Politik

Das Ziel: Menschen zu brechen Das ist Nawalnys Strafkolonie in Pokrow

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Das Straflager "IK 2" liegt rund 100 Kilometer östlich von Moskau.

(Foto: AP)

Der russische Oppositionsanführer Alexej Nawalny muss seine Haftstrafe in einem Straflager 100 Kilometer von Moskau entfernt absitzen. Früher war die Kolonie in Pokrow für regelmäßige Folter bekannt. Noch immer gilt sie als das härteste Straflager Russlands.

Ende der letzten Woche wurde in Russland heftig darüber diskutiert, was mit dem bekanntesten Putin-Gegner Alexej Nawalny aktuell passiert. Wegen angeblicher Verstöße gegen Meldeauflagen in einem früheren, international viel kritisierten Verfahren war der 44-Jährige Anfang Februar zu zwei Jahren und acht Monaten Straflager verurteilt worden. Nach dem Urteil wurde Nawalny zunächst allerdings in einem Untersuchungsgefängnis festgehalten. Am 12. März berichteten dann die Anwälte des Politikers, dass Nawalny das Untersuchungsgefängnis mit unbekanntem Ziel verlassen hatte.

Danach fehlte von ihm tagelang jede Spur. Erst am 15. März bestätigte sich, was die russischen Staatsmedien zuvor mit Verweis auf eine anonyme Quelle angedeutet hatten: Nawalny befindet sich in einem Straflager in der Stadt Pokrow im Bezirk Wladimir, rund 100 Kilometer östlich von Moskau. Wenig später meldete sich Nawalny selbst bei Instagram. "Ich hatte keine Ahnung, dass man 100 Kilometer von Moskau ein echtes Konzentrationslager errichten kann", schreibt der Politiker in einer drastischen Zuspitzung, wobei unklar blieb, ob er selbst den Eintrag schrieb oder sein Team. Nawalny betonte zugleich, im Straflager bisher keine Gewalt erlebt zu haben. Die Methoden hätten sich geändert, meint der inoffizielle Anführer der russischen Opposition: "Ich kann mich an keinen Ort erinnern, an dem alle derart höflich sprechen."

Doch dies sei nur Fassade. "Es geht hier um buchstäbliche Erfüllung endloser Regeln", betont Nawalny. "Schimpfwörter sind etwa verboten, und dieses Verbot wird strikt durchgesetzt. Überall sind Videokameras und selbst beim kleinsten Regelverstoß wird gleich nach oben berichtet." Letztlich durften auch die Anwälte Nawalny wieder treffen. Danach teilten sie mit, ihr Mandant werde unter anderem in der Nacht jede Stunde geweckt, weil er noch im Untersuchungsgefängnis als fluchtanfällig eingestuft worden sei. Dies sei eine grobe Verletzung der Persönlichkeitsrechte.

Nawalnys Kolonie ist "ultrarot"

In der Vergangenheit war die auf 800 Insassen ausgelegte Kolonie für regelmäßige Folter der Häftlinge bekannt. Unter einem neuen Chef hat sich die Lage in den letzten Jahren etwas verbessert, sagte die Anwältin Marija Eismont dem russischen Exil-Medium "Open Media" mit Sitz in Estland. Dafür sind die grundsätzlichen Bedingungen offenbar noch strenger geworden. Eismont war unter anderem Anwältin eines Aktivisten, der für seine Teilnahme an einer nichtgenehmigten Demonstration zu einundeinhalb Jahren Straflager verurteilt wurde. Diese Zeit hat er in der Nawalny-Kolonie verbracht.

Russische Straflager sind entweder "schwarz" oder "rot". "In den 'schwarzen' Kolonien wird die Situation meist von lokalen Verbrecherbossen kontrolliert", schreibt der russische Dienst der britischen BBC. "Dort sind Regelabweichungen wie zum Beispiel die illegale Benutzung von Handys möglich. In den 'roten' Straflagern hat deren Verwaltung die volle Macht. Dort ist das Regime viel härter." Nawalnys Kolonie sei "ultrarot", sagte Marija Eismont. "Unter den Verurteilten durften nur ein bis zwei Menschen mit meinem Mandanten kommunizieren", so die Juristin. "Für einen Anwalt war es halt extrem schwer, dorthin zu gelangen. Ich habe kein anderes Straflager erlebt, in dem ich fünf bis sechs Stunden warten musste. Dort wird alles dafür getan, um politische Gefangene völlig zu isolieren."

Ihr Mandant, Konstantin Kotow, war selbst keiner Gewalt ausgesetzt, weiß aber, dass in der Kolonie gefoltert wurde. "Mir ist bekannt, dass sie dort regelmäßig auf die Fersen schlagen", erzählte er. "Daran sind auch Häftlinge beteiligt, die mit der Verwaltung zusammenarbeiten. Gehört habe ich auch von den Drohungen der Anwendung sexueller Gewalt gegen andere Verurteilte. Zudem gibt es dort zwei Industriezonen, wo ich nie gelandet bin, weil ich aus welchem Grund auch immer in der Abteilung für Behinderte untergebracht war. Nach meiner Kenntnis werden in diesen Zonen aber Menschenrechte ernsthaft verletzt. Entweder wird das verdiente Geld nicht ausgezahlt, oder es wird überhaupt ohne Arbeitsvertrag gearbeitet." Arbeit ohne Lohn gibt es auch in russischen Haftanstalten nicht; formal darf die Bezahlung nicht unter dem Mindestlohn liegen.

Der russische Nationalist Dmitrij Demuschkin, der 2017 für das Reposten eines Fotos vom rechten "Russischen Marsch" verurteilt worden war, verbrachte acht Monate im sogenannten "Sektor der verstärkten Kontrolle A" der Nawalny-Kolonie. Gegenüber "Mediazona", einer Nachrichtenseite, die von zwei ehemaligen Mitgliedern der politischen Punkband Pussy Riot gegründet wurde, bezeichnete er das Straflager als "das härteste in Russland in Bezug auf das Brechen der Menschen". Besonders im "Sektor der verstärkten Kontrolle" nahm Demuschkin nach eigenen Angaben mehr als 40 Kilo ab.

Auch Nawalny ist mittlerweile in diesem "Sektor der verstärkten Kontrolle" gelandet. "Er wird dort nichts sehen und schlicht stets mit gesenktem Kopf stehen. Berührt wird er dort zwar nicht. Aber wenn er die geltenden Regeln nicht beachtet, werden andere Häftlinge dafür bestraft", sagte er. Demuschkin hat im Sektor durchaus kreative Methoden erlebt, mit denen Menschen gepeinigt werden sollen. "Man hat vier Stunden lang Übungen in einem stickigen Raum gemacht und dann geht man gleich auf die Straße, während es dort noch kalt ist", was bei russischen Temperaturen mehr als unangenehm sein kann. "In diesem Straflager hilft weder der Gesellschaftsstand noch das Geld. Starke Persönlichkeiten überraschen dort niemanden. Dieses System wurde seit Jahrzehnten getestet, um am Ende die Menschen zu brechen."

Quelle: ntv.de

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