Politik

Affäre erschüttert Frankreich Das Ende des French Way of Love

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Das war einmal. Auch in Frankreich ändern sich die Zeiten.

(Foto: imago/United Archives International)

In Frankreich sind Affären Alltag - was den Bürgern möglich ist, galt stets auch für die Mächtigen. Doch seit der Videoaffäre um den Macron-Vertrauten Griveaux ist klar: Die lockeren Zeiten sind vorbei. Vom Ende eines Hoffnungsträgers.

Was waren das für Zeiten: Als Francois Hollande in tiefster Nacht mit dem Motorroller durch Paris fuhr, um seine Geliebte zu besuchen: Julie Gayet, einen Star der französischen Filmszene. An besonderen Abenden brachte er sogar Croissants mit ins gemeinsame Liebesnest, berichteten gut unterrichtete Kreise. Hollande war zu der Zeit Präsident - und wer einmal mit dem Roller durch Paris gefahren ist, der weiß: Das ist ein ziemliches Sicherheitsrisiko. Aber so ist es nun mal in Frankreich: Für die Liebe begibt man sich in Gefahr.

Seit Jahrhunderten ist es der gute Ton in Frankreichs Gesellschaft: Eine Affäre gehört zum Leben. Ob im Büro oder in der Sommerfrische - betrogen wird landauf, landab - und zwar komplett egalitär zwischen den Geschlechtern.

Was den Bürgern möglich war, sollte den Herrschern nicht vorenthalten sein. Ganz Frankreich munkelte jahrelang über eine Mätresse des beliebten Langzeitpräsidenten Francois Mitterand. Zwei Jahre vor seinem Tod wurde die Beziehung zu einer 27 Jahre jüngeren Frau offenkundig, sogar eine Tochter ging aus der Beziehung hervor.

Valery Giscard d'Estaing, Jaques Chirac, Nicolas Sarkozy: Ihnen allen sagten die Franzosen Affären nach. Doch es blieb bei Geraune und, wenn es schließlich herauskam, bei stiller Bewunderung. Nie wurde nachgetreten oder jemand aus dem Amt gejagt.

2020 ist alles anders. Eine Affäre hat einen Hoffnungsträger von der politischen Bühne verscheucht, er wird sich nicht so schnell davon erholen.

Der Imagewandel des Karrieristen

Benjamin Griveaux heißt der Mann, und er war einer der engsten Vertrauten von Präsident Emmanuel Macron. Ein Karrierist, ein Aufsteiger, ein Mann, der stets arrogant und steif wirkte. Als Regierungssprecher konnte er das sein. Doch vor Monaten trat er zurück, weil der Präsident ihn vorschickte, um Bürgermeister von Paris zu werden. Mit Arroganz kam Griveaux da nicht weiter. Er musste Everybody's Darling werden. Ein Plan, den er anging, indem er Homestories machte, sich als freundlichen Familienvater von zwei kleinen Kindern porträtieren ließ, glückliche Ehe inklusive.

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Eigentlich wollte er nur Everybody's Darling werden: Benjamin Griveaux.

(Foto: dpa)

Der Imagewandel ging einigermaßen auf, auch wenn die Amtsinhaberin Anne Hidalgo stets populärer blieb. Bürgermeister von Paris - das ist in Frankreich was, da kann dann Großes folgen.

Doch dann kam das Video. Ein kurzer Film, bei dem nie bestätigt wurde, dass es wirklich Griveaux ist, der da masturbiert. Doch der Rückzug des Politikers spricht Bände. Er soll diesen Film seiner Geliebten geschickt haben, einer jungen Frau im lothringischen Metz. Als Teil einer lange bestehenden Affäre. Als immer mehr Zeitungen und Fernsehsender berichten, reicht es Griveaux und er wirft hin, aus Rücksicht auf seine Familie, wie er in einer beinahe archetypischen Inszenierung bekanntgibt. Da steht ein Mann im schwarzen Anzug vor einer grauen Wand und alles in seinem Gesicht, in seinen Gesten, in seiner Verletzlichkeit zeigt, was die letzten Tage mit Macrons einstigem Hoffnungsträger gemacht haben.

Es ist keine Show, oder besser: nicht nur Show. Denn für Frankreich sind Rücktritte nach Affären ein wirkliches Novum. So ist Griveaux ein geschlagener Politiker, aber mehr noch ist er selbst überrascht von der Wucht, die die Video-Veröffentlichung ausgelöst hat. Keiner in Frankreich wünscht sich amerikanische Verhältnisse, wo ein Seitensprung einen Politiker ins Aus - oder besser noch in ein öffentlichkeitswirksames Amtsenthebungsverfahren treiben kann, wie es bei Bill Clinton der Fall war.

Der Fall Griveaux beschäftigt alle

Was im Schlafzimmer - oder im Büro - geschieht, soll in Frankreich auch möglichst genau dort bleiben. Und dennoch berichten die Abendnachrichten über den Fall Griveaux so ausführlich, dass er in den ersten drei Tagen die Hälfte der Sendung ausmacht. Woran das liegt, darüber streiten die Franzosen noch immer: Ist es die Omnipräsenz der sozialen Medien, ist es das Bekenntnis des russischen sogenannten Künstlers, der das Video hochgeladen hat, um die Doppelzüngigkeit von Griveaux zu entlarven - Gerüchte besagen, er habe sogar die junge Gespielin auf den Politiker angesetzt - oder ist es schlicht die Leichtsinnigkeit einer Polithoffnung, die das Land fasziniert?

So ist das Video einer Selbstbefriedigung zum Problem des Präsidenten geworden, der ohnehin genug Probleme hatte, als seien Gilet Jaunes, Rentenreform und Deutschlands fehlende Führung nicht Ärger genug: Denn Macron musste Ersatz suchen für die prestigereiche Paris-Wahl - und fand ihn ausgerechnet in Agnès Buzyn, seiner Gesundheitsministerin. Die kümmerte sich eigentlich aufopferungsvoll um das Coronavirus und muss nun in weniger als einem Monat das Wahlfeld von hinten aufräumen. Leicht wird das nicht. Kritiker sagen, es ist gänzlich unmöglich.

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Und auch andere Macron-Vertraute bringen sich in Schwierigkeiten. Weil der Sozialist Oliver Faure den Bürgermeisterkandidaten Griveaux kritisierte, erdreistete sich daraufhin der Innenminister Christophe Castaner: Er habe Faure durch seine Scheidungen und Trennungen begleitet, ausgerechnet der würde jetzt austeilen. Macrons wichtigster Minister zerrt plötzlich das Privatleben eines Konkurrenten auf die Radiobühne - dafür erntete er nicht nur Kopfschütteln.

Bei den Bürgern hingegen funktioniert es noch in unserem Nachbarland. Die Häme für Griveaux ist einer Wut gewichen: darauf, dass der Mann wegen privater Dinge seine Karriere verlor. Die letzten Tage spülten eine Welle der Sympathie heran. Gut möglich, dass er es also nochmal versuchen kann mit den politischen Ämtern, wenn Gras über Video und Affäre gewachsen ist.

Quelle: ntv.de