Politik

Interview mit Historiker "Der Kreml versucht, den Krieg in die Länge zu ziehen"

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Russische Truppen in Mariupol.

(Foto: REUTERS)

Moskaus Streitkräfte kommen in der Ukraine nur schleppend voran. Im Gespräch mit ntv.de deckt der Historiker Christian Hartmann Fehler und Schwächen der russischen Armee auf. Er warnt: Auch eine Niederlage Putins könnte für den Westen gefährlich werden.

ntv.de: Einen Monat nach Kriegsbeginn scheint die russische Armee vom Erreichen ihrer Ziele weit entfernt zu sein. Was lief in den vergangenen Wochen aus Sicht Moskaus schlecht?

Christian Hartmann: Bislang kann man den genauen Kriegsverlauf nur erahnen. Schon Clausewitz spricht vom "Nebel der Ungewissheit", der über jedem Kriegsgeschehen liegt. Durch soziale Netzwerke und die mediale Berichterstattung können wir uns allerdings ein erstes Bild machen. Soweit wir sehen, starteten die Russen mit einer Operation, wie sie beispielsweise auch in Afghanistan Anwendung fand, nämlich dem Einsatz von Fallschirmjägern auf dem Flughafen Hostomel bei Kiew. Das klassische Muster: Man fliegt mitten in das Herz des Gegners und schaltet die Führungszentrale aus. Gleichzeitig kommen über den Landweg konventionelle Streitkräfte und versuchen das Land zu durchdringen und auf diese Weise zu "erobern". Allein schon dieser Überraschungscoup ist nicht so gelaufen, wie man sich das ursprünglich gedacht hat.

Eine Luftlandung nahe der feindlichen Hauptstadt klingt nach einem sehr risikoreichen Unternehmen.

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Christian Hartmann ist Leiter des Forschungsbereichs Einsatz am Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr in Potsdam.

(Foto: picture alliance / dpa)

In Kabul hat das 1979 geklappt, aber diesmal eben nicht. Ich denke, diese fehlgeschlagene Operation ist charakteristisch für die Gesamtlage. Die russische Armee hat sich überhaupt nicht auf diesen starken Widerstand eingestellt. Was mich als Fachmann vor allem erstaunt, sind die vielen aufgegebenen Militärfahrzeuge, die man auf Fotos und in Videos sieht. Als Soldat lernt man eigentlich, das eigene Gerät unbrauchbar zu machen, wenn man es aufgibt. Das gehört zum kleinen Einmaleins. Was auch deutlich wird: Die logistische Versorgung und die Instandsetzung funktionieren nicht. Es werden auch andere Mängel sichtbar. Dennoch darf man jetzt nicht dazu übergehen, die Schlagkraft der russischen Armee insgesamt zu unterschätzen.

In der Ukraine beginnt nun die Schlammperiode, Rasputiza genannt. Diese hatte bereits 1941 die Wehrmacht ausgebremst. Wie könnte sich der Wetterumschwung auf die Kämpfe auswirken?

Die historische Erfahrung zeigt, dass es im östlichen Europa zwei Jahreszeiten gibt, in denen man einen Bewegungskrieg führen kann - im Sommer und im Winter. Wir haben natürlich nicht mehr dieselben Verhältnisse wie in den 1940er Jahren. Mittlerweile gibt es in der Ukraine viele asphaltierte Straßen. Trotzdem muss man beachten: Wenn die russische Armee verhindern will, dass ihre Vorstöße kanalisiert werden, ist sie darauf angewiesen, sich auch Wege abseits der großen Verbindungslinien zu suchen.

Dabei darf man nicht vergessen: Die Reichweite eines Panzers im Gelände ist begrenzt. Zu den Einsatzorten wird er in der Regel per Eisenbahn befördert. Und wenn die zentralen Verbindungslinien umkämpft oder gekappt sind, dann kann das den russischen Vormarsch behindern, möglicherweise sogar ganz aufhalten. Ich interpretiere das russische Verhalten so, dass sie derzeit versuchen, ihre Positionen vor den Städten wie Kiew und Mariupol auszubauen, um Entscheidungen durch Belagerungen zu erzwingen.

Also weg vom Bewegungskrieg hin zum Stellungskrieg?

Genau. Ich glaube, Putin verfolgt inzwischen eine Art "syrische Lösung". Statt eine militärische Entscheidung auf dem Schlachtfeld zu erzwingen, verlagert er sich auf einen Terrorkrieg gegen die Zivilbevölkerung. Die Kunst der Kriegführung ist es ja, möglichst schnell mit möglichst wenig Verlusten eine Entscheidung herbeizuführen und dabei die völkerrechtlichen Grundsätze zu beachten. Jetzt passiert genau das Gegenteil. Der Kreml versucht den Krieg in die Länge zu ziehen und die schwachen, völkerrechtlich geschützten Gruppen so weit wie möglich zu schädigen.

Mit Blick auf die Sanktionen des Westens: Ist Zeit nicht eigentlich ein Faktor, der den Ukrainern in die Hände spielt?

Eigentlich schon. Aber es ist die einzige Möglichkeit, die den Russen noch bleibt. Sie kriegen den Gegner ja nicht wirklich zu packen. Dann versuchen sie eben die Großstädte zu zerstören und damit auch die gesamte Infrastruktur. Die Russen haben mit einem Überraschungscoup gerechnet, wie 2014 auf der Krim. Aber diese Option gibt es nicht mehr. Momentan ist es ein Abnutzungskrieg und der wird weniger gegen die feindliche Armee geführt, sondern zunehmend gegen die Zivilbevölkerung. Das ist katastrophal.

Was verrät der Krieg bislang über die Schwächen der russischen Armee?

Zunächst einmal die große Unerfahrenheit der jungen Soldaten, die dem militärischen Ernstfall erstaunlich wenig entgegenzusetzen haben. Die klassische Stärke der russischen Armee liegt ja in ihrer Masse. Doch schon zu Sowjetzeiten, insbesondere in der Endphase des Kalten Krieges, waren Teile der Streitkräfte schlichtweg verrottet. Im Bereich Logistik, Instandsetzung und Fernmeldewesen scheinen tiefgreifende Probleme zu herrschen. Auch das Gefecht der verbundenen Waffen funktioniert nicht. Mit Hubschraubern, die den Marschkolonnen Deckung geben, könnte man Hinterhalte relativ leicht unterbinden. Doch offenbar ist man in der Ukraine dazu nicht fähig.

Wenn es weiterhin keinen Durchbruch bei den Verhandlungen gibt und die Kämpfe andauern - wie lautet Ihre Prognose für die kommenden Wochen?

Noch ist völlig offen, in welche Richtung sich die Dinge entwickeln. Die entscheidende Frage lautet: Welche Konsequenzen wird Putin aus der Lage ziehen? Wenn sein Vorhaben scheitert, ist es fraglich, ob sein Regime diese Niederlage verkraften wird. Dann muss man sich natürlich auch die Frage stellen: Wäre Putin bereit, noch weiter zu eskalieren? Es könnte auch sein, dass Putins Machtstellung in Russland selbst instabil wird. Im Falle seiner persönlichen Gefährdung ist eine weitere Eskalation dieses Krieges durchaus denkbar - nicht nur in der Ukraine. Das könnte auch für den Westen sehr gefährlich werden. Im schlimmsten Fall würde ein russischer Bürgerkrieg drohen.

Mit Christian Hartmann sprach Janis Peitsch

Quelle: ntv.de

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