explosion "fliegende Objekte" gesehen, sagte er. Die 44 Crew-Mitglieder beider Schiffe wurden laut der Nachrichtenagentur Irna von iranischen Seeleuten gerettet, es gab einen Verletzten.

Was sagen die USA?

Die USA machen den Iran für die Zwischenfälle verantwortlich. "Es ist die Einschätzung der US-Regierung, dass die Islamische Republik Iran verantwortlich für die Angriffe ist", sagte Außenminister Mike Pompeo bereits am Donnerstag. Konkrete Belege blieb er allerdings schuldig. Weiter kritisierte er eine "inakzeptable Kampagne des Iran zur Eskalation der Spannungen". US-Präsident Trump legte an diesem Freitag im US-Sender Fox News nach: "Das riecht förmlich nach dem Iran."

*Datenschutz

Als Beweis veröffentlichte das US-Militär ein grobkörniges Schwarz-Weiß-Video. Dieses soll ein Patrouillenboot der iranischen Revolutionsgarden vom Typ "Gatschi" zeigen, wie es auf den Tanker "Kokuka Courageous" zufährt und angeblich eine nicht explodierte Haftmine vom Schiffsrumpf entfernt. Auf dem Video selbst sind nur verschwommen mehrere Gestalten auf einem Boot zu erkennen, die an den Tanker ranfahren, sich an ihm zu schaffen machen und dann wieder verschwinden. "Dieses Video steht schon in einem klaren Widerspruch zu den Äußerungen, die wir von der Reederei hören: nämlich dass es sich um einen Angriff aus der Luft handelte", sagt der Grünen-Außenpolitiker Omid Nouripour n-tv.de. "Es gilt dringend aufzuklären, was da tatsächlich passiert ist."

Der Branchendienst "Tanker Trackers" ist skeptisch, dass Wasserminen die Schäden an den Tankern verursachten. Es sei "extrem unwahrscheinlich", dass in der viel befahrenen Schifffahrtsstraße Minen ausgelegt wurden, heißt es. Laut dem Recherchenetzwerk Bellingcat, das das US-Video analysierte, handelt es sich bei dem gezeigten Tanker um die "Kokuka Courageous". Auch verwende der Iran Boote des Typs, das zum Tanker gefahren war. Allerdings gebe es keinen Beweis, dass Iraner eine Mine an dem Schiff platziert haben, sie könnten diese jedoch zu eigenen Analysezwecken entfernt haben. "Es muss betont werden, dass wir nicht wissen, was die Motivation war, das Objekt zu entfernen", so Bellingcat weiter. Darüber könne zurzeit nur spekuliert werden.

Wie reagiert der Iran?

Der Iran wehrt sich heftig gegen die Vorwürfe der USA. Der oberste Führer der Islamischen Republik, Ajatollah Ali Chamenei, äußerte sich deutlich: "Der Iran vertraut den USA nicht", sagte er in Teheran. "Wir haben mit den Amerikanern bereits die bittere Erfahrung beim Atomabkommen gemacht und wollen diese Erfahrung nicht wiederholen." Einen Austausch mit US-Präsident Donald Trump lehnte er ab. "Ich betrachte Trump nicht als Person, die es verdient, mit ihr Botschaften auszutauschen. Ich habe keine Antwort für ihn und werde ihm nicht antworten", sagte Chamenei.

Außenminister Mohammed Dschawad Sarif warf Washington vor, die Öltanker-Vorfälle als Vorwand zu nehmen und eine "Sabotage-Diplomatie" gegen den Iran zu führen. In einer Mitteilung bei den UN heißt es zudem: "Die USA und ihre regionalen Verbündeten müssen die Kriegshetze stoppen und die schädlichen Verschwörungen sowie die Operationen unter falscher Flagge in der Region beenden." Als "Operationen unter falscher Flagge" gelten Angriffe, die dem Gegner in die Schuhe geschoben werden, um damit einen Anlass für einen militärischen Konflikt zu schaffen.

Was war zuvor geschehen?

Bereits Mitte Mai waren vier Öltanker vor der Küste der Vereinigten Arabischen Emirate angegriffen und möglicherweise durch Unterwasserminen beschädigt worden. Damals machte Saudi-Arabien den Iran verantwortlich, Trump selbst twitterte: "Wenn der Iran kämpfen will, dann bedeutet dies das offizielle Ende des Iran. Bedroht nie wieder die USA!" Der republikanische Senator Lindsey Graham, ein Vertrauter Trumps, forderte sogar einen "überwältigenden" Militärangriff auf den Iran.

Schon seit Langem haben die USA Zehntausende Soldaten in der Nachbarschaft des Iran stationiert und verfügen dort über zahlreiche Armee-, Marine- und Luftwaffenstützpunkte. Anfang Mai schickte das Pentagon zudem den Flugzeugträger "Abraham Lincoln" mit Begleitbooten in die Region. Auch 1500 weitere US-Soldaten sowie das Kriegsschiff "Arlington" für amphibische Angriffe, B-52 Langstreckenbomber und eine Patriot-Flugabwehrbatterie wurden in die Region entsandt - was die Sorgen vor einer militärischen Eskalation weiter anheizte. Zumal Trump im vergangenen Jahr zur Empörung der Europäer das mühsam ausgehandelte Atomabkommen mit dem Iran aufgekündigt hat und seitdem die Sanktionen verschärft.

Wer könnte noch hinter den Attacken stecken?

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Noch ist völlig unklar, wer hinter den Attacken steckt.

(Foto: REUTERS)

Nahost-Experte Michael Lüders hält die Behauptung der USA, dass die iranische Regierung hinter den Angriffen vom Donnerstag stecken müsse, für fraglich. "Es gibt verschiedene Akteure, die hier als mögliche Verursacher infrage kommen", sagt er bei n-tv. "Es ist natürlich nicht auszuschließen, dass Revolutionsgardisten aus dem Iran diese Tat begangen haben, um den Konfrontationskurs mit den USA zu verstärken." Genauso sei es aber möglich, dass Staaten in der Region wie etwa Saudi-Arabien, die die USA in eine bewaffnete Konfrontation mit dem Iran drängen wollten, die Hände mit im Spiel hätten. "Das alles sind Spekulationen, es gibt keine gesicherten Beweise."

Ähnlich äußert sich Grünen-Außenpolitiker Nouripour. Er verweist auf eine Fragmentierung der Macht im Iran. "Es kann durchaus sein, dass Teile der Revolutionsgarden etwas tun, was die Regierung nicht weiß." Zugleich betont er, dass andere Akteure am Golf wiederum glaubten, aus einem Krieg Profit zu schlagen.

Wie gefährlich ist die Lage?

Nouripour nennt die Lage in der Region "extrem angespannt". "Es fehlt nicht viel zu einem großen Krieg", sagt er. Ein solcher Krieg wäre schlimmer als der Irakkrieg, weil am Ende einer militärischen Auseinandersetzung unter Beteiligung Irans und Saudi-Arabiens die Nuklearisierung unserer Nachbarschaftsregion stünde, so Nouripour weiter. "Amerikanische, iranische und saudische Soldaten stehen sich teilweise Nase an Nase gegenüber und es gibt kein rotes Telefon, wo man mal miteinander reden kann, damit aus Missverständnissen nicht Kriege werden. Das ist brandgefährlich."

Dabei agieren laut Nouripour im Weißen Haus Sicherheitspolitiker, die die Hand am Abzug hätten und die man noch aus anderen Kriegen kenne. Einer von ihnen ist etwa US-Sicherheitsberater John Bolton, der als Ultra-Falke gilt, besonders was den Iran anbelangt. Schon lange strebt er einen Regimewechsel in Teheran an.

Auch Nahost-Experte Michael Lüders hält die Lage für extrem brenzlig. Da es zurzeit keinen Deeskalationsmechanismus und es für die Iraner kein Verhandlungsangebot jenseits der eigenen Kapitulation gebe, könne er sich nicht vorstellen, wie es zu einer Deeskalation kommen könne. "Die Lage ist und bleibt sehr gefährlich." Lüders befürchtet, dass alles auf eine bewaffnete Konfrontation hinausläuft. "Das wird nicht heute passieren, auch nicht morgen, aber es kann in den nächsten Wochen geschehen."

Und er sieht noch ein anderes Risiko: "Sollte es zum Krieg kommen gegen den Iran, dann besteht die Gefahr, dass die USA einen solchen Angriff auf den Iran zum Nato-Verteidigungsfall erklären. Und dann kann die Sache natürlich wirklich sehr brenzlig werden, zumal sich Russland und China im Kriegsfall hinter den Iran stellen werden."

Quelle: n-tv.de, mit AFP, dpa, rts

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