Politik

Hans-Dietrich Genscher ist tot Der Mann mit dem gelben Pullunder

Er war 23 Jahre Bundesminister in Bonn, davon 18 Jahre Außenminister. Elf Jahre führt er die FDP, deren Niedergang ihm großen Kummer bereitet hat. Vor allem aber bleibt der Name Hans-Dietrich Genscher mit dem diplomatischen Ringen um die Deutsche Einheit verbunden.

Es ist der 17. Mai 1992 und eigentlich ein ganz normaler Tag im politischen Bonn. Die erste gesamtdeutsche Regierung unter Führung von Helmut Kohl amtiert seit gut anderthalb Jahren. Die Koalition aus Union und FDP schlägt sich mit den wirtschaftlichen Problemen in Ostdeutschland herum. Dort überleben viele Betriebe den Übergang von der Plan- zur Marktwirtschaft nicht, die Arbeitslosenquote steigt und steigt, die eingesetzte Treuhand steht im Mittelpunkt der Kritik - Nachrichten, die täglich über den Ticker laufen und nicht mehr für großes Aufsehen sorgen. Mitten hinein platzt eine überraschende Meldung: Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher erklärt seinen Rücktritt, und zwar auf eigenen Wunsch. Mit ihm verlässt ein politisches Schwergewicht das schwarz-gelbe Kabinett.

Für die meisten Bundesbürger kommt die Demission des damals 65-Jährigen unerwartet. Vor allem die Jüngeren von ihnen konnten sich bis zu diesem Zeitpunkt nicht vorstellen, dass Genscher nach vielen Jahren als bundesdeutscher Chefdiplomat von einer Minute auf die andere das Auswärtige Amt verlassen würde - so ganz ohne Ankündigung. Für sie ist es bisher schlichtweg undenkbar gewesen, dass ein deutscher Außenminister anders heißen könnte.

Genscher genießt nach seinem gelungenen Coup diesen Augenblick sichtlich. Der mit allen politischen Wassern gewaschene Liberale hat es wieder einmal allen gezeigt, denn er hat es geschafft, seinen seit längerem geplanten Schritt bis zur letzten Sekunde geheimzuhalten. Er habe Herr des Verfahrens sein wollen, sagte er später einmal. Besser aus eigenen Stücken zurücktreten, als später dazu aufgefordert werden. Es ist ein taktisches Meisterstück, eine typische Genscher-Aktion.

Auch mehr als 20 Jahre später war Genscher in dieser Frage mit sich im Reinen. Es seien vor allem gesundheitliche Gründe gewesen, die ihn zum Rücktritt bewogen hätten, so der Mann aus Reideburg, das seit 1950 ein Ortsteil von Halle an der Saale ist. Die 23 Jahre als Minister - Genscher war vor seiner Zeit als Außenminister fünf Jahre lang Bundesinnenminister gewesen - hatten seiner Gesundheit arg zugesetzt. In den Wendejahren 1989 und 1990 kämpfte er mit den Nachwirkungen von zwei Herzinfarkten. So blieb er auch 1994 standhaft und ließ Offerten, Richard von Weizsäcker als Bundespräsident zu beerben, an sich abprallen.

Keine Zukunft in der DDR

Wie fast alle deutschen Männer, die in den späten 1920er-Jahren geboren wurden, erlebte Genscher die Endphase des Zweiten Weltkriegs in Wehrmachtsuniform. Im Alter von 17 Jahren wurde er Mitglied der NSDAP. Das soll allerdings ohne sein Wissen per Sammelantrag geschehen sein. Bereits seit 1943 als Luftwaffenhelfer eingesetzt, meldete er sich 1945 freiwillig zur Wehrmacht. Nach eigener Aussage wollte Genscher einer Zwangsrekrutierung durch die Waffen-SS entgehen. So erlebte er das ruhmlose Ende des sogenannten Tausendjährigen Reiches als Angehöriger der "Armee Wenck". Eine Kriegsgefangenschaft unter Obhut von US-Amerikanern und Briten schloss sich an.

Die Irrungen und Wirrungen in der Zeit nach der großen Katastrophe bestimmten auch das Leben des Hans-Dietrich Genscher. Er wollte sein Leben im Osten Deutschlands fortsetzen und fand den Weg zur Liberal-Demokratischen Partei Deutschlands (LDP). Aber in der damaligen sowjetischen Besatzungszone, aus der am 7. Oktober 1949 die DDR entstand, war kein Platz für Menschen mit freiheitlichen Ideen. Die LDP und die anderen Parteien mussten sich der alleinherrschenden SED beugen und wurden gleichgeschaltet. So war es folgerichtig, dass der freigeistige Gerichtsreferendar Genscher sein geliebtes Halle verließ und in die Bundesrepublik übersiedelte, wo in den ersten Jahren seines bundesrepublikanischen Daseins die Hansestadt Bremen seine neue Heimat wurde.

Genscher erlebt mehr als 60 Jahre Auf und Ab der FDP

Genscher, der 1952 Mitglied der FDP wurde, geriet schon frühzeitig in die Mühlen der Politik. Bereits 1956 - mit 29 Jahren - erhörte er die Rufe aus dem damaligen Hauptstadt-Provisorium Bonn und ließ sich am Rhein nieder. Wissenschaftlicher Assistent, Fraktionsgeschäftsführer und Bundesgeschäftsführer - Genscher kannte seine Partei, als er 1965 in den Deutschen Bundestag einzog, bereits aus dem Effeff.

In der Zeit der Großen Koalition unter CDU-Kanzler Kurt Georg Kiesinger (1966-1969) kämpfte die FDP als einzige Oppositionspartei im Bundestag um ihr politisches Überleben. Gemeinsam mit dem neuen Parteichef Walter Scheel vollzog er einen für die FDP nicht ungefährlichen Kurswechsel, der 1969 in eine Koalition mit der SPD mündete. Trotz ihres bis dato schlechtesten Wahlergebnisses von 5,8 Prozent (unterboten wurde das erst 2013, als die Partei erstmals aus dem Bundestag flog) spielten die Liberalen im damaligen Drei-Fraktionen-Parlament das Zünglein an der Waage und sorgten dafür, dass die Union nach 20 Jahren an der Regierung den Gang in die Opposition antreten musste.

Die derzeitige Situation der FDP verdeutlicht: Geschichte wiederholt sich mitunter. Die Situation einer Partei, die an den Rand der politischen Bedeutungslosigkeit gedrängt wird, ist auch Genscher geläufig. Allerdings musste er in seiner aktiven Zeit nie erleben, dass seine Partei aus dem Bundestag ausschied - das geschah erst 2013 nach einem beispiellosen Fall der Partei von 14,6 Prozent bei den Bundestagswahlen 2009 auf nurmehr 4,8 Prozent.

Anfangs unterschätzter Außenpolitiker

Genscher war Minister unter drei Bundeskanzlern von zwei verschiedenen Parteien: Willy Brandt, Helmut Schmidt und Helmut Kohl. Seine erste große politische Bewährungsprobe als Bundesinnenminister sollte nicht lange auf sich warten lassen, als 1972 während der Olympischen Spiele in München israelische Sportler von Palästinensern als Geiseln genommen wurden. Dabei bot sich Genscher sogar als Austauschgeisel an, was von den Kidnappern abgelehnt wurde. Die Geiselnahme endete blutig, und Genscher zog entsprechende Schlussfolgerungen: Die Anti-Terror-Einheit GSG 9 wurde gebildet.

Die von der Brandt-Scheel-Regierung eingeleitete neue Ostpolitik sollte Genscher ab 1974 forcieren, als er in das Auswärtige Amt einzog. Scheels Amtsantritt als Bundespräsident sorgte für einen weiteren Karriereschub des damals 47-Jährigen, der auch noch elf Jahre lang FDP-Vorsitzender war. Genschers Ernennung sorgte nicht nur für Zustimmung, denn er galt als Innenpolitiker und somit als außenpolitisches Leichtgewicht. Doch Genscher lernte schnell, knüpfte Kontakte und organisierte sich unter dem außenpolitisch ambitionierten Bundeskanzler Schmidt entsprechende Freiräume.

Im Laufe der Jahre machte das Wort "Genscherismus" die Runde - ein ständiges Lavieren zwischen Ost und West, ohne dabei die Verankerung der Bundesrepublik im westlichen Bündnis in Frage zu stellen. Genschers intensive diplomatische Tätigkeit, die von Kritikern mitunter als "deutsche Schaukelpolitik" bezeichnet wurde, gilt aus heutiger Sicht als ein Grundstein für den Wegfall des sogenannten "eisernen Vorhangs" in Europa. Genscher verhandelte, schlichtete und sprach im Vier-Augen-Gespräch auch schon mal Klartext, ohne dass dies publik wurde. Große Teile seines Lebens verbrachte er im Flugzeug. Spötter sagten, dass er sich in der Luft schon selbst begegnet sei.

Als einer der ersten deutschen Politiker nahm Genscher die Reformankündigungen des neuen starken Mannes in der Sowjetunion ernst. Er schlichtete den Zwist zwischen dem Kremlchef und seinem dritten Chef Helmut Kohl, der Gorbatschow mit dem Nazi-Propagandaminister Joseph Goebbels verglichen hatte. Außenpolitisches Geholze war nicht Genschers Sache - eine Eigenschaft, die sich in den turbulenten Monaten 1989/1990, die zur Einigung Deutschlands führten, auszahlen sollte. Durch beharrliche Arbeit wurden dicke außenpolitische Bretter gebohrt. Wie Kohl pflegte auch Genscher gute Beziehungen zu Kollegen wie Eduard Schewardnadse, James Baker oder Douglas Hurd - er tat dies allerdings diskreter als der Pfälzer.

Hohes Ansehen in Ostdeutschland

Seine größte Stunde sollte Genscher im September 1989 in Prag erleben. "Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise ..." - Genschers Worte gingen im Jubel der rund 4000 Deutschen aus der DDR, die in die bundesdeutsche Botschaft geflüchtet waren, unter. Kurz darauf fiel die Berliner Mauer und ein Jahr später wurde Deutschland auf friedlichem Weg vereint. Genscher suchte, so oft er konnte, seine geliebte Heimatstadt Halle auf.

Er verhielt sich während des komplizierten diplomatischen Prozesses hin zur Einheit sehr geschickt. So sorgte Genscher dafür, dass die Verärgerung in der FDP über Kohls Alleingang mit dem "Zehn-Punkte-Plan" nicht zu einer Koalitionskrise ausuferte. Er stellte das große Ganze über Parteiinteressen und sorgte so für die Stabilisierung der Bonner Koalition in dieser für Deutschland schicksalhaften Zeit. Bei den ersten gesamtdeutschen Bundestagswahlen wurde die FDP mit einem Stimmenanteil von 11 Prozent belohnt. Ein wichtiger Grund dafür war das hohe Ansehen, das Genscher im Osten Deutschlands genoss.

Einfluss in der FDP bis ins hohe Alter

Dabei war das Verhältnis des Hallensers mit seiner FDP mitunter sehr spannungsreich. Der von ihm und dem damaligen Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff betriebene Koalitionswechsel von der SPD hin zur Union im Herbst 1982 zerriss die Partei fast. So verließen hoffnungsvolle Nachwuchskräfte wie Ingrid Matthäus-Maier und Günter Verheugen die Liberalen und schlossen sich den Sozialdemokraten an. Auf Parteiveranstaltungen wurde Genscher regelrecht angefeindet. Aber er stand diese Zeit durch. Aller Unkenrufe zum Trotz schaffte die FDP im März 1983 mit 7 Prozent relativ sicher wieder den Einzug in den Bundestag.

Ende 2013 lagen die Liberalen wieder am Boden, erstmals flogen sie aus dem deutschen Parlament - ein Zustand, der Genscher auf seine alten Tage sehr schmerzte. Ohnmächtig musste Genscher, der es immer schaffte, seiner kleinen Partei in Regierungsbündnissen ein gewisses Gewicht zu verleihen, zusehen, wie die FDP zu einer bundespolitischen Lachnummer verkam. Genscher sagte es klar: Er sah seine Partei in ihrer Existenz bedroht.

Zum Tod seines politischen Enkels Guido Westerwelle am 18. März ließ Genscher mitteilen, mit diesem werde das Wahlergebnis der FDP von 2009 "unvergessen bleiben". Allerdings hatte er auch 2011 die sogenannte "Boygroup" um den nur zwei Jahre später krachend gescheiterten Vorsitzenden Philip Rösler unterstützt, die Westerwelle als Parteichef absägte. Westerwelle hatte als Außenminister unter Bundeskanzlerin Merkel zwar kein Gewicht wie einst Genscher aufbauen können. Trotzdem hielt Genscher große Stücke auf den markanten FDP-Politiker: "Er war eine große politische Begabung und ein herzensguter Mensch", schrieb Genscher. An den Trauerfeierlichkeiten für Westerwelle nahm Genscher aus gesundheitlichen Gründen schon nicht mehr teil. In der Nacht zum 1. April starb er kurz nach seinem 89. Geburtstag im Kreise seiner Familie in seinem Haus in Wachtberg-Pech im Rheinland.

Quelle: n-tv.de