Abschied vom Acht-Stunden-Tag?"Das Ende der täglichen Höchstarbeitszeit wäre ein Türöffner für den Zwölf-Stunden-Tag"

Die Sozialwissenschaftlerin Elke Ahlers von der gewerkschaftsnahen Böckler-Stiftung hält einen Umstieg vom Acht-Stunden-Tag auf eine Wochenarbeitszeit für falsch. "Gerade vor dem Hintergrund des demografischen Wandels müssen wir darauf achten, dass Beschäftigte gesund, motiviert und leistungsfähig bleiben."
ntv.de: Ist eine Änderung des Arbeitszeitgesetzes aus Ihrer Sicht notwendig oder ist die Flexibilität, die Union und SPD im Koalitionsvertrag als Ziel ausgegeben haben, schon heute gegeben?
Elke Ahlers: Eine Änderung des Arbeitszeitgesetzes ist unnötig, das Gesetz bietet bereits viel Flexibilität. Deshalb geht die Debatte um den angeblich starren Acht-Stunden-Tag an der Realität vorbei. Viele Menschen arbeiten schon jetzt sowohl flexibel als auch deutlich länger als acht Stunden, was ja gesetzlich auch möglich ist. Auch gibt es die Möglichkeit tariflicher Regelungen, mit denen bei Bedarf zusätzliche Flexibilitätsräume geschaffen werden können. Mit anderen Worten: Die Schutzregelungen des Arbeitszeitgesetzes sind kein Hindernis für Flexibilität - ihre Aufweichung wäre deshalb der falsche Weg.
Was würde Ihrer Ansicht nach schlechter durch eine Flexibilisierung der Arbeitszeiten?
Wenn die gesetzlichen täglichen Höchstarbeitszeiten aufgehoben werden, ist dies ein Türöffner für den Zwölf-Stunden-Tag. Alle arbeitswissenschaftlichen Erkenntnisse sprechen dagegen. Nicht nur gesundheitlich wäre es für die Arbeitnehmer mit Blick auf Erschöpfung und verringerter Schlafqualität schlecht. Auch aus volkswirtschaftlicher Sicht entstehen Nachteile. Mit zunehmender Arbeitsdauer lässt die Konzentrationsfähigkeit nach, die Fehleranfälligkeit steigt und damit das Risiko von Unfällen. Auch auf dem Heimweg, bei Pendlerfahrten mit dem Pkw, würde die Unfallhäufigkeit steigen. Wir tun uns keinen Gefallen, wenn wir einen zentralen arbeitszeitpolitischen Schutzstandard zugunsten vermeintlich größerer Flexibilität aufs Spiel setzen.
Gäbe es durch mehr Flexibilisierung nicht auch Vorteile mit Blick auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie?
Nein, dieses Argument wird durch die Forschung nicht gestützt. Im Gegenteil: Eine Abschaffung der täglichen Höchstarbeitszeiten kann dazu führen, dass Arbeitstage länger und Arbeitszeiten unplanbarer werden. Genau das erschwert die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Eine Studie des WSI zeigt, dass knapp drei Viertel der Beschäftigten negative Folgen längerer Arbeitstage für ihre Erholung und Gesundheit befürchten. Ebenso erwarten sie Nachteile für die Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit und Familienleben sowie für die Organisation ihres Alltags, wenn Arbeitstage von mehr als zehn Stunden möglich werden.
Warum forcieren Arbeitgeber und Union die Flexibilisierung dann so?
Die Befürworter argumentieren mit internationaler Wettbewerbsfähigkeit und Entbürokratisierung. Allerdings gibt es keine empirischen Belege dafür, dass eine Abschaffung täglicher Höchstarbeitszeiten zu mehr Wettbewerbsfähigkeit führen würde. Mehr Arbeitsstunden bedeuten nicht automatisch mehr Produktivität. Im Gegenteil: Mit zunehmender Arbeitsdauer können Ermüdung und Konzentrationsverluste zunehmen, wodurch die Produktivität pro Arbeitsstunde sogar sinkt.
Und selbst wenn Unternehmen bestimmte Dokumentationspflichten als bürokratisch empfinden, folgt daraus nicht automatisch, dass Schutzregelungen für gesunde und vereinbarkeitsfreundliche Arbeitszeiten aufgeweicht werden sollten.
Auch wäre zu überlegen, ob die Reform des Arbeitszeitgesetzes auch darauf abzielen soll, bislang unzulässige Arbeitszeitpraktiken in einzelnen Bereichen, wie unter anderem der Gastronomie, der Fleischindustrie oder der Saisonarbeit, nachträglich zu legalisieren. Hier gibt es oft überlange und schwer kontrollierbare Arbeitszeiten. Diese Bereiche würden von einer Lockerung der gesetzlichen Grenzen stark profitieren - allerdings zulasten der Beschäftigten.
Erklärtes Ziel der Union ist eine Erhöhung des Arbeitsvolumens. Ließe sich das mit einer Flexibilisierung der Arbeitszeiten erreichen?
Nein. Wir haben zurzeit so viele Erwerbstätige wie noch nie, auch wenn einige davon in Teilzeit arbeiten. Gleichzeitig sind heute mehr Mütter und ältere Menschen erwerbstätig als noch vor zehn, zwanzig Jahren. Viele dieser Beschäftigten brauchen jedoch planbare und verlässliche Arbeitszeiten. Längere tägliche Arbeitszeiten könnten dazu führen, dass sich gerade diese Erwerbstätigen wieder aus dem Arbeitsmarkt zurückziehen oder ihre Arbeitszeit sogar reduzieren.
Gerade vor dem Hintergrund des demografischen Wandels müssen wir darauf achten, dass Beschäftigte gesund, motiviert und leistungsfähig bleiben. Die Arbeitszeitpolitik sollte sich an den Menschen orientieren, die dem Arbeitsmarkt tatsächlich zur Verfügung stehen. Zur Fachkräftesicherung brauchen wir Rahmenbedingungen, die Beschäftigte langfristig im Erwerbsleben halten - nicht solche, die zusätzliche Belastungen schaffen und damit das Risiko eines vorzeitigen Ausstiegs erhöhen.
Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft hat als Kompromiss eine Flexibilisierung der Arbeitszeiten nur für Bürobeschäftigte vorgeschlagen. Eine sinnvolle Lösung?
Dass Leute im Büro arbeiten, heißt ja nicht, dass sie einen entspannten Job haben. Unter den Bürobeschäftigten sind viele, die enge Deadlines, viele nervenaufreibende Kundenkontakte haben und für die Multitasking und Stress ganz normal sind. Überlastung und gesundheitliche Probleme sind auch hier an der Tagesordnung.
Ein wichtiger Punkt gerade bei den sogenannten Bürobeschäftigten ist die Entgrenzung der Arbeit: Die Trennung von Arbeits- und Freizeit wird immer stärker verwischt. Viele Angestellte checken auch im Feierabend ihre Mails oder arbeiten in ihrer Freizeit, weil sie sonst nicht fertig werden. Dabei wissen wir aus arbeitswissenschaftlichen Untersuchungen, dass das zulasten der Erholungsfähigkeit und der Gesundheit geht. Gerade auch im Bürobereich muss ein Arbeitstag klare Grenzen haben, der den Beschäftigten Erholungsfähigkeit sichert.
Glauben Sie, dass viele Unternehmen eine Flexibilisierung der Arbeitszeit nutzen würden?
Davon gehe ich aus. Viele Unternehmen würden zusätzliche Spielräume nutzen, vor allem in Phasen hoher Auslastung oder bei Auftragsspitzen. Aus betrieblicher Sicht ist es natürlich attraktiv, die vorhandene Belegschaft länger einzusetzen, anstatt zusätzliches Personal einzustellen. Problematisch wäre es, wenn längere tägliche Arbeitszeiten vom Ausnahmefall zum Regelfall würden. Die gesetzlichen Höchstarbeitszeiten dienen dem Schutz der Gesundheit und der Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben. Deshalb sollte es nicht zur Normalität werden, dass Arbeitgeber die tägliche Arbeitszeit regelmäßig über zehn Stunden hinaus ausweiten können.
Wie wichtig ist das Thema aus Ihrer Sicht?
Sehr wichtig. Die Begrenzung der täglichen Arbeitszeit gehört zu den zentralen Schutzstandards der Arbeitswelt. Für den Achtstundentag haben Gewerkschaften lange gekämpft. Wird dieser Schutz einmal aufgeweicht, lässt er sich nur schwer wieder zurückholen. Deshalb sollten wir sehr genau prüfen, welche Probleme tatsächlich gelöst werden und welche neuen Risiken dadurch entstehen.
Mit Elke Ahlers sprach Hubertus Volmer