Politik

V-Mann erneut im Fokus Der NSU und immer wieder "Primus"

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In Zwickau lebte das untergetauchte NSU-Trio offenbar ziemlich offen.

(Foto: dpa)

Was wusste V-Mann "Primus" von den NSU-Morden? War er gar daran beteiligt? Wieder einmal wird deutlich: Der Verfassungsschutz war dem Terror-Trio ziemlich nah und erfuhr trotzdem nichts.

Schon seit längerem gehört V-Mann "Primus" zu denen, die wahrscheinlich wichtige Antworten zum mörderischen Treiben des Nationalsozialistischen Untergrunds liefern könnten. Doch "Primus" schweigt oder wiegelt ab. Nun kommt heraus: Ralf Marschner alias "Primus" war noch näher am untergetauchten NSU-Trio als bisher vermutet.

Uwe Mundlos sei von 2000 bis 2002 unter einer Tarnidentität als Vorarbeiter bei einer Baufirma im sächsischen Zwickau tätig gewesen, die Marschner gehört habe, berichtete ein Autorenteam der "Welt" in ihrer ARD-Dokumentation "Der NSU-Komplex". Auch Beate Zschäpe soll in einer anderen Marschner-Firma beschäftigt gewesen sein, berichtet jetzt dpa.

Marschner war als V-Mann "Primus" bereits Mitte der 1990er Jahre zunächst vom Bayerischen Landesverfassungsschutz angeworben worden. Schon 2012 hatte der Mann, der Marschner sozusagen "entdeckte", bei n-tv.de ausführlich darüber berichtet, wie er den Kontakt zu Marschner aufbaute, festigte und ihn schließlich an den Bundesverfassungsschutz (BfV) übergab. Der Verfassungsschutzmann ist bis heute sicher, dass "die Kölner", also das BfV, mit "Primus" eine Quelle hatten, die fast bis zuletzt ganz nah an der Zwickauer Terrorzelle dran gewesen sein muss. Doch wegen der "problembehafteten Führung" des V-Mannes erfuhr der Verfassungsschutz trotzdem so gut wie nichts.

Lügen und Ausflüchte

Sollte sich bestätigen, dass Mundlos und Zschäpe bei Marschner gearbeitet haben, wäre dies gleich in mehrfacher Hinsicht ein starkes Stück. Bisher hat "Primus" vehement bestritten, das seit 1999 in seiner Umgebung untergetauchte Trio gekannt zu haben. Das glaubte ihm sein früherer V-Mann-Führer allerdings nie. "'Primus' kennt alle anderen Leute, Andre E., Jan W., und ausgerechnet Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos will er nie über den Weg gelaufen sein? Das kann kaum sein", sagte er 2013 n-tv.de.

Zum anderen wäre damit klar, dass Marschner den NSU unterstützte. Denn die Beschäftigung fällt bereits in die Zeit der Illegalität, offenbar wurden Tarnidentitäten verwendet. Dies wiederum müsste zu Folge haben, dass der frühere V-Mann als Unterstützer einer terroristischen Vereinigung angeklagt werden müsste. Das allerdings könnte zumindest im Fall Mundlos schwierig werden, denn die Straftat verjährt nach zehn Jahren. Anders sieht es bei Zschäpe aus, die zwischen 2008 und 2011 in dem Szeneladen "Heaven & Hell" gearbeitet oder wenigstens mit ausgeholfen haben soll. Zudem haben sich die Ankläger im NSU-Prozess darauf festgelegt, dass die rechtsterroristische Gruppe nur aus Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt bestanden hat. Damit kann Marschner zumindest derzeit auch keine Mittäterschaft zur Last gelegt werden.

Außerdem steht bereits seit längerem der Vorwurf im Raum, Böhnhardt und Mundlos seien in einem Auto an Tatorte von NSU-Morden in Nürnberg gefahren, dass für Marschners Firma angemietet worden war. Zunächst war gemutmaßt worden, Marschner hätte das Auto dem in München mitangeklagten Andre E. überlassen, der es dann wiederum an das NSU-Trio weitergab. Möglicherweise war es aber gar nicht so kompliziert. "Primus" stritt im Februar 2013 bei seiner Einvernahme durch das BKA ab, diese Fahrzeuge "dritten Personen" überlassen zu haben. Seine Antwort: "Nein, meines Wissen nicht". Wäre Mundlos Marschners Angestellter gewesen, hätte er sogar die Wahrheit gesagt.

Fakten nur häppchenweise

Nicht zuletzt stellt sich die Frage des Geldflusses. Marschners V-Mann-Führer sagte, für den Spitzel habe sich die Tätigkeit für den Bundesverfassungsschutz offenbar gelohnt. Er habe Marschner als Gelegenheitsarbeiter kennengelernt, am Ende habe er eine Baufirma gehabt. Marschner hatte sogar mehrere Läden und Firmen, ein erfolgreicher Geschäftsmann wurde er trotzdem nie. Möglicherweise bezahlte er aber Mundlos und auch Zschäpe mit Geld, dass er selbst vom Verfassungsschutz bekommen hatte.

Angeblich wurde "Primus" 2002 abgeschaltet, 2010 wurde seine Akte geschreddert, erst 2012 gestand das BfV überhaupt ein, dass Marscher sein V-Mann "Primus" war. 2007 verließ Marschner Deutschland, seit 2009 lebt er in der Schweiz. Zur Aufklärung der Taten des NSU hat er bisher nichts beigetragen.

Quelle: ntv.de