Nur scheinbar ein Widerspruch"Der Krieg endet", aber Russland rüstet massiv auf
Von Artur Weigandt
Öffentliche Friedenssignale, parallel läuft die Rekrutierung von Hunderttausenden: Putins Doppelstrategie soll zu Hause einen "Sieg" verkaufen - und die Tür für die nächste Runde offenhalten.
Die Enthüllung einer internen Präsentation der russischen Präsidialverwaltung, Wladimir Putins Äußerung vom 9. Mai, "Ich denke, die Sache kommt zu einem Ende", und die fast zeitgleichen Warnungen ukrainischer Quellen vor einer massiven neuen Rekrutierungswelle in Russland ergeben auf den ersten Blick ein widersprüchliches Bild.
Vor wenigen Tagen veröffentlichte das von dem früheren Oligarchen Michail Chodorkowski gegründete Dossier Center eine Präsentation, die "aus dem Umfeld der Präsidialverwaltung" stammen soll. Detailliert beschreibt das Dokument ein Szenario, in dem die ursprünglichen Kriegsziele des russischen Angriffs gegen die Ukraine verfehlt werden.
Russland erreicht demnach lediglich eine volle Kontrolle über die Gebiete Luhansk und Donezk. Cherson und Saporischschja werden entlang der Front geteilt, aus Sumy und Charkiw zieht sich die russische Armee zurück. Einen Sturz der ukrainischen Regierung, von Russland als "Entnazifizierung" bezeichnet, erwartet die Präsidialverwaltung nicht mehr.
"Hurra! Russland hat gesiegt"
Die begleitende Propagandakampagne dazu soll dennoch lauten: "Hurra! Russland hat gesiegt. Das ist unbestreitbar." Putin habe den Westen "überlistet", eine Nato-Erweiterung verhindert und die russische Souveränität verteidigt. Die zentrale Formel lautet: "Wir glauben an den Präsidenten. Er hat wieder alle überlistet."
Und während der Kreml offenbar ein "Bild des Sieges" für einen Kompromissfrieden vorbereitet, berichten ukrainische Stellen von Plänen, 2026 weitere Hunderttausende Soldaten zu rekrutieren. Präsident Wolodymyr Selenskyj warnte bereits Ende April, Russland bereite trotz enormer Verluste eine Ausweitung der Mobilisierung sowie neue Offensiven vor.
Der scheinbare Widerspruch fügt sich bei genauerer Betrachtung zu einer klassischen Putin-Doppelstrategie zusammen: militärisch aus der Position der Stärke verhandeln oder drohen, während die eigene Bevölkerung propagandistisch auf einen "glorreichen Frieden" eingestimmt wird.
Testballon am Tag des Sieges
Putins Aussage vom 9. Mai, dem Tag des Sieges in Moskau, passt exakt in diese Linie. In einer Pressekonferenz hatte er gesagt, der Konflikt "neigt sich dem Ende zu". Das war der erste öffentliche Testballon, der die russische Gesellschaft auf einen kontrollierten, natürlich siegreichen Abschluss des Kriegs vorbereiten soll. Gleichzeitig plant die Präsidialverwaltung eine "emotionale Neuausrichtung" der sogenannten Z-Patrioten, die Marginalisierung radikaler Kriegsblogger sowie symbolische Belohnungen für Veteranen, um Kritik am Kompromiss im Keim zu ersticken.
Der Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte, Oleksandr Syrskyi, sprach bereits im März von russischen Plänen, 2026 weitere 409.000 Soldaten zu rekrutieren. Zudem sollen nach Angaben der ukrainischen Militärgeheimdienste allein 2026 mindestens 18.500 ausländische Kämpfer angeworben werden, vor allem aus Zentralasien, Afrika und Asien. Dazu kommen verstärkte Vertragswerbung - über 80.000 neue Vertragssoldaten allein in den ersten Monaten 2026 -, Druck auf Studierende und Unternehmen, Reservisten-Übungen sowie gesetzliche Anpassungen, die eine schleichende, verdeckte Mobilisierung ermöglichen, ohne die politisch riskante offene Generalmobilmachung von 2022 zu wiederholen.
Nato-Analysen sehen derzeit keine unmittelbare offene Massenmobilmachung, doch die Tendenz ist klar: Russland will seine Personalverluste ausgleichen - die im April 2026 erstmals seit Langem zu einem Netto-Territorialverlust führten - und die Front stabilisieren oder weiter vorantreiben.
Mobilisierung als Rückversicherung
Dahinter steckt kein Widerspruch, sondern bewusstes Kalkül: Der Kreml verfolgt zwei parallele Gleise. Auf dem Propaganda-Gleis bereitet er, wie das vom Dossier Center veröffentlichte Dokument zeigt, die Gesellschaft auf einen "guten Frieden" vor. "Wir müssen wissen, wann Schluss ist. Zu viel ist eine Niederlage: Die Fortsetzung der SMO wäre ein Pyrrhussieg", heißt es in der Präsentation - das Kürzel SMO steht für die "Spezielle Militäroperation", wie der Krieg in Russland genannt wird.
Gleichzeitig wird massiv rekrutiert, um die territorialen Minimalgewinne zu sichern, die für das "Sieg-Bild" nötig sind. Putin will aus einer Position der Stärke heraus einen Kompromiss erzwingen, der zu Hause als Triumph durchgeht. Die Mobilisierung dient zugleich als Druckmittel gegenüber dem Westen und als Rückversicherung: Falls die Verhandlungen scheitern, kann Russland weiterkämpfen.
Das erklärt auch den Zeitpunkt. Die Rekrutierungspläne sind seit Monaten bekannt, während Putins Aussage vom 9. Mai und auch der Leak als bewusste narrative Vorbereitung gesehen werden müssen.
Der Westen darf es Putin nicht zu leicht machen
Hier liegt eine strategische Falle für die Ukraine und den Westen. Wenn man Putin jetzt einen allzu komfortablen Kompromiss zugesteht - ohne klare Sicherheitsgarantien für die Ukraine und ohne spürbare langfristige Kosten für Russland -, dann erhält der Kreml alles, was er braucht: ein "Bild des Sieges", das innenpolitisch hält, eine gestärkte Armee durch die laufende Rekrutierung und das Signal, dass Aggression sich lohnt. Ein solcher "Frieden" wäre keine Lösung, sondern lediglich eine Atempause. Putin hätte dann in der Tat bewiesen, dass er den Westen "überlistet" hat - und könnte in wenigen Jahren gegen die Rest-Ukraine, Moldau oder ein anderes Land zuschlagen.
Um einen künftigen Krieg zu verhindern, darf der Westen es Putin nicht zu leicht machen. Ein nachhaltiger Frieden erfordert klare Abschreckung an den neuen Grenzen durch Nato-Präsenz und eine starke ukrainische Armee, langfristige Sanktionen, die Russlands Kriegsmaschine schwächen, und keinen Blankoscheck für das Sieg-Narrativ. Nur wenn der Preis für Putins "Sieg" spürbar bleibt - militärisch, wirtschaftlich und politisch -, lernt der Kreml, dass weitere Abenteuer zu teuer sind.
Der Leak des Dossier Centers und die ukrainischen Warnungen zusammen sind daher mehr als eine Momentaufnahme. Sie enthüllen Putins Spiel: Er bereitet nicht nur das Ende des aktuellen Kriegs vor - er bereitet vor allem den nächsten Versuch vor, falls der Westen ihm den Ausweg lässt.