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Angriff auf das nächtliche Bagdad im Frühjahr 2003.
Angriff auf das nächtliche Bagdad im Frühjahr 2003.(Foto: ASSOCIATED PRESS)
Dienstag, 01. Mai 2018

Bushs gescheiterte Mission: Der Irak, die Lüge und die bitteren Folgen

Von Gudula Hörr

Er sollte Frieden und Freiheit bringen. Stattdessen stürzte der Irakkrieg 2003 den Nahen Osten in ein Chaos, das bis heute anhält. Und auch der Westen leidet noch immer unter den Folgen des außenpolitischen Abenteuers von George W. Bush.

Die Kulisse war martialisch, als US-Präsident George W. Bush am 1. Mai 2003 zum Rednerpult schritt. Auf dem Flugzeugträger USS Abraham Lincoln wehte ein riesiges Banner mit der Aufschrift "Mission accomplished" - "Mission erfüllt", eine Militärkapelle spielte auf. Unter dem Jubel von Hunderten US-Soldaten verkündete Bush dann das Ende der größeren Kampfhandlungen im Irak und schob nach: "In diesem Krieg haben wir für die Freiheit und den Frieden der Welt gekämpft." Er hätte sich kaum mehr irren können.

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Auch 15 Jahre nach seiner Rede ist die Mission nicht erfüllt und der Frieden der Welt nicht in Sicht. Die "Koalition der Willigen" unter Führung der USA konnte den irakischen Diktator Saddam Hussein zwar stürzen, doch einen Plan für den Wiederaufbau hatte sie nicht. In den anschließenden Jahren der Besatzung ging schief, was nur schief gehen konnte. Mike Flynn, einst Chef der Special Forces und später glückloser Sicherheitsberater von US-Präsident Donald Trump, nannte die Irak-Mission im Nachhinein einen "riesigen Fehler". "Die große historische Lektion lautet, dass es eine strategisch unglaublich schlechte Entscheidung war, in den Irak einzumarschieren. Die Geschichte sollte und wird über diese Entscheidung kein mildes Urteil fällen."

Die Folgen des Irakkriegs erschüttern den Nahen Osten bis heute und lassen auch den Westen nicht unberührt. "Die Fehler der USA wirken bis heute nach: der Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten, der Aufstieg der Terrororganisationen Al Kaida und IS, die politische Instabilität", sagt der Terrorismusexperte Rolf Tophoven vom Institut für Krisenprävention Iftus. "Auch das Flüchtlingsproblem hätten wir nicht, wenn in der Region Frieden herrschen würde. Dann müssten sich die Menschen nicht nach Europa retten." Selbst Afghanistan würde ohne den Irakkrieg die Welt heute wohl kaum mehr beschäftigen, glaubt Tophoven. Hätten die USA damals für den Einsatz gegen Saddam Hussein nicht viele Sicherheitsberater vom Hindukusch abgezogen, hätten sie die Lage dort längst befrieden können. "So aber bleibt die Region immer noch sehr instabil und ein permanent schwelender Konfliktherd."

Bushs Krieg hatte mit der Lüge von den angeblichen Massenvernichtungswaffen im Irak begonnen. Vor diesen hatte der damalige US-Außenminister Colin Powell im UN-Sicherheitsrat gewarnt. Tatsächlich wurden diese Waffen nie gefunden, sie waren die Erfindung eines Geheimagenten, der Saddam Husseins Sturz vorantreiben wollte. Auch die angebliche Verbindung des irakischen Diktators zu Al Kaida, die mit ihren Anschlägen vom 11. September 2001 den "Krieg gegen den Terror" entfesselt hatte, ließ sich nicht nachweisen. Wenn man den Irak angreife, sagte Bushs damaliger Antiterror-Berater Richard Clarke, sei das, "als wenn wir in Mexiko einmarschiert wären, nachdem die Japaner Pearl Harbor angegriffen hatten".

Beschädigtes Image der USA

Die Lügen und der völkerrechtswidrige Angriff auf den Irak erschütterten die Glaubwürdigkeit der USA langfristig. Die Skandale von Abu Ghraib taten das Ihre. Die Bilder von US-Soldaten, die nackte irakische Gefangene folterten, diskreditierten Washingtons hehre moralische Parolen von einer Demokratisierung des Landes. "Das Image der USA im Nahen und Mittleren Osten ist langfristig beschädigt ", so Tophoven.

Eine US-Soldatin quält in Abu Ghraib einen irakischen Gefangenen.
Eine US-Soldatin quält in Abu Ghraib einen irakischen Gefangenen.(Foto: picture alliance / dpa)

Auch sonst versagten die USA als Besatzungsmacht, es zeigte sich: Einen Krieg zu führen, ist eine Sache, Frieden zu schaffen, eine andere. Besonders ein Fehler des US-Zivilverwalters Paul Bremer rächte sich. Er löste Saddam Husseins Baath-Partei und die irakischen Sicherheitskräfte auf. Viele Sunniten, die bis dahin auf der Seite der Macht standen, galten unter der neuen schiitischen Führung plötzlich als "Underdogs", so Tophoven. Frühere Führungsoffiziere in Geheimdienst und Armee verloren ihre Arbeit und gingen in den Untergrund, wo sie Anschläge organisierten und das Land destabilisierten. Sie bildeten Jahre später einen Großteil der IS-Führungsriege. Schätzungen zufolge starben durch Krieg und Terror mehr als 100.000 Iraker.

Der Aufstieg der Terrormiliz und ihr sogenanntes Kalifat in Syrien und im Irak wären ohne Bushs Invasion kaum möglich gewesen. Noch immer haben die Region und der Westen mit diesem Erbe zu kämpfen. "Auch wenn der IS militärisch besiegt ist, ist er nach wie vor eine große Gefahr", so Tophoven. Die Ideologie habe sich in den Köpfen auch vieler im Westen lebender Islamisten festgesetzt. "Diese sind nun lebende Zeitbomben."

Enorme Kosten des Krieges

Für die USA hat der Irakkrieg noch eine weitere Folge: Rund 1,5 Millionen US-Soldaten dienten im Irak, rund 4500 starben, 30.000 wurden verletzt, rund ein Drittel leidet unter posttraumatischen Belastungsstörungen. Auch die wirtschaftlichen Kosten waren mit schätzungsweise rund 2,2 Billionen Dollar deutlich höher als erwartet. All dies trug zu einer wachsenden Ernüchterung und Kriegsmüdigkeit in den USA bei. Die Idee eines "Regime Change" hatte ihren Reiz verloren, und die Skepsis gegenüber Interventionen wuchs. Dies zeigte sich im vergleichsweise kurzen US-Einsatz in Libyen gegen Diktator Muammar al-Gaddafi - der im übrigen auch in einem Desaster endete - und in der Zurückhaltung der USA im "Arabischen Frühling" und in Syrien. Bushs Nachfolger Barack Obama hatte schon 2002 einen möglichen Schlag gegen den Irak als "dummen Krieg" bezeichnet, das dann folgende Chaos bestärkte ihn nur in seiner Zurückhaltung.

Eine Linie, die im übrigen selbst Trump zu beherzigen scheint. Schon im Wahlkampf nannte er den Irakkrieg einen "dicken, fetten Fehler". Ende März kündigte Trump zudem an, die etwa 2000 in Syrien stationierten US-Soldaten bald abziehen zu wollen. Auch die kurzzeitigen Bombardierungen syrischer Ziele nach dem mutmaßlichen Giftgasangriff in Duma ändern daran offenbar nichts.

Von der Lücke, die die USA im Nahen Osten hinterlassen, können nun andere profitieren: der Iran und Saudi-Arabien. Besonders aber Russland nutzt die Chance, um seine geopolitischen Interessen in der Region zu verfolgen. Tatsächlich hat die russische Unterstützung für Syriens Machthaber Baschar al-Assad die Wende im Syrienkrieg eingeleitet. Ob es einem passe oder nicht, so der außenpolitische Sprecher der Grünen, Omid Nouripour: "Wir werden in Syrien keine Lösung finden ohne eine Beteiligung Russlands."

Die USA nehmen im Nahen Osten mehr und mehr eine Statistenrolle ein. Und Washington muss sich nun der Erkenntnis stellen, die Tophoven so ausdrückt: "Die Nahostpolitik der USA ist im Grunde gescheitert." Bushs Mission war ein Fehlschlag auf der ganzen Linie.

Quelle: n-tv.de