Politik

Spuren aus Aleppo Wer steckt hinter der Belagerung von Mariupol?

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Michail Misinzew ist seit 2014 der Leiter des Nationalen Zentrums für Verteidigungsmanagement in Russland.

(Foto: picture alliance/AP Photo)

Seit Wochen wird Mariupol von russischen Truppen belagert. Die ukrainische Hafenstadt ist mittlerweile größtenteils zerstört - immer wieder geraten zivile Einrichtungen unter Beschuss. Die Angriffe weisen Parallelen zu jenen auf das syrische Aleppo auf. Das könnte kein Zufall sein.

Die Lage in Mariupol ist so schlimm, dass sie von der Menschenrechtsorganisation "Human Rights Watch" als "eiskalte Höllenlandschaft mit vielen Leichen und zerstörten Gebäuden" beschrieben wird. Tausende Bewohner der ukrainischen Hafenstadt kamen bei den Bombardierungen von Wohnhäusern und Kliniken durch russische Truppen bereits ums Leben. Journalisten berichten von Kinderleichen in Massengräbern, Lebensmitteln, die knapp werden und einer unterbrochenen Strom- und Wasserversorgung. 90 Prozent der Stadt sind laut den ukrainischen Behörden bereits zerstört. In den Ruinen harren noch 100.000 Menschen aus, wie der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj in einer Ansprache sagte. Der griechische Diplomat Manolis Androulakis verließ die Stadt erst vor wenigen Tagen. Er vergleicht Mariupol mit dem syrischen Aleppo - einer Stadt, "die durch den Krieg vollständig zerstört wurde".

Aleppo lag nach den Angriffen des von Russland unterstützten syrischen Regimes in Schutt und Asche. Es wurden ebenso wie in der ukrainischen Stadt Wohngebiete, Schulen und Krankenhäuser beschossen. Ähnlich wie in Mariupol verursachten die Angreifer in der Stadt eine humanitäre Katastrophe, die für Bewohner durch gescheiterte Evakuierungsversuche zur Falle wurde. Auch Aleppo wurde 2016 von "Human Rights Watch" mit der Hölle verglichen.

Die Parallelen der Belagerungen von Aleppo und Mariupol sind offenbar kein Zufall. Denn nach Angaben ukrainischer Behörden sind beide Bombardierungen von demselben Kommandeur koordiniert worden. Der 59-jährige Generaloberst Michail Misinzew soll für die verheerenden Angriffe verantwortlich sein - ein Mann, der von ukrainischen Stimmen "Schlächter von Mariupol" genannt wird.

"Er persönlich leitet die Belagerung"

"Erinnern Sie sich an ihn", schreibt Oleksandra Matviichuk, die Leiterin des Zentrums für bürgerliche Freiheiten, auf Twitter. "Das ist Mikhail Mizintsev. Er war es, der die Bombardierung eines Kinderkrankenhauses, eines Theaters usw. angeordnet hat. Er hat große Erfahrung mit der Zerstörung von Städten in Syrien." Bei dem Angriff auf das Theater in Mariupol starben rund 300 Menschen, wie die Stadt jüngst bekannt gab. Hunderte Menschen hatten in dem Keller des Gebäudes Schutz gesucht. Nach dem Anschlag auf die Geburtsklinik der Stadt ging das Bild einer verletzten Frau um die Welt - sie und ihr ungeborenes Kind überlebten diesen Angriff nicht. Auch nach diesen Angriffen ging der Beschuss ziviler Ziele weiter. Matviichuk fordert daher, den Generaloberst wegen Kriegsverbrechens auf der Anklagebank "in Den Haag wiederzutreffen".

Auch Ilya Ponomarev, ein ehemaliger russischer Duma-Abgeordneter, der mittlerweile im Exil lebt, sieht Misinzew in der Verantwortung. "Die Belagerung von Mariupol wird persönlich von Generaloberst Mikhail Mizintsev geleitet", twittert er. Gleiches schreibt Anton Gerashchenko, ein Berater des ukrainischen Innenministeriums, auf Telegram. Erkenntnisse über die Beteiligung des Generalobersts hat auch die ukrainische Armee. "Generaloberst Mykhailo Mizintsev, der die Operation in Syrien leitete, ist für den Beschuss von Mariupol verantwortlich", teilt Serhiy Bratchuk, der Sprecher des militärischen Hauptquartiers in Odessa, auf Telegram mit. "Er ist es, der Mariupol zerstört, so wie er früher syrische Städte zerstört hat." Die Anschuldigungen der Ukraine deuten alle in eine Richtung - in die des ranghohen Generals. Wer aber ist der Mann mit den eisblauen Augen? Wer ist der Mann, der für Tausende Tote in Mariupol verantwortlich sein soll?

Michail Misinzew wurde 1962 in dem russischen Dorf Averinskaya geboren. Aus militärischer Sicht gleicht sein Lebenslauf einer Vorzeigekarriere: Ausgebildet wurde er in der Ukraine, an der Höheren Schule für kombinierte Waffen in Kiew. Ähnlich wie der russische Präsident Wladimir Putin führte es ihn anschließend nach Deutschland. Misinzew war Kommandeur eines Aufklärungszuges in der sowjetischen Armee in Ostdeutschland. Anschließend folgte eine Beförderung auf die andere, bis er schließlich Leiter der Kommandostelle des Generalstabs der russischen Streitkräfte wurde. Die Position dürfte ein Sprungbrett gewesen sein, denn als als 2014 das Nationale Zentrum für Verteidigungsmanagement der Russischen Föderation gegründet wurde, übernahm Misinzew prompt die Funktion des Leiters, die er bis heute innehat.

Das russische Zentrum für Verteidigungsmanagement sei der "Situationsraum" für militärische Operationen auf höchster Ebene, erklärte Mark Galeotti, Experte für russische Verteidigung am Royal United Services Institute für Verteidigungs- und Sicherheitsstudien in London gegenüber der britischen Zeitung "The Times". Die Aufgaben des Amtes sind vor allem organisatorischer und strategischer Natur - unter anderem ist es für die Truppen-Koordination im Krieg zuständig.

Telefonat soll Brutalität zeigen

Seit 2017 ist Misinzew Generaloberst und trägt damit den dritthöchsten Dienstgrad in Russland. Obwohl bisher wenig über den Drei-Sterne-General bekannt geworden ist, eilt ihm ein äußerst brutaler Ruf voraus. Ein Indiz dafür könnte ein Telefongespräch sein, welches der ukrainische Sicherheitsdienst abhörte und welches der ehemalige Botschafter der Ukraine in Österreich, Olexander Scherba, nun auf Twitter veröffentlichte. Bei der rund zweiminütigen Tonspur soll es sich um ein Gespräch zwischen Misinzew und einem ihm untergebenen Offizier handeln.

"Seht euch diesen kleinen Abschaum an. Nicht in Uniform, sondern in seinem Abschaum-Pullover", hört man Misinzew vermeintlich sagen. "Warum dient er noch? Warum ist sein Gesicht noch nicht zerschunden? Warum sind seine Ohren nicht abgeschnitten? Warum wurde er nachts nicht mit einer Flasche verprügelt? Hm, Genosse Abschaum?"

Ob die Stimme im Telefonat dem russischen Generaloberst gehört, kann nicht unabhängig geprüft werden. Handelt es sich jedoch tatsächlich um Misinzew, wäre der Audioausschnitt ein Beleg dafür, dass er selbst gegenüber den eigenen Truppen mit aller Härte auftritt. Ex-Botschafter Scherba schreibt zu dem Gesprächsausschnitt: "Der Schlächter von Mariupol - Mizintsev." Laut ukrainischen Behörden und Medien wendet der Oberst jene Gewalt in der Ukraine an, die er in Aleppo erlernt hat. Tatsächlich gehört die russische Offensive in Syrien zu einem der ersten Einsätze des Zentrums für Verteidigungsmanagement.

Parallelen zu Aleppo

Vor allem zwischen 2015 und 2016, kurz nach der Gründung der Institution, unterstützten russische Streitkräfte die syrische Regierung durch eine Reihe von Luftangriffen. Viele davon trafen Syriens zweitgrößte Stadt Aleppo. Die russischen Angriffe "haben zu den blutigsten Tagen des syrischen Bürgerkriegs" geführt, sagten lokale Journalisten zu "Human Rights Watch". Mindestens 1640 Zivilisten seien durch diese Angriffe getötet worden, schätzte das Syrische Netzwerk für Menschenrechte. Daran könnte Misinzew einen bedeutenden Anteil tragen. Als Direktor des Nationalen Zentrums für Verteidigung sei Oberst Misinzew "höchstwahrscheinlich maßgeblich an der Ausarbeitung der russischen Militärstrategie beteiligt" gewesen, schreibt "The Times".

Nicht nur die Ukraine, auch internationale Experten sehen bedeutende Parallelen zwischen der russischen Kriegsführung in Aleppo und der in der Ukraine. So sagt Ahmed Rahal, ein ehemaliger General der syrischen Armee und heutiger Militäranalyst, gegenüber dem britischen "Telegraph", dass die Kriegshandlungen in der Ukraine "im Wesentlichen aus demselben Manuskript" wie die Methoden in Aleppo stammen.

Russland hat die Rolle von Misinzew in Mariupol nicht bestätigt. Sicher ist jedoch, dass der Generaloberst in die Einsätze in der Hafenstadt verwickelt ist. Öffentlich bekannt wurde er, als er den ukrainischen Truppen in Mariupol ein Ultimatum stellte und sie zur Kapitulation aufforderte. "Es hat sich eine schreckliche humanitäre Katastrophe entwickelt", sagte er. "Allen, die ihre Waffen niederlegen, wird eine sichere Ausreise aus Mariupol garantiert." Die ukrainische Seite lehnte dies umgehend ab. "Von einer Kapitulation, einer Niederlegung der Waffen, kann keine Rede sein", entgegnete die stellvertretende ukrainische Ministerpräsidentin Irina Vereschtschuk. Jüngst verkündete Misinzew zudem einen sicheren See-Korridor für ausländische Schiffe im Schwarzen Meer.

Putins Propagandagesicht

International hielt sich der Generaloberst bis dahin zwar größtenteils im Hintergrund, in Russland ist er jedoch schon länger das Gesicht von Putins Propagandamaschine zur Belagerung von Mariupol. Im staatlichen Fernsehen nannte er die Mitarbeiter ukrainischer Behörden "Banditen", "Neonazis" und Nationalisten, die in der Ukraine "Massenterror" ausübten. Auch behauptete er, dass Russland keine schweren Waffen gegen die Stadt und humanitäre Korridore eingesetzt hat. Vielmehr seien es die Ukrainer, die ihre Zivilisten nicht aus Mariupol ließen, heißt es in einem Statement von ihm auf der Homepage des russischen Verteidigungsministeriums. Jüngst verkündete Misinzew in Russland, dass "ukrainische nationalistische Kräfte an mindestens zwei Orten der Ukraine Provokationen mit gefährlichen Chemikalien vorbereiten". Die USA sehen in diesen Warnungen hingegen, eine "echte Bedrohung", dass Russland selbst diese Waffen in der Ukraine einsetzen wird.

Genau wie Putin jongliert Misinzew mit Vorwürfen an den Westen und Warnungen vor jenen Angriffen des Gegners, die möglicherweise von eigener Seite geplant sind. Misinzew nutzt damit nicht nur Putins "Neonazi"- und "Denazifizierungs"-Rhetorik, sondern hat auch seine Taktik übernommen. Über das tatsächliche Verhältnis des Generalobersts zum russischen Präsidenten ist wenig bekannt - Gerashchenko nennt Misinzew in seinem Telegram-Post jedoch "Putins Liebling".

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Verteidigungsexperte Galeotti hält den Generaloberst für keine bekannte Persönlichkeit in russischen Verteidigungskreisen. Gegenüber "The Times" stellt er zumindest in Frage, wie viel Autorität Misinzew zukomme. "Eines der großen Rätsel des Kriegs ist die Frage, wer eigentlich die operativen Entscheidungen trifft", sagte er. Abgesehen von Putin "scheint es keinen einzigen militärischen Befehlshaber zu geben".

Es wäre jedoch zumindest nicht überraschend, dass Putins "Lieblings"-General ausgerechnet für Mariupol zuständig ist. Die Stadt liegt am Asowschen Meer, in ihr werden Schiffe repariert und Maschinen hergestellt. Schaffen es die russischen Truppen, die Stadt einzunehmen, würde ihnen das nicht nur den Landkorridor zur Halbinsel Krim sichern, sondern auch die ukrainische Wirtschaft und Kriegsführung ernsthaft in Bredouille bringen. Es ist also kein Zufall, dass Mariupol diese enorme Eskalation an Brutalität erlebt. Ob Michail Misinzew für sie verantwortlich ist, ist nicht sicher. Die Indizien sprechen jedoch dafür, dass er zumindest in sie verstrickt ist.

Quelle: ntv.de

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